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Arbeitskampf: »Mit der Fliegenklatsche zugeschlagen«

Nachdem sich die Mächtigen unter Westdeutschlands Gewerkschaften mit bescheidenen Lohnaufbesserungen begnügten, riskierten die Drucker den Arbeitskampf: Der soziale Frieden der Bundesrepublik scheint weniger sicher, als Bonns regierende Sozialdemokraten behaupten.
aus DER SPIEGEL 19/1976

Anfang April noch rühmte Kanzler Helmut Schmidt Partei und Koalition als Garanten für das »hohe Maß an so sozialen Frieden, das wir in diesem Lande haben«. Knapp einen Monat später bröckelte Westdeutschlands Sozial-Idylle.

Am 28. April rief die Gewerkschaft der Druckindustrie den Streik der Drucker und Metteure aus, am selben Tag schlugen die Arbeitgeber mit Aussperrung, dem brutalsten Mittel des Arbeitskampfrechts zurück. Aus Tarifpartnern werden verbissene Gegner, und unversehends waren auch frühkapitalistische Parolen wieder im Spiel.

Erst am Abend des Tages der Arbeit besannen sich die Arbeitgeber auf den traditionellen bundesdeutschen Verkehrston. Über das ZDF deutete Gerold Mack, Verhandlungsführer der Druckindustriellen, der Gegenseite Kompromißbereitschaft an: Sein Bundesverband Druck sei bereit, die Gewerkschaftsforderung zu akzeptieren und die Aussperrung auszusetzen.

Tags darauf dann baten die Druckindustriellen bei der Bonner Prominenz um gute Dienste. In Eilbotschaften an die Spitzenpolitiker versuchten sie, maßgebliche Koalitionspolitiker für einen Vermittlungsversuch zu gewinnen: mit Erfolg. Einflußreiche Sozialdemokraten, etwa SPD-Schatzmeister Wilhelm Dröscher, versuchten »beide Seiten an einen Tisch zu bringen«.

Denn das Tempo der Auseinandersetzung verblüffte Bonns Regenten: Kaum hatten sich die 80 000 gewerkschaftlich organisierten Druckarbeiter am Dienstag vergangener Woche für den Streik entschieden, setzte die Gewerkschaftszentrale unter dem IG Druck-Vorsitzenden Leonhard Mahlein ihre längst fertigen Streikpläne in Aktion.

Noch am gleichen Dienstag, abends, entschieden sich die 70 Delegierten des Bundesverbandes Druck zum Gegenschlag: Gemeinsam mit den Verbänden der Zeitungs- und der Zeitschriftenverleger, deren Geschäftsführer ebenfalls geladen waren, programmierten sie die unverzügliche Aussperrung der nicht streikenden Arbeitnehmer aus den Betrieben. Selbst die anfangs geplante Schamfrist bis zum Tag der Arbeit am 1. Mai wollten sie nicht einhalten.

Eile nämlich schien geboten, um die divergierenden Interessen des schwarzen Gewerbes zu vereinen. 1973 nämlich, beim letzten Druckerstreik war die Front der Arbeitgeber binnen 24 Stunden geborsten.

Diesmal einte der rasche Aussperrungsbeschluß die Unternehmergilde und verblüffte Mahleins Streikstrategen, die auf die Uneinigkeit der Druckindustrie gebaut hatten. Tatsächlich hatte die bunt gemischte Schar der dem Arbeitgeberverband angeschlossenen Betriebe -- Kartondruckerei wie Zeitungszentralen, Kalendermacher wie Illustrierten-Konzerne -- die jüngste Konjunkturkrise unterschiedlich verdaut.

Die überwiegende Mehrheit der rund 6000 Verbandsmitglieder, die verlagsunabhängigen Druckereien, büßten in der Baisse massenhaft Prospekt- und Katalogaufträge ein. Allein 1975 verloren über 15 000 Beschäftigte des übersetzten Gewerbes ihren Arbeitsplatz. Vielen Druckereien kommt eine Aussperrung gerade recht.

Die 300 Zeitungsverlage dagegen haben die Krise zu einschneidenden Rationalisierungen genutzt und bringen seit Monaten mit wachsenden Auflagenzahlen und Anzeigeneinnahmen ansehnliches Geld auf die Seite.

Die großen Zeitschriftenverleger gar sehen einem der sonnigsten Jahre seit Kriegsende entgegen. Im ersten Quartal 1976 nahmen die Zahl der Anzeigenseiten beim »Stern« um 11,1 Prozent, beim SPIEGEL um 20,6 Prozent zu. Burda-Moden druckten 38,5 Prozent mehr Reklameseiten, Springers »Hör zu« 18,7 Prozent. Kaum ein Zeitschriftenverleger wollte mithin den Arbeitskampf, fast alle waren selbst für Lohnerhöhungen von über sechs Prozent gepolstert.

»Wir hatten doch keine andere Wahl«, verteidigte Rüdiger Niemann, Geschäftsführer des Zeitungsverleger-Verbandes die Blitzaktion der Branche, »als mit der Fliegenklatsche zuzuschlagen«.

Diese Taktik freilich scheint die Kräfte des Arbeitgeberverbandes dann doch überfordert zu haben. Schon in der vergangenen Woche waren die Versuche großer Verlagshäuser, ihre Zeitungen im Ausland, etwa in Belgien, Osterreich oder Frankreich drucken zu lassen, an der Solidarität der von der IG Druck alarmierten Auslandsgewerkschaften gescheitert.

Die Hau-Ruck-Methoden hatten den Arbeitgebern schon zuvor mehr geschadet als genutzt. Sie lösten eine öffentliche Diskussion über Sinn und Zulässigkeit der Aussperrung aus, eines Arbeitskampfmittels, das die Unternehmer fast aller anderen westlichen Industriestaaten seit Jahren meiden -- sei es, weil Aussperrungen per Gesetz untersagt sind, sei es, weil sie in der öffentlichen Meinung als illegitim gelten.

Und auch die Lohnkostenrechnung der Druckindustrie dürfte kaum aufgehen. Die Aussperrung, vermutet ein ranghoher IG Druck-Funktionär, habe die gewerkschaftliche Solidarität gefestigt: »Dafür werden alle Arbeitgeber bezahlen müssen.«

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