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FEINKOST Apfelgrün kimmt's

Das verpönte Batterie-Huhn bekommt Konkurrenz: Ein halbwilder oberbayrischer Hühnermischling produziert grünschalige Öko-Eier. *
aus DER SPIEGEL 36/1987

Vier Jahre hat der Moosburger Geflügelzüchter Ludwig Hölzl, 60, gekreuzt, was sein Hühnerstall hergab, dann endlich war es soweit: Aus der Verbindung leistungsstarker asiatischer Legehennen mit wilden, aber legefaulen Artgenossen aus den Anden ging ein Huhn hervor, das grüne Eier legt.

Nicht flaschen-, nicht oliv- und auch nicht grasgrün fällt das nährstoffreiche Lebensmittel ins Nest. Am ehesten noch, meint der erfahrene Züchter Hölzl, »kimmt's wohl auf apfelgrün 'naus«.

Äußerlich sonst durch keine Auffälligkeit vom Normal-Ei zu unterscheiden, bietet das grünschalige Produkt im gekochten Zustand die von seinen weißen und braunen Vorläufern gewohnten inneren Werte: ein strahlend gelbes Dotter, umschlossen von einem je nach Kochzeit festen oder glibberigen Eiweiß. In die Pfanne gehauen, sind alle Eier gleich.

Doch Landwirt Rudolf Konrad Graf Montgelas, 47, der die Marktlücke im Eierbecher entdeckte und die Farbeier vertreibt ("Ein weißes Ei hat doch jeder"), rühmt deren »besondere ökologische Qualität«. Das nach ihm benannte »bayerische Montgelana-Ei«, versichert der adelige Bauer, werde »garantiert von glücklichen Hühnern« gelegt.

Die nämlich, ausgestattet mit dem südamerikanischen Temperament ihrer Väter vom Stamme der »Araucana-Hühner«, eigneten sich »zur Käfighaltung ganz und gar nicht«. Das im Legen eher laxe Wildhuhn, dem die peruanischen Araucaner-Indianer auch noch die wenigen Eier wegnahmen, ist zwar für das Leben in freier Natur bestens gerüstet: Die angeborene blau-grüne Färbung der Eier schützt die Brut am Boden vor Greifvögeln.

Doch in der normierten Einzelzelle westlicher Hühnerfarmen gingen selbst die ziemlich zivilisierten bayrischen Zuchtexemplare alsbald zugrunde. Nur Freigang im Hühnerhof, so der Graf, garantiere eine halbwegs wirtschaftliche Jahres-Legeleistung von rund 200 grünen Eiern - immer noch 50 bis 100 weniger als das EG-Akkordhuhn, ob braun oder weiß, im Brutknast abwirft. Die Fütterung mit feinem Buchweizen und Maiskörnern, verrät Montgelas, gewährleiste den »frischmehlfreien, echt eiigen Geschmack«.

Entsprechend teurer kommt es denn auch, den Frühstückstisch mit dem gräflichen Grün zu bestücken. Das Münchner »Hilton International«, das seinen Gästen die Neuschöpfung mit Schrot-Brötchen und Öko-Milch auf der »Biothek« des Brunchbuffets serviert, bietet eingeschworenen Montgelana-Fans das Edel-Ei für 65 Pfennig pro Stück als Souvenir an. Auf dem Münchner Viktualienmarkt knöpfen geschäftstüchtige Händler Gesundheitsfanatikern bis zu 1,20 Mark pro Ei ab.

Für zusätzlichen Umsatz des Grafen sorgte eine bundesweit verbreitete Meldung, die herzkranke und übergewichtige Eieresser frohlocken ließ. Das grüne Ei, behauptete das Massenblatt »Bild«, enthalte »nur halb soviel Cholesterin« wie das handelsübliche braune oder weiße Ei - eine Ente, die dem Hühner-Kreuzer Montgelas eher unangenehm war, denn diese Analyse, Ergebnis der Untersuchung einer Universität in Budapest, wurde von bayrischen Wissenschaftlern längst im Labor widerlegt.

Dem Land-Grafen, der im Oberbayrischen inmitten von 800000 Quadratmetern Wald und Wiesen auf Schloß Egglkofen residiert, geht es mit seinen grünen Eiern lediglich um eine optische »Bereicherung der Eier-Palette« auch außerhalb der Osterzeit. Er lebt seit langem von der und für die Herstellung luxuriöser Landwirtschaftsgüter, verkauft original bayrische Wachteleier und Wildbret von süddeutschen Hirschen.

Auf verkaufsfördernde Hinweise zur Volksgesundheit will der Hühner-Graf beim Vertrieb der grünen Eier denn auch verzichten. Aber einen Beitrag zur Volksaufklärung hat er mit seiner Farbkreation geleistet. Denn das Huhn, das grüne Eier legt, ist weiß. Endgültig widerlegt dürfte damit die verbreitete Annahme sein, die weiße oder braune Farbe des Frühstückeis werde von blonden oder brünetten Hennen vererbt.

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