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Skandinavien Arktischer Winter

Die geplante Aufnahme der Nordländer dehnt die Europäische Union bis an Rußlands Grenzen aus - und schafft Sicherheitsprobleme.
aus DER SPIEGEL 1/1994

Mit ihren 20 Kühen im Stall zählen Riitta und Pentti Neitola zu den ganz großen Milchbauern im finnischen Lappland. Steiniger Boden, endlose Kiefern- und Birkenwälder, lange dunkle Winter, die sich schon im September mit Frost und Schnee ankündigen und erst im Mai enden - unter solch unwirtlichen Bedingungen erzeugt die Familie Neitola auf ihrem Hof 156 000 Liter Milch pro Jahr.

Eigenhändig hat der Bauer Land gerodet und von Steinen freigeräumt, um mit selbstangebautem Futter unabhängig von teuren Importen zu sein. Riitta, studierte Agrarökonomin und Mutter von drei Kindern, glaubt den Betrieb für einen Beitritt Finnlands zur Europäischen Union (EU) gut gerüstet: »Wir sind jung, fleißig und haben bewußt auf kostspielige Investitionen verzichtet.«

Über ihre weitere Existenz nördlich des Polarkreises wird im 2500 Kilometer entfernten Brüssel entschieden. Dort gehen die Verhandlungen über die Beitrittskonditionen der skandinavischen Länder in die Schlußphase. Einer der umstrittensten Punkte ist dabei die »arktische Landwirtschaft«.

Es gilt, die Bauern in den abgelegenen Regionen Norwegens, Schwedens und Finnlands vor der landwirtschaftlichen Überproduktion der Union zu schützen. Die nordischen Länder wollen weiterhin die hohen Transportkosten und den Lebensstandard ihrer Bauern subventionieren dürfen. »Unsere Politik«, so Eikka Konsonen, einer der Verhandlungsführer Helsinkis bei der EU, »muß die Menschen in ihren angestammten Regionen halten.«

Um knapp die Hälfte wird sich die Fläche der Europäischen Union vergrößern, wenn die Skandinavier dazustoßen. Die Bevölkerung allerdings wird nur um fünf Prozent wachsen. Während im Durchschnitt der Gemeinschaft 146 Einwohner auf einem Quadratkilometer leben, sind es in Norwegen nur 14, gar nur 2 in Lappland.

Für Europa entsteht ein neues Problem: Nach dem Beitritt der Skandinavier wird die EU erstmals eine gemeinsame Grenze mit Rußland haben. Über 1300 Kilometer zieht sich Finnlands Grenze mit Rußland durch fast menschenleere Regionen. Auch die norwegischrussische Grenzlinie verläuft auf 196 Kilometern durch kaum bevölkertes Gebiet.

Nur dreimal wurden im vergangenen Jahr am finnischen _(* Bei einem Angelausflug vor den Lofoten ) _(im Juli 1993. ) Grenzübergang Kelloselkä Russen aufgegriffen, die illegal die Seite wechseln wollten. Doch Wirrwarr, Not und Schlamperei im ehemaligen Sowjetreich bergen neue Risiken für die Wohlstandsfeste EU. Eine Katastrophe, etwa in einem der nahen Kernkraftwerke oder in einem Nuklearwaffendepot, könnte Hunderttausende über die ungeschützte Grenze treiben.

Die im Vertrag von Maastricht angestrebte gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik werten die nordischen EU-Kandidaten als Gewinn. »Selbst überzeugte Anti-Europäer«, sagt Norwegens Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland, »haben eingesehen, daß es für uns vorteilhaft ist, über die europäische Außen- und Sicherheitspolitik mitzureden.«

Befürchtungen, die neutralen Schweden und Finnen könnten den politischen Zusammenhalt der Europäischen Union schwächen, wies Schwedens Ministerpräsident Carl Bildt in Brüssel zurück: »Mit dem Ende der Konfrontation zwischen den beiden Militärblöcken und mit unserer Entscheidung, der EU beizutreten, hat das alte Konzept der Neutralität seine Bedeutung verloren.«

Noch allerdings möchten Finnen und Schweden am Prinzip der militärischen Bündnisfreiheit festhalten und sich nicht auf einen Nato-Beitritt festlegen. Ein solcher Schritt, so glauben sie, könnte in Rußland Angst vor Einkreisung wecken und radikalen Kräften im alten Machtimperium Auftrieb geben. Für den Chef des finnischen Verteidigungsstabs, Gustav Hägglund, sind die Bemühungen um die EU-Mitgliedschaft »ein unverdächtiger Schritt Richtung Nato«.

Die Union werde sicherheitspolitisch von den Neuen profitieren, glaubt Premier Bildt. Europas Kriege hätten in diesem Jahrhundert nicht nur auf dem Balkan, sondern auch in den Baltenstaaten begonnen. Gemeinsam mit Norwegen und Finnland könne Schweden »einen vielleicht sogar entscheidenden Beitrag leisten«, im benachbarten Baltikum und in Rußland Stabilität und Demokratie zu fördern.

Auch Kommissionspräsident Jacques Delors erhofft sich von den Nordlichtern einen Schub für die »Schaffung eines effizienten europäischen Sicherheitssystems«. Schließlich besäßen die Skandinavier einen guten Ruf in der Entwicklungspolitik und »solide Erfahrungen bei friedensbewahrenden Maßnahmen«.

Ob die Beitrittsverhandlungen wie vorgesehen bis zum 1. März abgeschlossen werden, entscheidet sich indes nicht an geopolitischen, sondern an vergleichsweise marginalen Fragen. So erklärte sich Brüssel Ende Dezember bereit, Kautabak in Schweden zuzulassen - obwohl der überall sonst in der EU aus gesundheitlichen Gründen nicht verkauft werden darf. Bei der fälligen Volksbefragung über den Beitritt könnten 800 000 schwedische Liebhaber des Priems den Ausschlag geben.

Auch das staatliche Alkoholmonopol darf die schwedische Regierung im Einzelhandel behalten. Stockholm beruft sich darauf, daß Handelsbeschränkungen zulässig sind, wenn sie dem Schutz der Gesundheit dienen.

Die hohen Preise und rigiden Ladenschlußzeiten in den 363 staatlichen Verkaufsstellen haben die einstige Trinkernation zu disziplinierten Alkoholkonsumenten gemacht. Die Schweden liegen mit ihrem durchschnittlichen Verbrauch von 6,7 Litern reinem Alkohol jährlich weit hinter den Deutschen (12 Liter).

Die Brüsseler Kommission hält das schwedische Monopol mit den Regeln des freien Wettbewerbs eigentlich für unvereinbar. Zumindest der Großhandel soll privatisiert werden.

Am günstigsten ist derzeit die Stimmung in Finnland. Das Land könnte durch die Integration in den europäischen Binnenmarkt nur gewinnen. Denn der traditionelle Export ins benachbarte Rußland ist weitgehend zusammengebrochen (siehe Kasten).

Die Norweger hingegen, die ihren Öl- und Gasvorkommen in der Nordsee hohen Wohlstand verdanken, fürchten, in der Gemeinschaft nur zu verlieren. Schon der Begriff »Union« ist negativ belastet, weil er an die 500jährige Abhängigkeit von Dänemark und Schweden erinnert.

Für die Norweger hängt alles davon ab, wie die Verhandlungen über die Fischfangquoten ausgehen. 1972 scheiterte ein Referendum über den EG-Beitritt an diesem Punkt. Ministerpräsidentin Brundtland: »Für keine andere Nation bedeutet der Fisch soviel wie für uns.«

Eine abermalige Niederlage in einer Volksbefragung will die Regierungschefin auf keinen Fall riskieren. Denn dann wäre die Chance, EU-Mitglied zu werden, für lange Zeit vertan. Wenn die Ergebnisse in Brüssel sie nicht zufriedenstellen, will die Regierung die Verhandlungen lieber aussetzen.

Brundtlands Kalkül: Sind Finnland und Schweden erst einmal beigetreten, könnten sich die Norweger umbesinnen - ohne daß ein negatives Referendum die Tür zur EU zugeschlagen hätte. Y

[Grafiktext]

_115_ EU, Norwegen, Schweden, Finnland:

_____ / Fläche, Einwohner, Bruttoinlandsprodukt, Arbeitslosenquote

[GrafiktextEnde]

* Bei einem Angelausflug vor den Lofoten im Juli 1993.

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