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KUNSTFEHLER Antiker Schnitt

Zugunsten des Patienten entschied der Bundesgerichtshof im Prozeß um einen ärztlichen Fehler. Das Urteil setzt für Mediziner neue Maßstäbe.
aus DER SPIEGEL 52/1977

Der Chirurg griff im Verlauf von zwei Monaten sechsmal zum Messer. Ihm ging es darum, eine Anal-Fistel »in mehreren operativen Schritten zu spalten und sie so zur Ausheilung zu bringen«. Beim letzten Eingriff passierte es dann: Der Schließmuskel des Patienten wurde völlig durchtrennt.

Die Folge war, so ärztliche Gutachten, »völlige Stuhlinkontinenz«, ein niederschmetterndes Urteil, denn hinter dem Fachausdruck verbirgt sich laut Medizin-Lexikon »das Unvermögen, den Stuhl zurückzuhalten«. Als der Patient die Chirurgische Klinik der Stadt Krefeld verließ, war er mithin kranker als bei seiner Einlieferung -- ein Operationsgeschädigter.

Von der Sozialversicherung wurde der Mann denn auch »als berufs- und erwerbsunfähig anerkannt«. Und nachdem er die Unheilbarkeit seines Zustandes begriffen hatte, bemühte der unfreiwillige Rentner die Gerichte: Er verlangte »Ersatz des Unterschieds zwischen seiner Rente und dem Einkommen, das sonst für ihn erzielbar gewesen wäre«.

Der Fall ging bis zum Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe -- der zugunsten des Invaliden und gegen den Arzt entschied. Dem Urteil kommt prinzipielle Bedeutung zu; einmal, weil es im leidvollen Bereich der Kunstfehler-Justiz dem oft benachteiligten Patienten neue Handhabe gibt, zum anderen, weil es höhere Maßstäbe für ärztliche Verantwortung setzt.

Schon in den unteren Instanzen hatte sich herausgestellt, daß die Krefelder Operation -- »nach der sogenannten Fadenmethode, die auf Hippokrates zurückgeht und nach ihm benannt wird«, nicht mehr dem neuesten Stand der Wissenschaft entsprach. Und bereits bei diesem Sachverhalt gewann eine alte Forderung des BGH Bedeutung, daß »im Bereich der Humanmedizin der Arzt gehalten ist, sich bis an die Grenze des Zumutbaren über die Erkenntnisse und Erfahrungen der Wissenschaft unterrichtet zu halten«.

Im Leitsatz des jüngsten Urteils indessen wird die medizinische Sorgfaltspflicht noch einmal ausgeweitet: »Wenn gewichtige Stimmen in der medizinischen Literatur unwiderlegt darauf hinweisen, daß eine hergebrachte Operationsmethode unter den gegebenen Umständen zu schwerem Schaden führen muß«, sei der Arzt verpflichtet. »den Patienten hierüber aufzuklären« -- vorausgesetzt, daß er sich als Chirurg »über diese Bedenken hinwegsetzen« wolle.

Ob im Krefelder Fall die wisssenschaftlichen Einwände gegen die Operationsmethode noch medizinische Minderheitsmeinung oder schon Meinung der Mehrheit war, blieb zunächst umstritten. Das Landgericht Krefeld hatte 1974 zugunsten des Patienten, das Oberlandesgericht (OLG) Düsseldorf ein Jahr darauf aber im Sinne des Arztes entschieden. Der BGH stellte das erstinstanzliche Urteil wieder her -- und ging mit den Düsseldorfer Kollegen peinlich ins Gericht.

Welche Hürden ein »Kassenpatient« (wie der BGH apostrophierte) zu überwinden hat, wenn er sich mit seinem Arzt anlegen will, belegen nahezu unerklärliche Widersprüche der Oberlandesrichter zu Lasten des Klägers. Gewählt, doch deutlich wertete der Bundesgerichtshof die Gedankensprünge der Berufungsinstanz als »kaum vertretbar«, »unsachgemäß« und »verfehlt«.

So hatten die OLG-Juristen zugunsten des Arztes argumentiert, er habe davon ausgeben dürfen, daß nach einem »hergebrachten Irrglauben« an die »Fadenmethode« die schrittweise durchtrennten Muskelfasern rasch verheilten und so die Funktion des Schließmuskels erhalten bleiben würde. Noch im Sommersemester 1962, so hatten die Oberrichter weiter entschuldigt, sei nach Bekundung des Sachverständigen der antike Schnitt an einer »berühmten, großen deutschen Universität« gelehrt worden. Überdies habe der beklagte Chirurg den Patienten auf die Möglichkeit »gewisser Funktionsbeeinträchtigungen« hingewiesen -- über die damals »abweichende Mindermeinung in der medizinischen Literatur« habe er ihn nicht aufklären müssen.

Diese Gedankengänge freilich standen in krassem Widerspruch zu der Darstellung, die der Prozeßgutachter gegeben hatte. Und es bereitete den Revisionsrichtern in Karlsruhe sichtlich Mühe, die Düsseldorfer Deutungen noch einigermaßen höflich einzuordnen. »Die schriftlichen und mündlichen Bekundungen des vom Landgericht gehörten Sachverständigen«, so der BGH, seien »in unsachgemäßer Weise« gewürdigt worden.

Tatsächlich hatte der Gutachter klipp und klar gesagt:

>"Daß der Schließmuskel auch in einer mehrzeitigen Operation nicht durchtrennt werden darf, ist heute fester Bestand der Schulmedizin.

Auch in den Jahren 1960 bis 1963 ist das in den -- allen Ärzten zugänglichen -- Periodica immer wieder erörtert worden.«

»Kaum vertretbar« schien es deshalb auch den Karlsruher Richtern, daß die Kollegen »die Warnungen vor der gänzlichen Durchtrennung des Schließmuskels als eine vom Beklagten nicht notwendig zu beachtende Mindermeinung abtun« wollen. Für regelrecht »verfehlt« gar hielten die Revisoren den Düsseldorfer Hinweis, der Arzt habe »als Anhänger der Fadenmethode« keinen Anlaß gehabt, auf die Gefahr der Inkontinenz hinzuweisen. Damit würde, so der BGH, der Grundsatz in sein Gegenteil verkehrt, »daß ernstliche Bedenken gegen die gewählte Behandlungsart eine besondere Aufklärungspflicht begründen können«.

Die jüngsten höchstrichterlichen Argumente ergänzen nahtlos die Karlsruher Rechtsprechung zur medizinischen Sorgfalts- und Aufklärungspflicht. So hatte der BGH vor zehn Jahren bereits eine ähnliche Entscheidung gefällt, auf die sich das neue Urteil ausdrücklich bezieht. Damals war bei der Behandlung eines Bruchs am rechten Handgelenk Malheur passiert: durch »Fehlinjektion des intravenösen Narkosemittels«. Es stellte sich heraus, »daß die zur Injektion verwendete Vene durchstochen« und »die wiederum darunterliegende Arterie punktiert worden war«. Der Arm mußte amputiert werden.

Eben auf diese Komplikations-Gefahr war jedoch in der wissenschaftlichen Literatur ausdrücklich hingewiesen worden. Und das könne, so der .BGH' dem Arzt nicht »unbekannt« geblieben sein. Damit sieh ein Mediziner nicht hinter Unwissen verschanzen kann, fügten die Bundesrichter unmißverständlich hinzu: »Andernfalls hätte er es schuldhaft versäumt, sich über die Erkenntnisse und Erfahrungen der ärztlichen Wissenschaft auf diesem für seine Krankenhaustätigkeit wesentlichen Gebiet der Anästhesie pflichtgemäß unterrichtet zu halten.«

Oder anders: Ein Arzt handelt pflichtwidrig, wenn er sich nicht jeweils über den neuesten Stand seines Spezialgebiets informiert. Warum das so sein muß, erläuterte der BGH in diesem Frühjahr in einer dritten Entscheidung. Das Gebot, »mit der eigenen Leistung auf der Höhe der Zeit zu bleiben«, gelte zwar im Grundsatz für alle Berufs- und Gewerbetreibenden. Doch an den Humanmediziner müßten »ganz besonders strenge Anforderungen gestellt werden«.

Nicht »mit der Art der Tätigkeit« hänge das zusammen, sondern mit den »betreuten Rechtsgütern' dem Leben und der Gesundheit von Menschen«. ·

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