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Zeitgeschichte Archäologie des Terrors

Berliner Raumfahrtexperten wollen die Legenden rund um die Nazi-Rakete V2 zerstören.
aus DER SPIEGEL 14/1995

Der Atem stand wie Rauhreif vor den Gesichtern der elf Männer und der Frau, die sich im Gänsemarsch über glitschigen Modder und aufgetürmte Betonquader in den Berg tasteten.

Das funzelige Licht der Grubenlampen reichte gerade ein paar Schritte weit. Danach blickte das Auge in den nachtdunklen Stollen, 60 Meter unter der Erde.

Das Ziel der Expedition, die sich Anfang März durch das Stollensystem des Kohnstein-Massivs nordwestlich des thüringischen Harzstädtchens Nordhausen tastete, war eine geflutete Halle inmitten des Gipsfelsens. In einem Grundwasserbecken der zu Kriegszeiten größten Untertage-Waffenschmiede der Welt hatten die Fachleute das komplett erhaltene Antriebsstück der V2 geortet. Die Rakete sollte den Nazis noch kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges den Endsieg bringen.

Mit schwerem Bergungsgerät und aufwendiger Tauchausrüstung mühte sich der Trupp drei Tage lang, das vier Meter lange Kriegsrelikt zu heben. Viel Aufwand für eine Tonne Stahl. Doch dafür sei der Raketenrest, freute sich der Einsatzleiter, »nahezu neuwertig«. Weltweit existieren nur noch einige Museumsexemplare der V2.

Siebenundvierzig Jahre nachdem die Russen das bombensichere Areal um das Nordhausener Konzentrationslager mit dem damaligen Tarnnamen »Mittelbau-Dora« geschleift und gesprengt haben, soll der Stahlkoloß als Museumsstück präsentiert werden.

Für die Produktion der Vernichtungswaffe haben an die 20 000 KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter aus 26 Ländern ihr Leben lassen müssen. Nun will das Berliner Museum für Verkehr und Technik (MVT) ab Mittwoch dieser Woche in einer großen Ausstellung über NS-Ingenieure an die verhängnisvolle Symbiose von Industrie, Wissenschaft und Nazi-Führung erinnern.

Prunkstück der Sonderschau mit dem Titel »Ich diente nur der Technik« wird das geborgene V2-Triebwerk sein. Die Berliner Ausstellungsplaner Holger Steinle und Stephanie von Hochberg wollen gleich eine ganze Reihe von V2-Legenden zerstören.

Strategisch, so weisen sie nach, war die Rakete ein Flop. Viele der rund 3200 Exemplare, die Hitler vornehmlich gegen London und Antwerpen abfeuern ließ, verfehlten ihr Ziel und gingen auf der grünen Wiese nieder. Mehr als 7000 Menschen fielen der Terrorwaffe zum Opfer. Die Wehrmacht hatte dennoch ihr Ziel, die Städte in Schutt und Asche zu legen, verfehlt.

Kein anderes Rüstungsprogramm hat zudem so viele Milliarden Reichsmark gekostet wie der Bau von Adolf Hitlers vermeintlicher Wunderwaffe.

Mit dem Mythos der V2 bröckelt vor allem _(* In Nordhausen. ) das geschönte Bild ihres Konstrukteurs, des mit Orden überhäuften Physikers Wernher von Braun. Der als »Vater der Raumfahrt« Glorifizierte habe genau gewußt, sagt MVT-Direktor Günther Gottmann, »daß er nicht Mondfähren, sondern Langstreckenwaffen entwickelte«.

Daß der Wissenschaftler seinem Dienstherrn Adolf Hitler bedingungslos zuarbeitete und sich dabei um die Produktionsbedingungen wenig scherte, können die Berliner Luftfahrtexperten anhand neuer Unterlagen detailliert belegen.

Spätestens seit Sommer 1943, als damit begonnen wurde, den Raketenbau wegen der Bombardierung durch die Alliierten aus Peenemünde nach Nordhausen unter die Erde zu verlegen, starben die Zwangsarbeiter beim Bau der Katakomben massenweise. Die V2 ist die einzige Waffe, deren Fertigung mehr Menschenleben kostete als ihr Einsatz.

Für das unterirdische Geheimprojekt ließ die SS nahe des Harzberges eigens ein Konzentrationslager errichten, in dem sie Häftlinge aus Buchenwald und deportierte Ausländer zusammenpferchte. »Jeder Häftling ist als Staatsfeind zu behandeln«, lautete die Order für die SS-Wachmannschaften.

Die Wachen ließen Häftlinge verdursten und verhungern, viele starben an Erschöpfung, Erstickung, Tuberkulose, Ruhr oder Typhus. Wen die SS der Sabotage verdächtigte, der wurde sofort exekutiert.

Das Elend in »Dantes Inferno«, wie Überlebende die Harz-Kavernen titulierten, blieb dem NSDAP-Mitglied und SS-Mann von Braun keineswegs verborgen. Der polnische Ex-Häftling Adam Cabala berichtet, daß der ehrgeizige Raketenbauer bei der Inspektion ungerührt an den Leichen vorbeimarschierte, die seinen Arbeitsweg säumten.

Jetzt in Amerika aufgefundene Briefe von Brauns belegen zudem, daß der Raketenkonstrukteur sich auch selbst um Fachpersonal unter KZ-Häftlingen bemüht hat. So bat er im August 1944 um die Abordnung eines Physikprofessors aus dem KZ Buchenwald.

Der Nachkriegskarriere der V2-Techniker tat deren Komplizenschaft mit den Nazis keinen Abbruch. Am 11. April 1945 hatten US-Soldaten die Fabrikationsstätte fast verlassen vorgefunden. Den eilig demontierten V2-Raketen _(* 1955 in Washington. ) aus den Berglagern, die sie zum Nachbau in die Staaten verfrachteten, ließen die Amerikaner bald darauf die Ingenieure folgen. Binnen zehn Jahren holten sie 765 deutsche und österreichische Spezialisten in ihre Forschungslabors.

Statt auf die Anklagebank als Kriegsverbrecher kam SS-Mann von Braun, seit 1937 Technischer Direktor der Heeresversuchsanstalt Peenemünde, auf einen Chefsessel der Abteilung für Raketenentwicklung der U. S. Army. 1960 avancierte er zum Direktor des George C. Marshall Space Flight Center der Nasa und wurde einer der Pioniere des Mondflugprogramms.

Die Spuren der Greueltaten sind im Harzer Gipsberg heute weitgehend verwischt, sichtbar nur für Experten. »Was wir hier treiben, ist eine Archäologie des Terrors«, sagt Einsatzleiter Willi Kramer, Chef der Abteilung Unterwasserarchäologie des schleswig-holsteinischen Landesamtes für Vor- und Frühgeschichte.

Seine Aufgabe im Dora-Stollen war Schwerarbeit. Stundenlang mühten sich die Taucher, die Rakete mittels preßluftgefüllter Ballons zu heben.

Als dann endlich der Raketenkoloß mit seinem Rohrgeflecht, der Turbopumpe, der Dampfanlage und der riesigen Brennkammer zum endgültigen Weitertransport am Haken hing, fand ein Mitarbeiter der örtlichen KZ-Gedenkstätte noch ein Zeugnis des Nazi-Terrors.

Er entdeckte einen jener Holzknebel mit Lederriemen an den Seiten, wie sie den Häftlingen, die gehenkt werden sollten, in den Mund gewürgt wurden. Schreiende Opfer konnten die Herren des Todesberges nicht ertragen. Y

* In Nordhausen.* 1955 in Washington.

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