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ZEITGESCHICHTE / WIRTSCHAFT Arisiert und konzentriert

aus DER SPIEGEL 14/1967

Den sechs Millionen Deutschen, die durch die Weltwirtschaftskrise von 1929 arbeitslos geworden waren, versprach Adolf Hitler nicht nur Arbeit und Brot, sondern auch einen »gesunden Mittelstand«, die »Brechung der Zinsknechtschaft« und die »Kommunalisierung« der Warenhäuser.

Ob die seit 1933 betriebene »Ausschaltung« der Juden den Mittelstandsparolen der Nationalsozialisten entsprach, hat ein junger deutscher Historiker untersucht.

In einer quellenkritisch überarbeiteten und ergänzten Dissertation schildert der Gießener Geschichtsforscher Helmut Genschel das Durcheinander von Rassenhaß, Konkurrenzneid« Korruption und handfestem Interessenkampf, das die »aktive Arisierungspolitik« des Dritten Reiches in der Wirtschaft charakterisierte*.

Der ökonomische Einfluß der jüdischen Minderheit in Deutschland hatte schon vor dem Ersten Weltkrieg seinen Höhepunkt überschritten -- wie der Nationalökonom Sombart 1911 konstatierte -- und war in der Weimarer Republik weiter im Abklingen begriffen.

Obschon der jüdische Einfluß insgesamt und in vielen einzelnen Wirtschaftszweigen abnahm, blieb er jedoch größer als der stets um ein Prozent schwankende Anteil an der Bevölkerung und war auf bestimmten Gebieten immer noch sehr bedeutsam.

So sank die Beteiligung im Handel -- der jüdischen »Hauptdomäne« während des 19. Jahrhunderts -- zwischen 1895 und 1933 von 5,71 auf 2,48 Prozent, blieb hingegen im Einzelhandel bedeutend. Hier betrug der jüdische Anteil zwischen 1928 und 1932 -- nach Umsatz und Beschäftigtenzahl gerechnet -- schätzungsweise rund 25 Prozent, bei den Warenhäusern nach dem Umsatz von 1932 sogar 79 Prozent.

Auch im Bank- und Börsenwesen (12,7 Prozent), im Immobilienhandel und Maklergewerbe (11,6 Prozent) und vor allem im Bekleidungsgewerbe (an die 30 Prozent) blieb der Anteil der jüdischen Selbständigen und leitenden Angestellten hoch.

Noch im Jahre 1933 waren -- relativ betrachtet -- fast dreimal so viele deutsche Juden als andere Deutsche selbständig oder in leitender Stellung.

Für die Energie, Intelligenz und Initiative der deutschen Juden sprach auch ihre Stellung in den freien Berufen: 1933 waren 16,16 Prozent der deutschen Rechtsanwälte und Notare, 13,28 Prozent der Patentanwälte, 10,88 Prozent der Ärzte und 8,59 Prozent der Zahnärzte jüdischer Herkunft.

Gegen die relative Krisenfestigkeit der jüdischen Unternehmen richtete sich die nationalsozialistische Mittelstandspropaganda, und sie fand im fast ruinierten, um seine ökonomische Existenz bangenden Kleinbürgertum nach 1929 das »Hauptreservoir für NS-Wähler, Parteimitglieder und SA-Trupps«.

* Helmut Genschel: »Die Verdrängung der Juden aus der Wirtschaft im Dritten Reich«. Musterschmidt-Verlag, Göttingen; 338 Seiten; 48 Mark.

Freilich, Hitlers Mittelstands-Wähler, die geglaubt hatten, Hitlers »judenreine« Wirtschaft werde die »Konzerne« abschaffen, sollten sich bald getäuscht sehen.

Die Warenhäuser wurden zwar mit der Zeit »arisiert«, aber nicht kommunalisiert. Noch größere »arische« Konzerne traten an die Stelle der »jüdischen« Warenhausfirmen Wertheim, Tietz« Schocken und Epa.

Im Sommer 1933 mußte Hitler dem amtierenden Reichswirtschaftsminister Dr. Schmitt sogar zugestehen, daß der Reichsfiskus den zweitgrößten deutschen Warenhauskonzern -- die jüdische Hermann Tietz AG -- sanierte. Der Konzern war durch organisierten Partei-Boykott in Zahlungsschwierigkeiten geraten. 14 000 Arbeitnehmer und zahlreiche Lieferbetriebe wären in den Bankrott hineingerissen worden. Der nationalsozialistische »Kampfb- und des gewerblichen Mittelstandes« protestierte gegen die »heimliche Sabotage«, ohne zu ahnen, daß der Führer in Person die Stützungsaktion gebilligt hatte.

Nach den Untersuchungen Genschels nützte selbst die Zwangsauflösung zahlreicher jüdischer Geschäfte und Firmen über den »grollen arischen Kapitalien als dem Mittelstand«, obschon von den noch bestehenden rund 40 000 jüdischen Betrieben zwischen April 1938 und April 1939 insgesamt 14 803 aufgelöst und 5976 »arisiert« wurden.

Die relativ wenigen jüdischen Großunternehmen in der Schwerindustrie wurden von vier bestehenden Konzernen geschluckt: von Mannesmann, Flick, Otto Wolff und den Reichswerken Hermann Göring. In der Maschinenindustrie entstand überhaupt erst mit der Arisierung« der Firma Simson/Suhl der erste große Konzern, die »Wilhelm-Gustloff-Stiftung«. Ebenso kam es in der Schuh- und Lederindustrie erst durch die »Arisierung« zur Konzernbildung.

Im Bankwesen wurde die Konzentration durch die Schließung der zahlreichen jüdischen Privatbanken begünstigt.

Ähnliche Vorgänge spielten sich in der chemischen, in der Zellstoff-, Papier- und Zellwollindustrie ab. Auch die Konzentration in der Textil- und Bekleidungsindustrie -- wurde in manchen Branchen durch die Auflösung von bis zu 50 Prozent sämtlicher Betriebe entscheidend gefördert.

Die Zunahme der Konzentration in Industrie und Bankwesen, »in geringerem Maße« auch im Handel, nennt Historiker Genschel das »wichtigste bleibende Ergebnis der Arisierung«. In ihm verbarg sich das »Paradox«, daß ein ursprünglich extrem mittelständischer Antisemitismus im Effekt zur »Stärkung der Großbetriebe« beitrug.

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