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KOSMOS Anti-Darwin?

aus DER SPIEGEL 8/1960

Die Zeitschrift »Divinitas«, Organ der Päpstlichen Theologischen Akademie in Rom, veröffentlichte kürzlich eine Sondernummer, die dem Wirken eines Mitglieds der Societas Jesu gewidmet war: dem Ostern 1955 in New York im Alter von 74 Jahren verstorbenen französischen Geologen und Vorweltforscher, Pater Pierre Teilhard de Chardin - von mütterlicher Seite ein direkter Nachkomme des radikal antikirchlichen Dichter-Philosophen der französischen Aufklärung, Voltaire.

Absicht des Vatikan-Organs war allerdings weniger, dem Jesuitenpater posthume Ehrungen zu erweisen, der 1929 zusammen mit dem Amerikaner Black ein 350 000 Jahre altes Verbindungsglied zwischen dem Menschen und dessen vermuteter, affenähnlicher Vorstufe entdeckte - den sogenannten Peking-Menschen. Vielmehr sprach »Divinitas« in einem lateinischen Vorwort die Ansicht aus, Teilhard habe als »Ketzer« zu gelten, wenn auch mit der Einschränkung, der Jesuit verdiene diesen Titel »subjektiv vielleicht nicht, wegen seiner Gutgläubigkeit«.

Ein Mitglied des Ordens der unbeschuhten Karmeliter, Pater Philippus von der Dreieinigkeit, apostrophierte Teilhard, nach einer ironischen Verbeugung vor dem »Wissenschaftler«, als einen theologischen »Truggeist«, der dogmatisch für die Kirche eine Gefahr bedeute. Dieser Meinung kommt insofern Bedeutung zu, als Pater Philippus in der obersten Dogmen-Behörde der römischen Kurie, der für Index-Beschlüsse zuständigen Kongregation des Heiligen Offiziums, das Amt eines Qualifikators, eines theologischen »Anklägers« oder »Staatsanwalts«, versieht.

Die - vorerst noch inoffizielle - Attacke Roms fällt zeitlich zusammen mit der Buchherausgabe der bislang nur aus behelfsmäßigen Vervielfältigungen bekannten Schriften des Paters Teilhard de Chardin; so vor allem seines Hauptwerks, des »Phénomène humain«, das kürzlich unter dem Titel »Der Mensch im Kosmos"* auch in einer deutschen Ausgabe erschienen ist. Das Buch, dem die kirchliche Zensurbehörde die Druckerlaubnis - das sogenannte Imprimatur - verweigerte, wurde unter dem Patronat der italienischen Exkönigin von einem neutralen wissenschaftlichen Gremium ediert. Der Jesuitenpater hat in diesem Buch den Versuch unternommen, das seit je gegensätzliche naturwissenschaftliche und theologische Denken miteinander auszusöhnen.

Diese Aussöhnung glaubt der Jesuitenpater - von einem prominenten Bewunderer, dem französischen Physiker Andre George, »Pilgrim der Zukunft« oder auch »Fallschirmjäger der Christenheit« getauft- dadurch herbeiführen zu können, daß er den göttlichen Schöpfungsakt, von dem die Bibel berichtet, als gewissermaßen noch nicht abgeschlossen definiert, sondern als einen Prozeß, der noch andauert.

Dieser Prozeß, der beim »Punkt Alpha« (so genannt nach dem ersten Buchstaben des griechischen Alphabets) begann, strebt

- von hier an folgt Pater Teilhard de Chardin ungefähr den Ergebnissen der Naturwissenschaft - von einfachen zu immer komplizierteren und differenzierteren Formen. Als Stufen in diesem Prozeß markiert Teilhard

- die »Vitalisation« (die Entstehung des Organischen aus dem Anorganischen);

- die Selbstvermehrung der Organismen;

- die Evolution (die Entwicklung der

Gattungen);

- die »Cérébration« (die Gehirnwerdung).

Durch diese »Cérébration«, die Ausstattung von Lebewesen mit Gehirn, mit dem Bewußtsein, mit der Denkfähigkeit, wird die »Biosphäre«, die Welt des organischen

Lebens, zur »Noosphäre« weiterentwickelt, zur Verstandeswelt. Als Endpunkt der gesamten Entwicklung sieht Teilhard einen - nun wieder theologisch bestimmten - »Punkt Omega« an (so genannt nach dem letzten Buchstaben des griechischen Alphabets), in dem die gesamte Entwicklung kulminiert und gleichzeitig eine Art mystischer Vereinigung mit Gott vollzieht. Im Punkt Omega »läuft alles zusammen, findet seine Erklärung, fühlt sich geborgen, besitzt sich selbst«.

Teilhards Versuch einer Aussöhnung des christlichen Glaubensbekenntnisses mit der Naturwissenschaft widerspricht in vielem der kirchlichen Anschauung von der Entstehung des Kosmos und des Menschen, zum Beispiel der biblischen Legende, derzufolge die gesamte Menschheit von Adam, dem sündig gewordenen Urvater, abstammen soll. Noch Papst Pius XII. (Regierungszeit 1939 bis 1958) hatte in seiner Enzyklika »Humani generis« 1950 ausdrücklich die Unantastbarkeit dieser Legende verkündet. Entsprechend wachsam ist die Kirche gegen jede Annäherung der Gläubigen an die - vornehmlich mit dem Namen des englischen Naturforschers Charles Darwin (1809 bis 1882) verbundene - »Deszendenz-Theorie«, deren Grundidee, daß sich höhere Lebensformen aus niederen entwickelt haben, heute von der Wissenschaft nicht mehr angezweifelt werden kann und auch nicht angezweifelt wird.

Entgegen der biblischen Abstammungslegende behauptete auch der naturwissenschaftlich geschulte Teilhard de Chardin: »In den Augen der Wissenschaft, die - aus der Ferne - nur Gesamtheiten erfaßt, ist der erste Mensch eine Menge und kann nichts anderes sein.« Auch den gegenwärtigen Zustand der Menschheit sieht Teilhard nicht, wie die Bibel, als Gipfelleistung der Schöpfung an, vielmehr sei in ihm gewissermaßen erst keimhaft enthalten, was sich noch zu entwickeln habe.

Zu solchen Theorien kam Teilhard am Ende eines Lebens, das er bei aller theologischen Gebundenheit vornehmlich mit exakter Naturforschung verbracht hat. Der 1881 geborene Teilhard de Chardin, Sproß einer Adelsfamilie der Auvergne, wurde in einem Jesuiten-Kollegium erzogen und hatte von Kindheit an ein ausgeprägtes Interesse an Naturwissenschaft. So ermunterten ihn seine Oberen, auch nach der-Weihe zum Priester mit seinen Studien fortzufahren, möglicherweise in der Hoffnung - wie der französische Teilhard-Biograph Viallet witzelte -, an ihm eines Tages den »Anti-Darwin« zu finden, der imstande sei, die Entwicklungslehre zu widerlegen und die Wissenschaft zum Buchstaben der biblischen Genesis zurückzuführen.

Teilhard betrieb Gesteinskunde auf den anglo-normannischen Inseln, wohin er nach der Vertreibung der Jesuiten

aus Frankreich im Jahre 1901 auswich, und in der Grafschaft Kent. Zugleich wandte er sich der Paläontologie zu, der Wissenschaft von den Fossilien, er grub in Ägypten und studierte die Säugetiere Zentraleuropas der dritten Eiszeit.

Eine glanzvolle professorale Karriere schien sich abzuzeichnen. Als Schüler des prominenten französischen Paläontologen Marcellin Boule und des ebenfalls weltberühmten Prähistorikers Abbé Breuil erhielt Teilhard nach dem Ersten Weltkrieg, an dem er als Sanitäter teilnahm, den eigens für ihn errichteten Lehrstuhl für Geologie am Pariser »Institut Catholique«.

1926 traf ihn aber die erste massive Maßregelung Roms: Teilhards Vorlesungen über die Entwicklungslehre und ein als besonders ketzerisch angesehener Aufsatz über die Erbsünde waren Anlaß seiner theologischen Disqualifizierung. Er wurde aufgefordert, sich nach China zu entfernen, wo ihm der Jesuitenorden - mit dem Standort Peking - die Möglichkeit einer relativ freien Forschertätigkeit verschaffte.

Mehr als ein Jahrzehnt lang unternahm der theologisch verdächtige Jesuit ausgedehnte Forschungsreisen durch Asien und Afrika, teils im Auftrag des Pekinger Instituts für Geologie, teils als Mitglied verschiedener wissenschaftlicher Expeditionen; er beschäftigte sich mit der Tektonik der Erdkruste, der Prähistorie und der Fossilienkunde.

Der Schädelfund des »Peking-Menschen«, an dem Teilhard beteiligt war, gilt als der prominenteste wissenschaftliche Ertrag dieser Nomaden-Zeit; der Pater sah diesen Peking-Menschen - gleich dem Ende des vorigen Jahrhunderts entdeckten »Java-Menschen« - nicht als Vorstufe zum Menschen, sondern als ein bereits »intelligentes Wesen« an, das die Schwelle zum Ich-Bewußtsein überschritten habe. Aus dieser Deutung ergibt sich die Schlußfolgerung, daß die Trennung des Menschen von der Tierreihe und damit der biologische Ursprung des Menschen schon vor der ersten Eiszeit zu suchen sei, also vor einer viel längeren Zeit, als bis dahin vermutet wurde. (In Nord- und Mitteleuropa begann die erste Eiszeit - von insgesamt vier Eiszeiten und drei Zwischeneiszeiten - etwa vor 600 000 Jahren, die letzte Eiszeit endete vor etwa 15 000 Jahren.)

Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm der Nimbus des Paters in Pariser theologischen Zirkeln beunruhigende Formen an. Frankreichs bedeutendes wissenschaftliches Institut, das College de France, bot dem Forscher die Nachfolge des Abbé Breuil an; auf Weisung Roms sah sich Teilhard jedoch gezwungen abzulehnen. Er wurde zur Wenner-Gren-Stiftung für Anthropologie nach New York mehr oder minder abgeschoben; die demütige Annahme dieser Kaltstellung und ein förmlicher Unterwerfungsbrief Teilhards an den Ordensgeneral haben offenbar bewirkt, daß die Kirche den Propheten des kosmischen Jesus nicht verstieß und daß ihm heute die römischen »Integristen« - die Verfechter der Dogmentreue - subjektive »Gutgläubigkeit« nicht absprechen. 1955 starb Teilhard de Chardin, 74jährig, in New York.

Der großangelegte Versuch Teilhards, die naturwissenschaftliche Evolutions-Theorie mit den Dogmen der Kirche auszusöhnen und dem Vatikan vorsorglich eine neue spektakuläre Niederlage zu ersparen, wie Rom sie vor der Nachwelt in seinem Streit gegen Kopernikus und Galilei hinnehmen mußte - beide Naturforscher hatten erkannt, daß die Erde nicht im Mittelpunkt des kosmischen Systems steht -, basiert auf den Arbeiten zweier Theologen, die von der Kirche inzwischen sanktioniert worden sind.

Bereits der - heute von der Kirche uneingeschränkt anerkannte - Kirchenlehrer Augustinus (354 bis 430), ein in der Tradition klassischer Philosophie geschulter Mann, hatte die alttestamentliche Schöpfungsgeschichte der sieben Tage ("Im Anfang schuf Gott ...) dahingehend interpretiert, daß Gott in eine Urform der Materie gewissermaßen als Samen oder Keim gepflanzt habe, was sich später entwickelte. Die Schöpfung des Menschen verlegte Augustin in einen Zeitabschnitt, in dem andere - pflanzliche und tierische - Lebensformen bereits ausgebildet gewesen seien.

Ein zweiter bedeutender Harmonisierungsversuch zwischen empirischem Erkennen und Glaubensoffenbarung, der allerdings erst seit 1567 als das maßgebliche philosophische System der Kirche gilt, wurde im Mittelalter unternommen: Über acht Jahrhunderte nach Augustin lehrte Thomas von Aquino (etwa 1225 bis 1274) in Übereinstimmung mit der Philosophie, daß alle Erkenntnis von der Wahrnehmung ausgeht und von der Vernunft geleitet wird; der Verstand bildet die allgemeinen Begriffe, indem er sie am einzelnen ableitet. Thomas, »doctor angelicus« und »princeps philosophorum« genannt ("englischer - das heißt: engelhafter - Lehrer« und »Fürst der Philosophen"), interpretiert das Sein als eine Herarchie, die auf Gott als ihre oberste Stufe hingeordnet ist. Alles Geschehen deutet der Dominikaner Thomas als ein Sich-Entfalten allgemeiner Wesensformen in der - von Gott geschaffenen - Materie; die wirkende Ursache ist der »erste Beweger«, nämlich Gott, zu dem das organische Werden wiederum hinführt.

Thomas von Aquinos erst gegen drei Jahrhunderte nach seinem Tode von der Kirche offiziell akzeptiertes Weltsystem basiert auf der Seinslehre des griechischen Philosophen Aristoteles und auf der Theorie von einer unbewegt inmitten des Fixstern-Himmels schwebenden Erde. Mit dem Kirchen-Philosophen hat der französische Jesuit Teilhard immerhin die Methode der empirischen, von der Erfahrung abgeleiteten Entwicklung eines Systems gemeinsam, das sich zunächst wenig um die Argumente des theologischen Zweifels kümmert. Teilhards Anthropologie führt mit optimistischem Elan von den »Erscheinungen« zur Spitze der Pyramide hin, zum »Punkt Omega«, der bildlich mit dem Gipfel der thomistischen Philosophie übereinstimmt; gemeinsame Basis der Systeme ist, was Teilhard den »Punkt Alpha« nennt, nämlich die »Schöpfung aus dem Nichts«.

Dagegen will Teilhard die Lehre vom Sein als einer gewissermaßen ruhenden Schicht nicht mehr anerkennen er sieht die Schöpfung als Prozeß, als Bewegung, und diese Bewegung, so lautet seine These, ist vom Beweggrund nicht zu trennen. Die Schöpfung strebt, wenn auch nicht im Sinne eines festgelegten Fahrplans, so doch tastend der Einigung zu. »Tout ce qui monte, converge«, ließ der Jesuit als seinen philosophischen Glaubenssatz auf eine Gedenkmünze gravieren: »Alles, was aufsteigt, strebt zusammen.«

Daß die Entwicklung sich »tastend« vollziehe, ist Teilhards Variante zur Theorie des englischen Naturforschers Darwin, demzufolge die Differenzierung der Arten als eine Art Zufallsprodukt anzusehen sei, wobei jeweils nur die lebenstüchtigen Zufallsprodukte erhalten bleiben ("natürliche Zuchtwahl"), während die anderen aussterben. Darwin, der trotz einiger Irrtümer noch heute - neben seinem Vorläufer, dem Franzosen Lamarck - als der »Kopernikus der organischen Welt« gilt, wird von Pater Teilhard de Chardin durchaus mit Wohlwollen zitiert: »Emporkommen des Geeignetsten, natürliche Zuchtwahl«, so heißt es im »Phénomène humain« über Darwin, »das sind nicht leere Worte; vorausgesetzt, daß man mit ihnen weder ein Endziel noch eine letzte Erklärung verbindet.«

Teilhard schlägt vor, Darwins Lehre von der sprunghaften Variabilität der Keime (und anschließender Vererbung der veränderten Merkmale), also die These vom Zufall, der die Entwicklung regiert, durch die These vom »geplanten Zufall« zu ersetzen: durch die Theorie einer Art von lockerer Gesetzmäßigkeit, wie sie sich auch in der Statistik zeige, mit der die Physik heute arbeitet, jener »merkwürdigen Kombination der blinden Willkür großer Zahlen und der genauen Richtung nach einem angestrebten Ziel«. In der Physik kleinster Teilchen ist (stark vereinfacht formuliert) das sogenannte Kausalprinzip - also das Gesetz von Ursache und Wirkung - nicht mehr nachzuweisen, wohl aber verhalten sich die kleinsten Teilchen nach statistisch erfaßbaren Gesetzen.

Die Interpreten Teilhards erkennen in dieser Argumentation zudem einen Einfluß des französischen Philosophen Henri Bergson, der ebenfalls Darwins Zufall durch - so der Titel von Bergsons Hauptwerk - »Schöpferische Entwicklung« ersetzte, durch den »élan vital«, eine dem Leben innewohnende und auf ein freilich unbekanntes, aber bestimmtes Ziel hin gerichtete Kraft.

Teilhard fordert eine Methode der Weltbetrachtung, die er als »verallgemeinerte Physik« bezeichnet: »Anders scheint es mir unmöglich, für das kosmische Phänomen in seiner Gänze eine ausreichende und zusammenhängende Erklärung zu finden, wonach die Wissenschaft doch streben muß.« Diese »verallgemeinerte Physik« ist schon deshalb für Teilhards optimistisches, zu einem Gott hinstrebendes Entwicklungs-System erforderlich, weil die empirische Physik über den Planeten bereits das Todesurteil ausgesprochen hat: Nach dem zweiten Hauptsatz der Wärmelehre, wonach alle Naturvorgänge, bei denen Wärme entsteht, nicht umkehrbar sind, stirbt das Weltall nach dem vollständigen Ausgleich aller Temperaturunterschiede den Wärmetod.

Teilhard unterscheidet daher - grob formuliert - zwei verschiedene Formen von Energie, eine »tangentiale«, die der Energie der Physik entspricht, und eine

»radiale"*, die dem Innen der Dinge entspricht. Die »radiale« Form ist die Energie der »verallgemeinerten Physik«. Sie zieht alles »in der Richtung nach einem immer komplexeren und zentrierten Zustand« vorwärts.

Diese innere Energie ist es also, die einem »höchsten Bewußtsein« zustrebt, um den »Punkt Omega« - das heißt Gott - zu erreichen, das menschliche Individuum zum »Universellen« hin zu entwickeln. Teilhard versteht darunter eine Vergeistigung sowohl des Einzelmenschen wie der zivilisatorischen Kollektive: »Die Erde bedeckt sich nicht nur mit Myriaden von Denkteilchen, sondern umhüllt sich mit einer einheitlich denkenden Hülle und bildet funktionsgemäß ein einziges umfassendes Denkatom von siderischem Ausmaß.« Gott-Omega ist ein »Bewußtsein sammelndes Universum«, und der Mensch ist, sofern er sich letztlich zu Gott erhebt, unsterblich.

Ein solches Ende der Welt durch die Erreichung des Zielpunktes Omega - den »Wärmetod« - sieht der Autor des Phénomène humain« als unvermeidlich an, wenn es auch erst in einigen zehn Millionen Jahren eintreten werde. Eine vorzeitige kosmische Katastrophe schließt Teilhard aus, weil die Gesamtrichtung der Entwicklung »sinnvoll« verlaufe und von ihrem Ursprung bis zu ihrem Ende als ein einziger göttlicher Schöpfungsprozeß verstanden werden müsse. Der planetarische Tod stört den Pater Teilhard nicht, da die Menschheit des Endzeitalters - das heißt der »Reifezeit« - ohnehin keiner organisch-planetarischen Stütze mehr bedarf, um sich im Punkt Omega mit Gott zu vereinigen.

Nun ist aber auch der Jesuitenpater Teilhard de Chardin stets soweit im üblichen Sinne gläubiger Christ und Theologe geblieben, daß in seinem Weltgebäude - er betrachtet sein Buch als »Einführung zu einer Erklärung der Welt« - notwendig auch der alte Dualismus von Gut und Böse seinen Platz haben muß, der Unterordnung unter einen göttlichen Willen also die Sünde gegenübersteht. Entsprechend konstatiert Teilhard beim Ablauf der zielgerichteten Entwicklung - die er nicht nur auf biologische Prozesse beschränkt sieht, sondern auch auf Gebiete wie Politik und Wirtschaft ausdehnt - Störungen, Hemmnisse, »Fehlleistungen«. Sie äußern sich etwa als Krisen, als Kriege, als Diktaturen. Die Störungen auf dem Wege vom Punkt Alpha zum Punkt Omega sind gewissermaßen Ursache und Signal des Bösen, das den gesamten - noch andauernden - Schöpfungsprozeß bis zu dessen Abschluß begleitet.

Dergleichen »Fehlleistungen« könnten auch zu dem Zeitpunkt, zu dem der Sammlungsprozeß in die Synthese übergehen will, die »Verstandeswelt« in zwei Zonen spalten. Nur jener Teil des Universums fände dann zur Befreiung, dem »es gelungen ist, durch Zeit, Raum und Übel hindurch seine Synthese mühevoll bis ans Ende durchzuführen«. Mit anderen Worten: Diese »letzte Verzweigung« entspricht den überlieferten christlichen Vorstellungen von einer Apokalypse und von einem Weltgericht am »Jüngsten Tag«. Das biologische Ende des »Phänomens Mensch« könnte sich, nach Teilhard de Chardin, in »einer Ekstase in Eintracht oder Zwietracht« vollziehen.

In einem aus Rom datierten Nachwort zu seinem Buch räumte Teilhard ein, daß ein gewisses »Übermaß« des Bösen existiere, das mit der »normalen Wirkung« der Evolution nicht erklärt werden könne. Müsse man also, fragt der Pater in seinem Nachwort, die außergewöhnliche Wirkung einer uranfänglichen Katastrophe oder Verirrung«, also eines Sündenfalles, annehmen? Wenn ja, so sei es Sache der Theologie, die von der Erfahrung gelieferten Gegebenheiten oder Vermutungen zu vertiefen - »sofern sie (die Theologie) dies für nötig hält«.

Tatsächlich hatte sich Teilhard, der an

naturwissenschaftlichen Hypothesen interessiert war, sogar nach eigenem Gefühl um das Problem Sünde weniger gekümmert, als von einem Theologen erwartet werden darf. Der Jesuit wünschte als Erfahrungswissenschaftler zu gelten: Seine Absicht war, wie es in der Vorbemerkung zum »Phénomène humain« heißt, ein Erfahrungsgesetz aufzudecken, »das nach rückwärts und vorwärts anwendbar ist und dadurch die Reihenfolge der Erscheinungen im Lauf der Zeit verständlich macht«.

In einem grundsätzlichen Brief, den Teilhard 1951 an den Ordensgeneral gerichtet hatte, sprach der Jesuit bereits mit aller Deutlichkeit aus, daß man sich damit abfinden müsse, sein Gottesverständnis mit seinem Verständnis der »organischen Realität der Welt« zusammenzusehen; dies sei

für ihn die Quelle der Wahrheit, aus der zu schöpfen man ihm nicht verbieten könne und dürfe: »Sonst ist es mir physisch unmöglich zu atmen, anzubeten, zu glauben.«

Immerhin gab Teilhard zu, daß die Kirche Gründe haben könne, »meine Vision des Christentums als verfrüht oder unvollständig« anzusehen; er verzichte daher auf die Propagierung seiner Ideen und unterwerfe sich, im Sinne einer allerdings nur »äußerlich« zu verstehenden Treue und Folgsamkeit, der Autorität des Ordens. Teilhard schrieb, er erwarte keine Antwort auf diesen Brief, den er nur abgefaßt habe, damit der Ordensgeneral wisse: »Sie mögen auf mich zählen bei der Arbeit für das Reich Gottes; nichts anderes sehe ich und nichts anderes interessiert mich bei der Arbeit für die Wissenschaft« Er unterzeichnete als ein »sehr ehrerbietiger Sohn in Christo«.

Teilhards Unternehmung darf als ernstlicher Versuch gelten, der katholischen Kirche über jene Hürde zu helfen, mit der sie sich durch starre Dogmatik den Weg in eine von wissenschaftlicher Erkenntnis bestimmte Zukunft selbst erschwert hat. Das Credo des Jesuitenpaters Pierre Teilhard de Chardin lautete, »daß der Glaube an Christus sich in Zukunft nur erhalten oder verbreiten kann auf dem Weg über den Glauben an die Welt«.

Ob die Kirche Teilhards Theorien akzeptieren wird, die ihr in der hoffnungslosen Situation gegenüber der fortschreitenden Naturwissenschaft auf einige Zeit Luft verschaffen könnten, ist fraglich. Immerhin hielt eine französische Bischofskonferenz vor einiger Zeit in Marseille eine Gedenkminute ab, um »das größte religiöse Genie des Jahrhunderts«, Teilhard de Chardin, zu ehren.

Als offizieller Standpunkt der Kirche gilt einstweilen immer noch, was Papst Pius XII. im Jahre 1950 allgemeinverbindlich - und mit für jeden Eingeweihten erkennbarer Blickrichtung auf Teilhard de Chardin - verkündete. In seiner Enzyklika »Humani generis« erklärte Pius XII. damals, die Kirche habe nichts dagegen einzuwenden, wenn christliche Theologen und Wissenschaftler über die Lehre von der »Evolution« Nachforschungen anstellten - unter der Voraussetzung allerdings, daß der katholische Glaube an die unmittelbare Erschaffung der Seelen durch Gott erhalten bleibe; auch müsse man stets bereit sein, das oberste Urteil der Kirche als verbindlich anzuerkennen, der Christus die Aufgabe gestellt habe, den Glauben zu beschützen.

Pius XII. verwahrte sich aber ausdrücklich gegen Hypothesen, die direkt oder indirekt im Widerspruch zur Offenbarung durch die Heilige Schrift stünden; sie seien für die Kirche vollkommen unannehmbar. Als markantes Beispiel für unannehmbare Hypothesen nannte der Papst den »sogenannten Polygenismus«, demzufolge »es entweder nach Adam hier auf Erden wirkliche Menschen gegeben habe, die nicht von ihm als dem Stammvater aller auf natürliche Weise abstammen«, oder »Adam eine Menge von Stammvätern bezeichne«. Genau das aber hatte Teilhard formuliert.

Mit der Annahme, daß Adam nicht der erste und einzige Stammvater aller Menschen sei, argumentierte dagegen der Papst in seiner Enzyklika, wende man sich zugleich gegen die kirchliche Lehre von der Erbsünde. Unabdingbar sei nach »den Quellen der Offenbarung und den Akten des kirchlichen Lehramtes«, daß die Erbsünde hervorgehe »aus der wirklich begangenen Sünde Adams, die durch die Geburt auf alle, überging und jedem einzelnen zu eigen ist«. -

* Pierre Teilhard de Chardin: »Der Mensch im Kosmos, Verlag C. H. Beck, München; 316 Seiten; 18,50 Mark.

* Teilhards Vergleich stammt aus der Geometrie. Eine Tangente ist eine Gerade, die einen Kreis (von außen) - oder überhaupt eine gekrümmte Linie - nur an einem Punkt berührt: der Radius ist der halbe Durchmesser eines Kreises, also eine Gerade, die sich ihrer Natur nach stets im Innern des Kreises befinden muß.

Kirchenlehrer Augustinus**: Wie oft gab es Adam?

Pater Teilhard de Chardin

Fallschirmjäger der Christenheit

Kirchenlehrer Thomas von Aquino

Die Welt als Pyramide

** Nach einem Bild von Benozzo Gozzoli (1420 bis 1498).

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