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GRIECHENLAND / OSTHANDEL Ari hilft

aus DER SPIEGEL 12/1971

In Warschau flogen Steine und Farbbeutel gegen das Gebäude der griechischen Botschaft. In Budapest weigerte sich die ungarische Regierung, den griechischen Botschafter Himarios weiter als Doyen des diplomatischen Korps zu akzeptieren. Moskau forderte seine Verbündeten auf, die Beziehungen zur Athener Junta auf ein Mindestmaß zu reduzieren.

Das war im April 1967, als die griechischen Obristen die Macht an sich rissen, als sie griechisches Personal von Ost-Handelsvertretungen -- so der DDR -- auf die Sträflingsinsel Jaros verbannten und Anzeigen von Ostblockfirmen in griechischen Zeitungen verboten.

Ihre Machtübernahme rechtfertigten die Militärs unter anderem mit der Behauptung, an der griechisch-bulgarischen Grenze stünden 100 000 früher emigrierte Kommunisten bereit, in Griechenland einzufallen. Den Linken im Land warf die Junta vor, sie betrieben »das Spiel des Slawo-Kommunismus«.

Bald jedoch trieben die Obristen ihr eigenes Spiel mit den Ländern des Ostens. Denn sie brauchten Hilfe: Ihr Regime war in außenpolitische Isolierung geraten, das Defizit in der griechischen Handelsbilanz Ende 1969 auf eine Milliarde Dollar gestiegen. Andererseits sah die Sowjet-Union eine Chance, im Nato-Staat Griechenland Einfluß zu gewinnen; die übrigen Ostblockstaaten hofften, Waren minderwertiger Qualität bei den Griechen loszuwerden.

Sie honorierten den Athener Ostdrang mit freundlichen Gesten:

>Die erste Großmacht, die beim Junta-Vizekönig Georgios Zoitakis einen Botschafter neu akkreditieren ließ, war die Sowjet-Union -- sie schickte im Mai 1968 den Balkan-Experten Lewytschkin.

* Das erste Ostblockland, das den damaligen Handelsminister Epaminondas Tsellos zu einem offiziellen Besuch einlud, war -- im Oktober 1969 -- Rumänien.

* Der erste Außenminister, der Griechenland nach dem Militärputsch besuchte, war -- im Mai 1970 -- Bulgariens Bascheff; es war der erste Besuch eines Ministers aus Sofia in Athen seit dem Zweiten Weltkrieg.

Zwar erklärten sich im Juni 1969 auf der Moskauer Weltkonferenz 75 kommunistische Parteien über Griechenlands Militärregime »tief empört«. Doch kurz darauf, im Dezember 1969, zwei Tage bevor sich Griechenland aus dem Europarat zurückzog, um einer Verurteilung des Gewaltregimes zu entgehen, hielt der Ex-General und Gouverneur der »Public Power Corporation«, Vasil Kardamakis, die Festrede bei der Grundsteinlegung für ein bereits 1966 ausgehandeltes, aber erst 1968 fest bestelltes Dampfkraftwerk aus der Sowjet-Union.

Kardamakis versicherte: »Das sowohl von der Regierung der UdSSR als auch von der griechischen Nationalen Regierung aufgebrachte Verständnis schafft bereits ein günstiges Klima, das für die Ausweitung der griechisch-sowjetischen Wirtschaftsbeziehungen im Rahmen der alten Freundschaft zwischen beiden Völkern von großem Vorteil ist.«

Ehrengast Jewgenij Gurow, Chef der sowjetischen Handelsvertretung in Athen, warb für eine neue Sowjetlieferung -- diesmal ein Kernkraftwerk.

Junta-Chef Papadopaulos befand in seiner Neujahrsbotschaft 1970, der Kommunismus »scheint keine große Gefahr mehr zu sein«. Gleich darauf signalisierte die Athener Abendzeitung »Apogevmatini« »eine unabhängige griechische Außenpolitik": Regierungschef Papadopoulos habe engere Beziehungen zum Ostblock verfügt. Erster Schritt der Ost-Offensive war die Einrichtung einer ständigen Handelsvertretung in Ost-Berlin.

»Das Volumen für Griechenland steht in keinem Verhältnis zu den vorhandenen Möglichkeiten«, lockte der Leiter der Ost-Berliner Handelsvertretung in Athen, Jehlen, die Griechen. Jehlen: »Der Handel entwickelt sich dort am besten, wo die Handelsbeziehungen als normal gelten. Handel und Politik sind nicht durch eine Mauer zu trennen.«

Im Februar 1970 räumten die Obristen ihren russischen Partnern Zollpräferenzen von 50 Prozent ein, um die Einfuhr sowjetischer Erzeugnisse zu erleichtern. Sie erweiterten die Handelsverträge mit den Ostblockstaaten um neue Austauschlisten und erhöhten das Austauschvolumen.

Die. griechischen Osthändler visierten ein Abkommen sogar mit einem Land an, mit dem sich Griechenland noch im Kriegszustand befindet: Albanien.

Im Mai 1970 fuhr zum erstenmal seit 30 Jahren wieder eine albanische Delegation nach Athen. Sie klärte auf Handelskammer-Ebene die Details eines Vertrags, der vier Monate zuvor in Paris unterzeichnet worden war.

Athen war auch bereit, anderen Ostblockländern ähnliche Zollzugeständnisse zu machen wie der Sowjet-Union. Folge: Die USA, Kanada und kleinere Länder fühlten sich handelspolitisch diskriminiert und intervenierten bei der Zoll-Organisation Gatt, deren Rat Athen aufforderte, auch allen Gatt-Ländern Meistbegünstigung zu gewähren -- andernfalls habe Griechenland den Vertrag mit der Sowjet-Union zu annullieren, der eine »eindeutige Verletzung« des Gatt-Abkommens darstelle. Eine Ausnahme-Genehmigung lehnten die Oberzöllner ab.

Dennoch blieben die Griechen entschlossen, mit den Osteuropäern noch eifriger zusammenzuarbeiten. Vor westlichen Firmen bevorzugten sie deren östliche Konkurrenten:

* Die polnische Cekop soll anstelle der Braunschweigischen Maschinenbauanstalt (BMA) und der Buckau R. Wolff bei Serrä eine Zuckerfabrik im Wert von 22,7 Millionen Dollar bauen.

* Die Sowjet-Organisation Technopromexport erhielt den Auftrag, die Torfvorkommen beim Nato-Übungsgelände Kawala zu erforschen und abzubauen.

* Die »Elektrotechnik Import-Export« der DDR soll sechs Hochspannungszentralen von je 400 000 Volt Im Gesamtwert von 29 Millionen Dollar liefern und installieren; der Vertrag wurde vorigen Dienstag in Athen unterzeichnet. Erstmals nannten die Griechen ihren Partner beim Namen: DDR und nicht wie bisher »Ostdeutschland«.

Das Regime schrieb obendrein internationale Wettbewerbe aus, zu denen nur Ostblockfirmen zugelassen wurden. Koordinationsminister Makarezos rechtfertigte den neuen Ostkurs mit dem Wohl des Volkes: »Was sollen wir tun? Zwischen dem Recht des griechischen Volkes zum Überleben und dem Willen einiger Fremder, es zur Stagnation zu verurteilen, dominiert natürlich das erstere.«

So stieg Griechenlands Osthandelsvolumen 1970 gegenüber dem Vorjahr um 20 Prozent. 1971 soll die Zuwachsrate noch größer werden.

Als Junta-Premier Papadopoulos am 19. Dezember vorigen Jahres seinem Volk die Perspektiven für 1971 vortrug, erwähnte er die alten Nato-Partner überhaupt nicht, richtete jedoch Appelle an die neuen Freunde: Jugoslawen, Bulgaren, Rumänen, Albaner. Vorsorglich ließ er im Staatlichen Beschaffungsplan 1971 für Staatsaufträge an den Osten einen Posten von 96 Millionen Dollar reservieren.

Der Wink blieb nicht unbemerkt. Anfang dieses Jahres überreichte der bulgarische Botschafter im Athener Außenministerium ein Memorandum, in dem Moskaus treuester Alliierter den reaktionären Griechen die Gründung von Gemeinschaftsunternehmen vorschlug, dazu eine bulgarische Beteiligung an neuen Industriebetrieben in Griechenland. Das devisenschwache Ostblockland bot von sich aus wertvolle Zahlungsmittel an -- der Handels- und Dienstleistungsverkehr soll fortan in Devisen abgewickelt werden.

Prompt meldeten sich auch Ungarn und Rumänen mit ähnlichen Angeboten. Mit Jugoslawien verhandelt Athen schon länger über bessere Zusammenarbeit: beim Bau einer Pipeline zwischen Skopje und Saloniki und bei der Nutzung des Axios-Flusses.

Seit Anfang dieses Jahres steht der Junta ein besonders tüchtiger Freund beim Geschäft mit dem Osten bei: Aristoteles ("Ari") Onassis. Im Januar fuhr der Großreeder zu Verhandlungen mit der ungarischen »Chemokomplex« nach Budapest. Bei Zigeunermusik lud er die Ungarn zum Gegenbesuch nach Athen ein -- sie sollen die Ausrüstung für eine Onassis-Tonerdefabrik liefern.

Über ein noch größeres Geschäft verhandelt Aristoteles Onassis zur Zeit in Moskau: den Bau von zwei Wärmekraftwerken mit einer Leistung von 300 und 150 Megawatt, Gesamtwert: 50 Millionen Dollar. Die Sowjets würden dann der schweizerisch-deutschen Firma Brown, Boveri & Cie und der AEG den Auftrag wegnehmen: Sie erklärten sich sogar bereit, ohne die von den Westfirmen verlangte Garantie der Bank von Griechenland zu liefern.

Ähnlich günstige Bedingungen bot den Griechen nur noch ein Land außerhalb des sowjetischen Einflußbereichs: Maos China.

Zwar erkennt Athen nur das nationalchinesische Regime auf Taiwan an, aber die Festlandchinesen offerierten zu Vorzugspreisen eine Ware, an der im klassischen Hammelland Griechenland offenbar gerade Mangel herrscht: Lämmer. Die Griechen bezahlen mit Tabak und Dollar.

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