Zur Ausgabe
Artikel 17 / 68

MANAGER-GEHÄLTER Anruf ohne Grund

aus DER SPIEGEL 34/1966

Bei Kriminalhauptmeister Christian Bröhl vom 14. (politischen) Kommissariat in Köln hätte es geklingelt. »Mehrere Firmen« berichteten am Telephon, eine »Arbeitsgemeinschaft für Gehaltsforschung« verlange von ihnen »Unterlagen über Verdienste usw.«

Die Anrufe erfüllten ihren Zweck, insbesondere die Abkürzung machte den Polit-Detektiv mißtrauisch. Bröhl: »Was 'usw.' bedeutete, mußte irgendwie geklärt werden.« Er vermutete den Tatbestand der Ausspähung von Staatsgeheimnissen in der Industrie und begann zu ermitteln.

Die Arbeitsgemeinschaft hatte freilich nicht versucht, in Rüstungsinterna einzudringen. Ihre Gehaltsforschung beschränkte sich darauf, 710 deutsche Manager, die im Büro des Frankfurter Personalberaters Dr. Maximilian Schubart vorstellig wurden, nach ihren Einkünften zu befragen. Schubart und sein Mitautor, der Kölner Soziologe Professor Erwin K. Scheuch, hatten Gehälter und Tantiemen zusammengestellt und waren zu dem Schluß gekommen, daß in der Industrie nicht annähernd soviel verdient werde, wie die Öffentlichkeit gemeinhin annehme (SPIEGEL 31/1966).

Bröhl kannte die Untersuchung nicht, und ein weiteres Telephongespräch nährte seinen Verdacht. Kölns Einwohnermeldeamt teilte ihm mit, der Sitz der Arbeitsgemeinschaft in Köln -Braunsfeld, Paulistraße 26, sei unbewohnt. »Weil der Osten immer neue Institutionen ins Leben ruft«, zog der Beamte den Kleppermantel an und fuhr zur Paulistraße.

Unter dem Haus Nummer 26 hatte er sich eine Bruchbude vorgestellt, von der aus Ulbrichts Agenten in den Untergrund schlüpften. Statt dessen kam er zu einer Villa, wo ihn Sekretärin Else Lindner höflich nach seinem Begehr fragte. Bröhl entschuldigend: Da sei doch eine Untersuchung über Gehälter im Gange, und er müsse vorsichtig sein, »weil man nie weiß, was der Osten macht«.

Die vier Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft, die der Hauptmeister einvernehmen wollte, waren nicht zugegen. Autor Schubart badete an der Costa Brava, Vertriebsfachmann Werner Friedlein auf Juist und Friedlein-Kollege Adolf Theobald in Kölns Stadtbad.

Einzig Mitautor Scheuch arbeitete. Aufs neue freilich ging Kriminalist Bröhl nicht den direkten Weg - in Scheuchs Institut für vergleichende Sozialforschung an der Kölner Universität -, sondern zu Scheuchs Vorgesetzten. Der Dekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät, Professor Edmund Sundhoff, erfuhr, daß die politische Polizei »im präventiven Raum« tätig geworden sei.

Von anderer Seite war bereits der Rektor Professor Günter Schmölders angegangen worden. Bei ihm hatte sich Professor Ernst Schneider, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages schriftlich gegen Scheuchs Analysen verwahrt. Westdeutschlands Manager, die auch den Anstoß zu den kriminalpolizeilichen Ermittlungen gegeben hatten, zählen Gehälter und Tantiemen zu ihrer Intimsphäre.

Der Rektor war dem Vorwurf unverzüglich nachgegangen. Aber obwohl ein universitätseigenes Schnellgutachten Scheuch von dem Verdacht eines Dienstvergehens gereinigt hatte, löste die Kriminalpolizei durch ihre Forschungsarbeit an der hohen Schule erneut Gerüchte aus. Kern: Scheuch, Schubart, Friedlein und Theobald hätten möglicherweise bei Rüstungsfirmen Gehälter ausgeforscht, an denen der Osten interessiert sei.

Kriminalhauptmeister Bröhl mußte sich schließlich überzeugen lassen, daß die Arbeitsgemeinschaft keine Industriespionage für die Kommunisten betrieben, sondern ein Buch geschrieben hat, das zum Preis von 1800 Mark frei erhältlich ist.

Kombinierte der Spionen-Jäger: »Dann ist die Arbeitsgemeinschaft keine staatsfeindliche Organisation, sondern eine legale bundesrepublikanische Angelegenheit.« Sprach's und versicherte, für das 14. Kommissariat sei die Sache erledigt.

Soziologie-Professor Scheuch

Was bedeutet usw.?

Zur Ausgabe
Artikel 17 / 68
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.