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Österreich »Anstand und Fleiß«

aus DER SPIEGEL 42/1994

SPIEGEL: Sie hatten erneut einen großen Wahlerfolg. Ihre FPÖ legte 6 Prozentpunkte zu und überwand erstmals die 20-Prozent-Marke bei Nationalratswahlen. Gibt es für Jörg Haider noch Grenzen?

Haider: Noch besteht für uns ja nicht die Gefahr, daß wir zu mächtig werden. Gingen wir auf die absolute Mehrheit zu, hätte ich mit mir selber keine Freude mehr, weil ich jemand bin, der absolute Mehrheiten zutiefst verabscheut.

SPIEGEL: Jeder vierte FPÖ-Wähler kam diesmal von den Sozialdemokraten. Vor allem in den Arbeiterbezirken konnten Sie Stimmen gewinnen. Wollen Sie aus der FPÖ eine nationale Arbeiterpartei machen?

Haider: Ich möchte verwirklichen, was am Beginn der Freiheitlichen Partei als Zielsetzung stand: eine freiheitlich-soziale Bewegung in Österreich nach den Vorstellungen von Friedrich Naumann. Das hat es in der Bundesrepublik und in Österreich nie gegeben. Ich möchte die leistungsorientierten, fleißigen, auch einkommensschwachen Schichten der Bevölkerung optimal vertreten.

Liberale Parteien, die sich zu Fürsprechern der Besserverdienenden machen, sind nicht liberal, sondern Interessensklüngel von Millionären . . .

SPIEGEL: . . . und der Millionär Haider ist der Fürsprecher der kleinen Leute?

Haider: Ja. Es war ja seinerzeit auch bei der Gründung der Sozialdemokratie so, daß Viktor Adler als wohlbetuchter Millionär die Bewegung gegründet und sein Geld hineingesteckt hat, damit den Arbeitern geholfen werden kann, während das heute umgekehrt ist. Heute geht der Vranitzky als armer Schlucker in die Partei und wird dadurch Millionär, aber die Leute bleiben weiterhin arm.

SPIEGEL: Sie wollen die kleinen Leute vor der Sozialdemokratie in Schutz nehmen?

Haider: So ist es. Weil die Sozialdemokratie kein Herz mehr hat. Ich leiste den Beitrag mit meiner Gruppe, daß wir das politische System lockern, Privilegien und Verfilzungen aufbrechen.

SPIEGEL: Ausländische Medien werten Ihren Erfolg als Vormarsch von Rechtspopulismus und Fremdenfeindlichkeit - könnte das Österreich international isolieren, wie einst unter Waldheim?

Haider: Nein. Ich glaube, daß es an den öffentlichen Vertretern Österreichs liegt, klarzustellen, daß die FPÖ eine lupenrein demokratische Partei ist, die nur ausspricht, was viele Leute bewegt.

SPIEGEL: Aber Sie schüren die Angst vor den Fremden.

Haider: Die FPÖ ist auch in der Ausländerpolitik wesentlich maßvoller als andere westeuropäische Parteien. Ich denke dabei etwa an die Liberalen in Holland mit ihren Vorstellungen, daß nurmehr weiße Flüchtlinge aufgenommen werden dürfen. Deren Vorsitzender wird demnächst Präsident der Liberalen Internationale, und darüber regt sich kein Mensch auf. Das wäre bei uns undenkbar, Flüchtlinge auszugrenzen und zu sagen, es dürfen nurmehr Weiße herein . . .

SPIEGEL: . . . dagegen würden Sie dann heftig protestieren?

Haider: Und wie! Das ist ja ein Verstoß gegen die Genfer Konvention. Uns geht es nur darum, die Illegalen, die damit verbundene Kriminalität und die Chance des organisierten Verbrechens in Österreich zu reduzieren. _(* Am Wahlabend des 9. Oktober. )

SPIEGEL: Sie wollen bis 1998 Bundeskanzler werden, zeigen jetzt aber Interesse am Posten des Wiener Bürgermeisters.

Haider: Ich wurde für diesen Posten ins Spiel gebracht. Aber ich sage unmißverständlich: Es gibt für mich in der Bundespolitik ein klares Ziel: 1998 Bundeskanzler.

SPIEGEL: Sie geben der Großen Koalition kein langes Leben. Wollen Sie dann mit der ÖVP eine Kleine Koalition bilden - mit Haider als Kanzler?

Haider: Die ÖVP ist jedenfalls ein möglicher Partner - eine ÖVP nach Busek, denn mit Busek kann und will ich nicht, der ist für mich eher ein Sozialist. 1996 könnte der Bruch passieren. Dann wäre es realistisch, daß wir 1998 Anspruch auf den Kanzlerposten anmelden.

SPIEGEL: Sie haben Bundeskanzler Kohl als natürlichen Verbündeten bezeichnet und gesagt, Sie hätten ihn getroffen. Der will sich daran nicht erinnern.

Haider: Kohl trifft viele Leute, vielleicht hat er vergessen, daß ich ihm einmal in Österreich vorgestellt wurde. Wahrscheinlich hab'' ich ihm keinen Eindruck gemacht.

Trotzdem halte ich ihn für einen Verbündeten, weil er Stehvermögen gegenüber allen linken Anfeindungen bewiesen hat und den Kurs verfolgt, in der Gesellschaftspolitik wieder Wertvorstellungen zu etablieren wie Familie, Anstand, Verläßlichkeit, Fleiß, die auch meiner Überzeugung entsprechen.

SPIEGEL: Können Sie sich eine Zusammenarbeit mit italienischen Neofaschisten oder den deutschen Republikanern vorstellen?

Haider: Ich habe hier immer einen klaren Trennstrich gezogen: Parteien, die sich als rechtsextrem bezeichnen, können niemals Partner für uns sein.

SPIEGEL: Wollen Sie Ihren Freunden in Deutschland jetzt Nachhilfeunterricht erteilen?

Haider: Das ist schwer. Man kann nur gute Leute, die eine Marktlücke im politischen Spektrum entdecken, unterstützen, aber nie ihre eigene Leistung ersetzen. Es wird in Deutschland eine freiheitliche Kraft geben müssen, die sich einpendelt rechts von der CDU/CSU als wirtschaftsliberale, freisinnige Bewegung, die auch konservative Gedanken vertritt, so wie wir. Das fehlt jetzt in Deutschland. Y

* Am Wahlabend des 9. Oktober.

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