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OST-CDU Applaus vom General

Ehemalige DDR-Bürgerrechtler wollen für die CDU in den Lagerwahlkampf gegen die Linke ziehen.
aus DER SPIEGEL 43/1997

Die letzten Skrupel hatte Bärbel Bohley zerstreut: »Vera, mach das«, hatte die Bürgerrechtlerin ihrer Freundin gesagt, damals, vor zehn Monaten, als sich die grüne Bundestagsabgeordnete Vera Lengsfeld zusammen mit sechs weiteren ehemaligen DDR-Dissidenten anschickte, in die CDU einzutreten - ohne ihr für die Grünen gewonnenes Bundestagsmandat zurückzugeben.

Seitdem schwimmt die 45jährige auf einer Welle des Erfolgs. Beim Leipziger CDU-Parteitag konnte sich das Neumitglied vor Freundlichkeiten kaum retten. Händeschütteln mit dem Kanzler, Schulterklopfen von Thüringens Ministerpräsident Bernhard Vogel, Applaus von CDU-General Peter Hintze. Und immer wieder: »Toll, daß Sie jetzt bei uns sind.«

Lengsfeld und die inzwischen fast 20 zur Union konvertierten Bürgerrechtler kommen der CDU ein Jahr vor der Bundestagswahl wie gerufen. Gefragt sind freilich nicht so sehr die ökologischen Fachkenntnisse der Neuzugänge. Die Bürgerrechtler sollen, so der selbstformulierte Auftrag, vor allem »das drohende Linksbündnis von Grünen, SPD und PDS in Bonn« (Lengsfeld) attackieren.

Mußte Hintze im Sommer 1994 noch heftige Kritik aus der Ost-CDU an seiner »Rote-Socken-Kampagne« einstecken, so hat der konservative Chefstratege in den Bürgerrechtlern nun prominente Befürworter einer ähnlich harten Gangart für die Bundestagswahl 1998 gefunden. »Die Rote-Socken-Kampagne«, sagt der Ex-Grüne und Neu-Christdemokrat Erhard Neubert, »war mir persönlich viel zu harmlos.«

Zur Freude Hintzes kritisiert Lengsfeld auch die moderate Haltung des sächsischen Regierungschefs Kurt Biedenkopf, der vor einer zu starken Polarisierung im demokratischen Wettbewerb warnte. Lengsfeld: »Das ist politisch ganz falsch.«

Die Belehrung erzürnte Biedenkopf so sehr, daß er sich anschließend bei Thüringens CDU-Chef Bernhard Vogel beschwerte. »Wenn die das noch mal macht«, warnte er, »erklär'' ich mal öffentlich, wieso wir in Sachsen 16 Prozent mehr haben als ihr in Thüringen.«

Wie Wanderprediger ziehen die Ex-Dissidenten derzeit durchs Land, um vor einer Regierungsbeteiligung der Postkommunisten zu warnen. Mit Hintzes Wahlkampfstab sind die Botschaften der antikommunistischen Kronzeugen fein abgestimmt.

Die meisten Auftritte absolvieren die »Bürgerrechtler in der CDU« allerdings im Westen der Republik.

Die einst von SED und Stasi kujonierten Mitglieder gelten als hochrespektable Zeugen der ganzen Niedertracht des Sozialismus. »Die Frau weiß, wovon sie spricht,« lobt ein CDU-Mitglied in Rheinbach bei Bonn nach einem Vortrag von Lengsfeld. Die »kommunistische Gefahr« sei nicht gebannt, hatte sie zuvor gewarnt - solche Sätze heizen der müden Basis noch immer ein.

Mindestens sechs ehemalige Bürgerrechtler, neben Lengsfeld noch die Partei-Neulinge Günter Nooke und Angelika Barbe sowie Reiner Eppelmann, Arnold Vaatz und Wolfgang Kupke, wollen im nächsten Jahr für den Bundestag kandidieren - nicht immer zur Freude der Parteifreunde im Osten. Im Bundestagswahlkreis 301 Weimar-Apolda-Erfurt-Land beispielsweise machen Funktionäre Stimmung gegen Lengsfeld. Ihre Kandidatur, klagt Mike Mohring von der Jungen Union, sei »von oben reingereicht«. Lengsfelds Aufstellung in Thüringen ist deshalb keineswegs sicher. Notfalls will sie im Westen kandidieren - von dort gibt es viele Angebote.

An der Basis im Osten rächt sich die fortwährende Kritik der Ex-Dissidenten an den Blockflöten in der CDU. Vogel weiß um solche Empfindlichkeiten und sprach deshalb an Lengsfeld die »herzliche Bitte« aus, »keine Kampfkandidatur« gegen ein anderes CDU-Mitglied anzustreben.

Was Vogel »Kampfkandidatur« nennt, gehört zu den Selbstverständlichkeiten einer Demokratie, für die Lengsfeld und Co. im Herbst 1989 auf die Straße gegangen waren. »Diese ganzen Parteitaktiken und Raffinessen«, räumt Neubert ein, »fallen mir alles andere als leicht.«

Doch auch er, der weder Amt noch Mandat anstrebt, fügt sich in die Disziplin. Am »Blockflötenthema« will Neubert bis zur Bundestagswahl nicht rühren. Als der Parteitag Kohl rhythmisch klatschend Verehrung zollte, erinnerte ihn das an den Personenkult um Erich Honecker. Protest? »Ich habe antizyklisch dazwischengeklatscht«, sagt er kleinlaut.

Ursprünglich wollten die Überläufer die Reformkräfte in der CDU stärken, aber zur Zeit mag sich niemand vom Mainstream absetzen. Nooke, der »am liebsten mit dem grünen Finanzpolitiker Oswald Metzger mal den Bundeshaushalt sanieren« würde, mußte sich mit ein paar kosmetischen Korrekturen am Leitantrag des Parteitages trösten.

Zu den Grünen, deren Bundestagsfraktion von Lengsfeld »noch immer sehr« geschätzt wird, führt vorerst kein Weg mehr zurück. Aber »eine schwarzgrüne Koalition«, sinniert die Christdemokratin, »das wäre natürlich mein Traum.«

* Anfang Oktober in Rheinbach.

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