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Briefe

APARTHEID IN NIEDERSACHSEN
aus DER SPIEGEL 19/1965

APARTHEID IN NIEDERSACHSEN

Donnerwetter, wie sich die SPD entwickelt. Nachdem Wehner in einer Hamburger Kirche gepredigt hatte, schließt nun die niedersächsische SPD ein Konkordat, mit dem eine unheilvolle Schulpolitik beginnt.

Hannover

LOTHAR GRÖNING

Die konfessionelle Apartheid-Politik Niedersachsens ist in unserer Zeit unverständlich. Die Konfessionalisierung würde in unserem förderungs- und entwicklungsbedürftigen Schulwesen die weitere Entwicklung hemmen und mittelalterliche Zustände heraufbeschwören. Es ist ein Kuriosum, daß eine SPD-Landesregierung versucht, päpstlicher als der Papst und rückschrittlicher als die CDU zu sein.

Hannover

D. P. MEIER-LENZ

Lehrer

Da kann man nur in Abwandlung der »Dash«-Reklame sagen: Schwärzer geht's nicht mehr!

Celle

L. SCHWARZ

Nach den Braunen marschieren nun die Rosaroten mit den Kardinalsroten Arm in Arm.

Krefeld

H. P. SCHMITZ

Einen schönen Kultusminister hat die FDP da in Niedersachsen präsentiert: ohne pädagogische und kulturpolitische Vorbildung, dafür mit rustikalern und opportunistischem Wesen. Der von der DP zur FDP übergelaufene Minister Mühlenfeld war für sein Amt wirklich untauglich, denn er hat im Falle des Konkordats, die Materie nicht übersehen (auf Vorhaltungen von Lehrern gab er zu, er habe vieles nicht gewußt) und keine klare Haltung gezeigt. Einmal, im Kabinett, sagt er »hü!«, dann, in seiner Partei, »hott!«. So ein Mann ist doch für ein Ministeramt wirklich unqualifiziert. Gott sei Dank Ist er zurückgetreten.

Bielefeld

KURT DÖHRING

Die Haltung der Katholischen Kirche In Niedersachsen überrascht mich nicht: Die Kirche war schon immer reaktionär, machthungrig und uneinsichtig. Aber das Verhalten der SPD in Niedersachsen läßt mich Schlimmes für den Fall eines SPD-Sieges bei den Bundestagswahlen erwarten. Die Sozis werden sich dann im ganzen Bundesgebiet so aufführen wie heute die CSU in Bayern.

Kiel

EWALD HÖPPNER

Bis jetzt hielt ich Niedersachsen in der Schulpolitik für ein fortschrittliches Land. Jetzt fällt es hinter Bayern zurück.

München

SIEGFRIED WALDMANN

Die schwarz-rote Kungelei auf dem Rücken unserer Kinder ist ein Rückfall ins Mittelalter.

Bremen

LUDWIG VOLK

Für alle, die die Bestrebungen um eine christliche Einheit etwas ernst genommen haben, mußte das Niedersachsen-Konkordat, besonders in bezug auf die Errichtung von Konfessionsschulen, ein Rückschlag sein.

Wickham (England)

GERD RAKENIUS

Sollte es nur ein Zufall sein, daß ausgerechnet im Wahljahr dieses außergewöhnliche Konkordat abgeschlossen wird? Auch der Ort der Handlung - ein von der SPD geführtes Land - läßt gewisse »wahltaktische« Schlüsse zu. Der gröbste Widersinn liegt aber zweifellos in der Tatsache, daß eine eindeutige Minderheit von nur 18,8 Prozent einen Staatsvertrag mit der Landesregierung abzuschließen beabsichtigt. Dieser geringe katholische Bevölkerungsanteil verfügt aber bereits heute über 351 Konfessionsschulen gegenüber 530 evangelischen Konfessionsschulen. Alle übrigen 3599 Lehranstalten sind Gemeinschaftsschulen.

Durch die autoritäre Form der Unkündbarkeit dieses Konkordats werden die primitivsten demokratischen Grundsätze durchbrochen, wie auch eine Reihe der Bestimmungen des Grundgesetzes, nach dem niemand verpflichtet ist, seine religiöse Überzeugung zu offenbaren. Nach dem Konkordat müssen jedoch Lehrer und Schüler zur Feststellung über die Errichtung neuer Konfessionsschulen darüber Auskunft erteilen. Wo aber sollen die 12 000 Kinder, die keiner der beiden Kirchen angehören, zukünftig unterrichtet werden?

Oldenburg (Oldbg.)

PAUL WIKRA

Auf die sachlichen Einwände der niedersächsischen Lehrer hat die Regierung in Hannover nur primitive Phrasen parat.

Hildesheim

HEINZ W. SCHILLING

Der Lehrerverband in Niedersachsen hat vollkommen recht, wenn er bei Inkrafttreten des Konkordats »katastrophale Auswirkungen« im Schulwesen befürchtet.

Hannover

GOTTFRIED KLEMM

Sie schildern den Fall eines niedersächsischen Lehrers, dessen Bewerbung um einen Rektoren-Platz von einem katholischen Generalvikar hintertrieben wurde, weil der Pädagoge nicht streng katholisch war. Frage: Herrscht bei uns eine Inquisition wie einst In Spanien?

Dortmund

HORST HONING

Wenn ein Arbeiter sich bei einem Arbeitgeber um einen Arbeitsplatz bewirbt, darf seine Einstellung laut Bundesgerichtshof nicht davon abhängig gemacht werden, ob er in der Gewerkschaft ist oder nicht, denn das wäre gegen das Gesetz der Gleichheit und damit gegen das Grundgesetz. Wenn ein Lehrer sich bei einer Schule bewirbt, wird seine Einstellung bei einer katholischen Schule nach den übernommenen Konkordatsgesetzen davon abhängig gemacht, ob er katholisch und nicht geschieden ist und so weiter. Sind die Konkordatsgesetze von Anno 1933 darauf geprüft worden, ob sie mit der Verfassung der Bundesrepublik in Einklang stehen?

Köln-Mülheim

HANS H. VOGEL

Die Bundesrepublik hat es weit gebracht: Geistliche reden, in amtlicher Eigenschaft und ganz offiziell, in die Besetzung der Rektorenposten staatlicher Schulen hinein. Wahrscheinlich muß man in einem wahrhaft freiheitlichen Land, mit konsequenter Trennung von Staat und Kirche, leben, um das Haarsträubende des Vorgangs ganz zu empfinden.

Gien (Frankreich)

WOLFGANG SEUBERT

Lehrer sind heute Mangelware. Schütteln Sie den Staub dieses sozialdemokratischen Kirchenstaates von den Füßen, und wandern Sie aus, Herr Kollege. In Hamburg kann man zur Zeit trotz SPD -Regierung noch ohne Inquisition und kirchlichen Gesinnungsterror Pädagoge sein.

Hamburg

VOLKER KUHLWEIN

Könnte ich doch bloß katholischer Geistlicher werden! Welche Macht hätte ich in einem sozialdemokratisch regierten Bundesland.

Hamburg

ELAE SIEMERS

Im Artikel 24 des Konkordats heißt es: »An allen katholischen Volksschulen werden nur solche Lehrer angestellt, die der Katholischen Kirche angehören und Gewähr bieten, den besonderen Erfordernissen der katholischen Bekenntnisschule zu entsprechen.« Wenn alle Lehrer in Niedersachsen genug Rückgrat besäßen und (entsprechend der im Grundgesetz verankerten Möglichkeit) ihre Religionszugehörigkeit auf Befragen verschweigen würden, könnten die Katholiken ihre »Bekenntnisschulen« zumachen.

Ludwigshafen

HEINZ WEBERN

Gewissensgründe (Eid) und Selbsterhaltungstrieb haben schon im Dritten Reich manchen veranlaßt, auf die in der Verfassung verbrieften Rechte zu verzichten. Zivilcourage ziemt sich eben nach wie vor nicht für deutsche Beamte.

Hamburg

HANNO SCHMANS

Kaum hat man die objektiven Resultate Ihrer Artikelserie über die Katholische Kirche und die Nazis verdaut und die hanebüchenen Reaktionen der einschlägigen Kirchenzeitungen verkraftet, da bringen Sie wieder einen Bericht über einen »unfreundlichen Akt« gegen das Prinzip der Konfessionsschulen. Der Kampf und die - wie es scheint: ausschließliche - Sorge um kirchliche Institutionen gehen also weiter. War es die FDP, die gegen Konkordate war? Endlich weiß ich mal wieder eine Partei, die ich aus einem triftigen Grund wählen kann.

Freiburg

BERNHARD SCHRÖDER

Die Landesminister und die Parlamentarier, die dem Konkordat zustimmen, müßten in voller Höhe ihr Schulgeld zurückzahlen.

Hildesheim

OSWALD TODTENBERG

Mühlenfeld

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