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GRIECHENLAND / NIARCHOS Armer Mann

aus DER SPIEGEL 43/1970

Die Leiche der nur mit einem dünnen Nachthemd bekleideten Frau wies 14 Verletzungen auf. Gerichtsmediziner fanden am Körper der Toten -- unter anderem:

eine scharfbegrenzte Blutung am linken Auge mit einer Schwellung bis zur linken Schläfe;

je einen Bluterguß in beiden Schläfenmuskeln;

eine Blutung am linken Hinterkopf;

eine scharfbegrenzte Blutung In Ellipsen-Form an der rechten Halsseite, die den Eindruck eines Fingerabdrucks erweckt;

drei parallellaufende kleinere Blutungen in Form von Fingerabdrücken an der linken Halsseite, oberhalb des Schlüsselbeins, darunter Risse des Unterhautstützgewebes und der Halsfaszie; auf der gleichen Seite weist die Muskelmasse des Kopfwender-Muskels Risse auf, seine Fasern sind zerquetscht;

eine Blutung unterhalb der Schleimhaut im Bereich der linken Grube des Kehlkopfes;

eine drei Zentimeter lange Blutung an der vorderen Bauchwand;

eine Quetschung der Wand einer Krummdarmschlinge, eine innere Blutung an dieser Stelle verursachte eine blauschwarze Verfärbung über etwa 50 Zentimeter;

eine Blutung hinter dem Bauchfell in der Höhe des vierten und fünften Lendenwirbels;

* Photokopie der ersten Seite des Richterrats-Beschlusses zum Fall Niarchos.

blutunterlaufene Stellen außen und innen am linken Oberarm;

eine blauverfärbte, blutunterlaufene Stelle im Bereich des linken Innenknöchels;

eine flächenhafte Blutung an der Innenseite des linken Schienbeins;

eine Blutung an der Rückseite des linken Ringfingers sowie einen Hautriß am kleinen Finger der linken Hand.

Staatsanwalt Konstantinos Fafoutis vom Landgericht Piräus schloß aus diesen Verletzungen auf »Faustschläge, Fußtritte und einen perfekten Würge-Mechanismus«. Er wollte den Ehemann der Toten wegen vorsätzlicher Körperverletzung nut Todesfolge vor Gericht bringen (Protokoll-Nummer 698/22. 8. 1970).

Am 22. August 1970 beantragte der Staatsanwalt Anklage »gegen Stavros Niarchos, Sohn des Spyros, geboren in Piräus und wohnhaft in St. Moritz, Schweiz, vorläufig wohnhaft in Spetsopoula, 60 Jahre alt, Schiffsreeder, griechischer Staatsangehörigkeit und griechisch-orthodoxen Glaubensbekenntnisses«.

Der Staatsanwalt gab damit den Blick frei auf eine atemraubende Szene, auf der in wohl einmaliger Mischung Gesellschaftsburleske und Kriminal-Thriller, Machtepos und Ehedrama durcheinanderquirlten, gespielt in der einzigen Militärdiktatur Europas, gekungelt zwischen Plutokraten und Soldaten. Gemäß Junta-Befehl durften Griechenlands Zeitungen über die cause célèbre nicht berichten.

Stavros Niarchos ist einer der reichsten Reeder der Welt. Er nennt rund 80 Schiffe sein eigen und ein Gesamtvermögen von wahrscheinlich 2,5 Milliarden Dollar. Seine Frau Eugenie, 42, Tochter des Großreeders Livanos, wurde in der Nacht vom 3. auf den 4. Mai 1970 um 22.30 Uhr auf der Niarchos-Privatinsel Spetsopoula In ihrem Schlafzimmer in komaähnlichem Zustand aufgefunden. Sie starb um 0.30 Uhr, ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben. Der Körper zeigte jene Verletzungen, die Staatsanwalt Fafoutis in seinem Antrag auf Anklage-Erhebung aufzählte.

Gleichwohl wies die Richterliche Ratskammer des Landgerichts Piräus, bestehend aus den drei Richtern Parmenion Tsifras, Georgies Trichas und Kyriakos Varvaressos, den Antrag des Staatsanwalts am 17. September zurück -- aufgrund von »Beweisen, die von der Tatsache überzeugen, daß Eugenie Niarchos in der Nacht vom 3. zum 4. Mai laufenden Jahres Selbstmord beging« (Protokoll-Nummer 775/1970).

Am Samstag, dem 3. Oktober, lief die letzte Einspruchsfrist der Staatsanwaltschaft gegen den Richter-Beschluß ab -- ohne daß ein Einspruch registriert wurde. Damit war die Akte Niarchos für die Justiz offiziell geschlossen.

Befriedigend abgeschlossen war die peinliche Affäre damit offensichtlich auch für Griechenlands regierende Junta. Denn am Montag, dem 5. Oktober, also unmittelbar nach Ablauf der Einspruchsfrist, erschien im Regierungs-Anzeiger von Athen, Blatt 209, das Königliche Dekret Nummer 628.

Es behandelt »die Genehmigung zur Einfuhr von 190 Millionen US-Dollar seitens des Herrn Stavros Niarchos zur Realisierung von Industrie-Investitionen«.

Unterschrieben ist der 39seitige Kontrakt über Investitionen von insgesamt 200 Millionen Dollar zwischen dem Militär und dem Milliardär von Vizekönig Zoitakis sowie den Ministern Makarezos (der unter dem Namen »Koordinationsministerium« ein Super- Wirtschaftsressort leitet), Androutsopoulos (Finanzen) und Kypräos (Industrie).

* Unterschriftsdatum ist laut Regierungs-Anzeiger der 10. September 1970 -- ein Tag, nachdem der Richterrat zu seiner ersten von insgesamt sechs Sitzungen zusammengetreten war, um über das Anklagebegehren des Staatsanwaltes Fafoutis zu beraten.

Das amtierende Staatsoberhaupt und drei Regierungs-Mitglieder leisteten somit ihre Unterschrift unter einen der wichtigsten Investitions-Verträge, die jemals eine griechische Regierung abgeschlossen hat, sieben Tage vor jenem Datum, an dem der einer Körperverletzung mit Todesfolge beschuldigte Vertragspartner von diesen Anschuldigungen freigesprochen wurde, einen Monat, bevor die Einspruchsfrist der Staatsanwaltschaft ablief.

»Herr Niarchos«, konnte der Reeder nach dem für ihn so günstigen Spruch denn auch mitteilen lassen, »hat nie daran gezweifelt, daß die für ihre Unparteilichkeit und ihre Gerechtigkeitsliebe berühmte griechische Justiz ihm schließlich recht geben würde.«

Eine Zeitlang mußte er vielleicht doch daran zweifeln. Denn am Anfang der Causa Niarchos hatte sich der damalige Justizminister Kyriakopoulos ratsuchend an den Premier Papadopoulos mit der Frage gewandt, wie das Ermittlungsverfahren gegen den Prominenten zu führen sei. Der Ober-Obrist antwortete: »Die Moral ist die Grundlage der Revolution.«

Von Moral war bis dahin freilich noch nie die Rede gewesen, wenn es um die Beziehungen zwischen den regierenden Militärs und den seefahrenden Milliardären Griechenlands ging. Reeder und Regime hatten sich in einer Kumpanei der ersten Stunde zu größtmöglichem gegenseitigen Nutzen verbunden.

Denn die Obristen aus den Geheimdienstbüros, den Panzer- und Artilleriekasernen der königlich-griechischen Streitkräfte konnten zwar am 21. April 1967 binnen weniger Stunden mit preußischer Präzision die Macht im Staat erringen, aber noch keine Anhängerschaft. Das Volk blieb störrisch, die Politiker gingen lieber ins Gefängnis oder ins Exil, als mit den Putschisten zu kollaborieren.

Eine sichere Stütze suchten und fanden die Soldaten beim Großkapital -- das sind in Griechenland fast ausnahmslos die schwerreichen Reeder, die eine Intimkennerin, die exilierte Zeitungsherausgeberin Heleni Vlachou, so einstufte: »Wandernde Zigeuner, ohne Nationalität, ohne Ideale, nur dem eigenen Nutzen verbunden.«

Die finanzielle Macht, die weltweiten Verbindungen und ein weitläufiger Lebensstil dieser Fürsten des 20. Jahrhunderts faszinierten die Dorfsprößlinge des Soldaten-Regimes.

* Rechts unten das Unterzeichnungs-Datum (10. September) und die Unterschriften von Vizekönig Zoltakis, Koordinationsminister Makarezos, Finanzminister Androutsopoulos und Industrieminister Kypraios.

** Vorn: Premier Papadopoulos, Vizepremier Pattakos, Makarezos; hinten: Androutsopoulos (l.), Kypraios (r.).

Während sich Stavros Niarchos für seine vierte Hochzeit eine 150sitzige Boeing 707 für den Flug zu zweit in die Flitterwochen mietete, fährt heute noch kein Bewohner im Geburtsdorf des Vizepremiers Pattakos, Aghia Paraskevi auf Kreta, ein Personenauto. In das Heimatdorf des Premiers Papadopoulos, Eläochorion, kam Licht erst nach dem Putsch. Die Privatinseln des Reeders Onassis beziehen ihren Strom aus eigenen Kraftwerken.

Die Reeder wiederum fanden sich schnell bereit zur unheiligen Allianz mit den Offizieren, denn die Konditionen waren für sie, die heute schon über die nach Ladekapazität größte Flotte der Welt herrschen, verlockend.

»Ihre Raffgier«, schreibt Heleni Vlachou, »wurde vom großen Junta-Ausverkauf noch angestachelt. Griechenland wurde zu kleinen Preisen feilgeboten. Einmalige Gelegenheiten waren für einen freundlichen Klaps auf uniformierte Schultern zu haben. Die griechische Fahne wurde noch unter die Billig-Flaggen Panamas und Liberias abgewertet, Steuern wurden gestrichen, Gesetze vergessen. Es war ein kluger Schachzug der isolierten Obristen, eine Aktion, deren Erfolg von vornherein feststand.«

Die milliardenschweren Reeder waren stets unter fremden Fahnen gesegelt, um Steuern zu sparen. Sie hatten ihre Geschäfte von den Finanzzentren New York oder London aus dirigiert, trugen, wie etwa Onassis und Niarchos, ausländische Pässe.

In emphatischen Ansprachen forderte Papadopoulos bald nach dem Putsch seine potentesten Bürger auf, sich in Griechenland niederzulassen:

* »Helft, meine Herren, als Vertreter der Magna Graecia. Hier sind die Gräber Eures Vorfahren!«

* »Ich verlange von Euch nicht, der Regierung beizustehen, ich verlange von Euch nur, was die Stimme des Vaterlandes verlangt. Gebt das, was das Vaterland heute fordert ...«

* »Gebt, meine Herren, Griechenland die Kraft, den Traum dar Hellenen, das Große Griechenland zu beflügeln! Hißt die griechische Flagge auf Euren Schiffen! Sagt uns, was Ihr dafür haben wollt ...«

Die so Angesprochenen sagten und bekamen es: Mit den Zwangsgesetzen 89/1967 und 378/1968 wurden die Niederlassungen ausländischer Gesellschaften von Steuern, Abgaben und Zöllen befreit. Schiffahrtsgesellschaften, die ihren Sitz vom Ausland nach Griechenland verlegten, erhielten noch weitergehende Sander-Vorteile. Schiffe, die noch nicht 30 Jahre alt sind und die griechische Flagge hissen, sowie Schiffe, die in Griechenland gebaut werden und unter Griechen-Flagge fahren, werden von jeder Besteuerung befreit -- auch von Erbschaft-, Schenkung- und Mitgiftsteuern.

Unter den ersten Reedern, die mit ihrer Flotte ins heimatliche Steuerparadies einfuhren, war Aristoteles Onassis. Er handelte sich mit dieser patriotischen Tat gewaltige Gegengaben ein: Die Regierung bestätigte den »Olympic Airways« des Reeders exklusive Konzessionen bis zum Jahr 2006; ein Investitionsvertrag mit dem Regime stellte dem Milliardär Riesen-Profite in Aussicht.

In den vom Regime verordneten Schulbüchern liest sich das neue Verhältnis zwischen Regierung und Reichen so: »Tätigkeit und Gesetzgebung der nationalen Regierung aktivieren auch die reichen Mitglieder der Gesellschaft. Sie lassen ihre Schiffe unter griechischer Flagge fahren, gründen Betriebe und opfern ihren Reichtum und ihre Arbeitskraft, um selbst den Fortschritt mitzuvollziehen und die anderen in ihrem schöpferischen Aufschwung zu unterstützen.«

In der Praxis sahen Fortschritt und Aufschwung so aus:

Der Amerika-Grieche Tom Pappas, Promoter des Amerika-Griechen und Nixon-Vize Spiro Agnew, einst Mitarbeiter des Geheimdienstes CIA ("Ich bin stolz darauf"), betrieb in den USA eifrig Public Relations für die Obristen. Lohn vom Duz-Freund Papadopoulos: die lukrative Coca-Cola-Konzession für Griechenland.

Der Präsident der griechischen Reeder-Union, Stratis Andreadis, unterstützte die Heimkehr-Aktion des Premiers. Dafür kontrolliert er ungeschoren die »Commercial Bank of Greece« und damit das private griechische Kreditwesen, obwohl er früher einmal auch die kommunistische Partei (Eda) subventioniert hatte.

Mit kleinen Geschenken hielten die Reichen ihre Gönner bei Laune: Tom Pappas, der früher einmal auch Papadopoulos hieß, verehrte der Tochter des Vizepremiers Pattakos zur Hochzeit einen hochkarätigen Brillanten.

Niarchos, eine Zeitlang wegen seiner einstigen Verbindungen zum Königshaus bei der Junta in Verruf, knüpfte enge Fäden zum wichtigsten Wirtschaftsboß der Junta, dem Koordinationsminister Oberst Makarezos.

Mit verschiedenen Bataillonen des Militärregimes auf ihrer Seite führten die beiden »Haifische« unter den hellenischen Reedern (so der frühere stellvertretende Koordinationsminister Rodinos-Orlandos) jene Fehde zwischen ihren Häusern weiter, die fast so alt ist wie die ersten Seelenverkäufer der beiden.

Äußerlich mit ihren untersetzten Figuren, zerfurchten Gesichtern und Hakennasen einander ähnlich, sind die beiden nach Herkunft und Temperament, Bildung und Auftreten grundverschieden.

Der ältere Onassis verkörpert das griechische Ideal des Selfmade-Manns. Er gilt als Abenteurer, als charmanter Gastgeber mit (zuweilen derbem) Witz und Intelligenz, geht lieber zum Volkstanz in Bouzoukia-Lokale als in die Oper. Geschäftlich gerissen, ist er dennoch einer der verschwenderischsten Reichen: Eine Million Dollar bot er einmal einem Restaurant-Inhaber in New York, falls der ihn und Ehefrau Jackie durch Hinauswurf aller anderen Gäste vor Belästigungen schütze. Zeit zum Geldverdienen gewinnt er, indem er nur vier bis fünf Stunden täglich schläft.

Niarchos war schon im Mühlenbetrieb seines Onkels gefürchtet. Er galt als brutal und geltungsbedürftig. Seine Frauen litten unter ihm. »Ich weiß, was es heißt, mit einem Griechen verheiratet zu sein«, stöhnte seine vierte, Charlotte Ford, nach der Scheidung. Er trank regelmäßig und viel -- vornehmlich schottischen Whisky. Frühere Bindungen vergaß er, wenn sie ihm nicht mehr dienten.

Nach dem mißglückten Putsch Konstantins kannte er das Königshaus nicht mehr. Konstantin klagte: »Er hat mich verraten.«

Aristoteles Onassis war 1922 vor den Griechen-Pogromen in Kleinasien mit 60 Dollar in der Tasche nach Argentinien geflüchtet und hatte dort zuerst als Telephonist gearbeitet. Seine erste Million machte er mit dem Import von Orient-Tabaken. 1931, während der Weltwirtschaftskrise, kaufte er seine ersten Schiffe. Heute repräsentieren seine über hundert Schiffe mehr als vier Millionen Bruttoregistertonnen.

Stavros Niarchos, Sohn von Spartanern, die lange in den USA gelebt hatten, studierte Jura an der Athener Universität. Sein erstes Geld verdiente er als Verwalter im Mühlen-Unternehmen seines Onkels Koumantaros. Sein erstes Schiff kaufte er für 60 000 Dollar im Jahr 1938. Als es im Hafen von Antwerpen von der Luftwaffe versenkt wurde, kassierte er dafür eine Versicherungs-Million. Heute zählt seine Flotte etwa 80 Einheiten mit mehr als 2,5 Millionen Bruttoregistertonnen.

Ihren großen Reichtum scheffelten beide nach dem Krieg -- dank amerikanischer Ausverkäufe an »Liberty«-Frachtern und dank der Mitgift ihrer Ehefrauen, die Schwestern waren.

Onassis heiratete 1946 in erster Ehe Athina ("Tina"), die jüngere, damals 17jährige Tochter des griechischen Großreeders Livanos. Niarchos führte 1947 in dritter Ehe Tinas Schwester Eugenie Livanos, damals 19, heim.

Eugenie bekam eine größere Mitgift als Tina. Onassis erschien daraufhin nicht zur Hochzeit der Schwägerin. Seither arbeiteten die beiden Schiffahrts-Schwäger ebenso am eigenen Aufstieg wie dafür, dem anderen zu schaden oder ihn zu übertreffen. Sie fochten um Frachter und Frauen, um Gäste und Glorie, vor allem aber um Mammon und Macht.

»Kaum etwas im Leben außer Geldverdienen«, konstatierte »Time« einmal, »ist Onassis so wichtig, wie Stavros Niarchos zu übertrumpfen.« Und umgekehrt war es ebenso.

Früher als die internationale Konkurrenz erkannten die beiden die Profitchancen im Öltransport -- die seit Schließung des Suezkanals so emporschnellten, daß beispielsweise der neuste 200 000-Tonnen-Tanker von Onassis cm Drittel seines Preises auf einer einzigen Fahrt zwischen dem Persischen Golf und Europa wieder hereinbrachte. Die beiden Griechen bauten Anfang der fünfziger Jahre die ersten Riesen-Tanker: die »Tina Onassis« (45 000 Tonnen Tragfähigkeit) in Hamburg und die »Spyros Niarchos« (47 750 Tonnen) in England.

Doch die Tanker-Könige wetteiferten nicht nur auf den Meeren. Onassis kaufte den Niarchos aus dem Spielcasino von Monte Carlo hinaus. Als Onassis das Riviera-Schloß Château de le Croe am Cap d'Antibes für 48 000 Dollar pro Jahr mietete, kaufte Niarchos es für 575 000 Dollar und setzte seinen Konkurrenten an die Luft.

In seinem Pariser Haus in der Rue de Chanaleilles hortete Niarchos Kunstschätze für Dutzende Millionen Mark: van Goghs und Gauguins, El Grecos »Pietà« sowie Werke von Matisse, Toulouse-Lautrec, Cézanne, Renoir und Degas.

Auch Onassis, Eigner einer Bank In der Schweiz, stopfte seine Wohnungen in Athen, Paris, Monte Carlo, London, New York, Montevideo und Buenos Aires mit antiken Kunstschätzen voll.

Niarchos, seit Jugendtagen Mitglied des super-exklusiven »Königlichgriechischen Jachtklubs« in Piräus, kreuzte mit seinem Dreimaster »Creole« durch die Meere, der größten privaten Segeljacht der Welt. Sie ist 52 Meter lang, ihre Kabinen sind eichenholzgetäfelt, für eine Million Mark bepinselte Salvador Dalí ihr Inneres mit Surrealistischem.

Onassis ließ auf den Kieler Howaldts-Werken die einst kanadische Fregatte »Stormont« für zehn Millionen Mark zu einem hochseetüchtigen Palast umbauen. Sie wurde »Christina« getauft, die Wasserhähne sind aus Gold, für die Geladenen sind ein Swimming-pool und ein Mini-Krankenhaus mit Operationstisch da. Ein Wasserflugzeug versorgt die »Christina«-Kreuzfahrer bei Laune des Schiffsherrn mit Kuchen aus der Onassis-Lieblingskonditorei in Athen.

Der nächste Coup Niarchos' war der Kauf der Insel Spetsopoula im Saronischen Golf vor Attika. Für vier Millionen Mark ließ der Seefahrer auf dem öden Eiland Bäume pflanzen und Fasane aussetzen. Er baute Villen und Bungalows, Schiffsanlegestellen sowie einen Hubschrauber-Landeplatz.

Aristoteles ("Ari") Onassis erwarb daraufhin zwei Inseln, Skorpios und Sparti im Ionischen Meer, für den Spottpreis von 60 000 Mark. Zehn Millionen investierte er in Straßen, Villen und Jachthafen.

Die Inseln und Jachten der superreichen Reeder wurden zu den beliebtesten Landeplätzen und Flugzeugträgern des internationalen Jet-set. In »unersättlichen Sammelleidenschaft« (so »Time") dekorierten sich die gedrungenen Meereskönige mit den Glamour-Größen des Globus.

Landeten beim Schiffer An die abgedankten Windsors, so wasserte bei Seemann Stavros die Windsor-Nichte Margaret. Auf der »Christina« malte Winston Churchill, auf Spetsopoula flitterte König Konstantin mit seiner Dänen-Prinzessin Anne-Manie. Herbert von Karajan hie stach Greta Garbo dort aus.

Am Dauer-Flirt mit der Diva Maria Callas zerbrach Aris Ehe mit Tina. Nach einer einzigen, folgenreichen Nacht auf der »Creole« mit der um 32 Jahre jüngeren Ford-Tochter Charlotte (Vater Fords Jacht »Santa Maria« hatte in Villefranche leichtfertig neben dem Griechen-Segler Anker geworfen) scheiterte vorübergehend Stavros' Ehe mit Eugenie.

Unbestrittener Sieger im »cherchezla-femme«-Spiel blieb der um drei Jahre ältere Ari, als er 1968 ein amerikanisches Denkmal ehelichte -- die Kennedy-Witwe Jackie. Stavros kehrte nach 15 Monaten zu Eugenie zurück, laut Heleni Vlachou »eine Muster-Tochter, Muster-Frau und Muster-Mutter, wie es sie nur noch selten In unserer Welt gibt«. Die Ford-Tochter wunderte sich, »daß ich nicht verrückt geworden bin«.

In der Heimat rafften die beiden Konkurrenten Zug um Zug. Onassis hatte die sieche staatliche Luftfahrtgesellschaft »TAE« erworben und möbelte sie zu einer Jet-Flotte mit Namen »Olympic Airways« auf.

Niarchos erhielt auf königliches Geheiß Küstengelände beim Stützpunkt Skaramanga von der Marine zu einem Spottpreis und baute dort Griechenlands größte Werft. Daran war nicht nur der Griechenkönig beteiligt, auch Spaniens Thron-Prätendent Juan Carlos ist -- dank einer Mitgift seiner Frau, der Hellenen-Prinzessin Sophia -- stiller Nutznießer der Ägäis-Werft.

Nach Machtantritt der Junta wurde Onassis zum Hof-Milliardär. Er bot der kapitaldurstigen Regierung Papadopoulos ein industrielles Investitions-Programm von 600 Millionen Dollar an. Als Gegenleistung erhoffte er sich ein lukratives Raffinerie-Monopol für Griechenland.

Der Premier befahl, das Onassis-Projekt schnellstens zu genehmigen, und feuerte einen Minister und einen Staatssekretär, die dagegen opponierten, weil sie in dem Handel zu viele Vorteile für Onassis und zu wenige für Griechenland sahen.

Da beschuldigte Niarchos seinen Uralt-Feind, dieser wolle sich mit überhöhten Profiten bereichern, und bot seinerseits Millionen-Investitionen in Raffinerien, Werften, Motorenfabriken und einem Stahlwerk an.

Koordinationsminister und Niarchos-Freund Oberst Makarezos fand sofort »den Antagonismus zweier der größten Unternehmer der Welt, soviel Geld wie möglich in ihrer Heimat zu investieren«, besonders erfreulich für Griechenland. Makarezos, der einst als Militärattaché in Bonn gedient hatte: »Die ideale Lösung wäre die Realisierung beider Investitions-Vorschläge.«

So sollte es dann auch sein -- da passierte, was der Betroffene Niarchos selbst als »neue griechische Tragödie« (so sein Pariser Anwalt René de Chambrun) sah, der Staatsanwalt Fafoutis in Piräus jedoch für einen Kriminalfall hielt: der jähe Tod der Reedersfrau Eugenie Niarchos.

Laut Niarchos verlief der Abend vor dem Exitus Eugenies etwa so: Er sei am Nachmittag mit seiner Ehefrau in Streit geraten, weil er Elena, 4, seine Tochter aus der Kurz-Ehe mit Charlotte Ford, nach Spetsopoula laden wollte. Der Streit habe sich fortgesetzt, als er nach 21 Uhr ein Ferngespräch mit der Ford führte. Anschließend sei er schlafen gegangen.

Nach Darstellung des Niarchos-Anwalts Chambrun passierte dann folgendes:

Es regnete an diesem Tag, und Frau Niarchos hatte Depressionen. Ste nahm zwei Schlaftabletten in der Hoffnung, etwas Ruhe zu finden. In ihrem Schlafzimmer fiel sie in eine Art Halbschlaf.

Etwas später kam sie herunter, um ihren Mann zu sehen. Herr Niarchos wurde plötzlich etwas ärgerlich. Sehr deprimiert, immer nach schläfrig, ging sie zurück in ihr Schlafzimmer. Dart nahm sie den Rest der Tabletten, ungefähr 40 Stück.

Die Verletzungen, die an der Leiche festgestellt wurden, erklärte der Ehemann und Hausherr mit eigenen Versuchen, Eugenie aus ihrer Bewußtlosigkeit zu wecken und sie zum Übergeben zu bewegen, nachdem er sie um 22.30 Uhr auf ihrem Bett liegend gefunden habe.

Nach den Aussagen der Beteiligten alarmiert Niarchos dann telephonisch seine Schwester Maria in Athen, seinen Kammerdiener Angelos Markini und seinen Helikopter-Piloten.

Maria ruft den Niarchos-Werksarzt Panayotis Arnaoutis an, der im Krankenhaus »Evangelismos« Instrumente für eine Magenspülung holt und per Hubschrauber nach Spetsopoula fliegt.

Er kommt um 0.30 an -- da ist Eugenie bereits tot. Arnaoutis empfiehlt, den Tod der Polizei zu melden und die Leiche durch Gerichtsmediziner untersuchen zu lassen.

Mit den Worten »Wir haben einen schrecklichen Unfall erlitten« weist der Inselherr seinen Finanzverwalter Christos Michalopoulos an, nach der nur sieben Motorboot-Minuten entfernten Insel Spetsä zu fahren. Er soll dem dortigen Gendarmerie-Kommandanten Kotronis Eugenies Tod melden.

Kotronis kommt um drei Uhr morgens. Noch von Spetsopoula aus ruft er den Gerichtsmediziner Kapsaskis, Leiter des Gerichtsmedizinischen Amtes von Athen, und Georgios Agioutantis, Professor für Gerichtsmedizin an der Universität von Athen, an.

Beide sind nicht zuständig, denn die Insel Spetsopoula gehört zum Gerichtsbezirk Piräus. Aber Kapsaskis hat Tradition als Parade-Sachverständiger rechter Regierungen:

* Er konstatierte nach der Ermordung des linken Abgeordneten Lambrakis 1963 in Saloniki (Sujet für den Film-Welterfolg »Z") einen Motorradunfall als Todesursache.

* Er erzählte vor der Menschenrechtskommission des Europarates in Straßburg 1968, es habe unter

* Vor Schiffsmodell und Niarchos-Reederflagge.

dem Militärregime keine Folterung politischer Häftlinge gegeben.

* Er diagnostizierte im Prozeß gegen den Strafrechtler Professor Mangakis -- ohne den Professor untersucht zu haben -, dieser sei entgegen seinen Angaben nicht gefoltert worden.

* Er war psychiatrischer Sachverständiger beim Athener Prozeß gegen die beiden deutschen Raubmörder Duft und Bassenauer -- obwohl er nicht Psychiater ist.

Im Fall Niarchos weigert er sich, nach Spetsopoula zu kommen. Darauf bringen der Gendarm Kotronis und der Arzt Arnaoutis die Leiche im Niarchos-Hubschrauber zur Obduktion nach Athen.

Am 5. Mai begibt sich der zuständige Staatsanwalt Konstantinos Fafoutis vom Landgericht Piräus nach Spetsopoula und verkündet dann: »Wir, die Staatsanwaltschaft von Piräus, verbieten Stavros Niarchos die Ausreise aus Griechenland, weil die Möglichkeit einer Schuld geprüft wird.«

Am 9. Mai liefern die Gerichtsmediziner Kapsaskis und Agioutantis den Obduktionsbefund mit der toxikologischen Analyse (Bericht Nr. 5171/ 1970) ab. Sie stellen darin die 14 Verletzungen fest, kommen jedoch zu dem Schluß, der Tod sei durch Einnahme einer übermäßigen Dosis des Schlafmittels Seconal eingetreten.

Zu den Verletzungen meint Kapsaskis, sie rührten von »altmodischen Versuchen der Wiederbelebung« her. Der Sachverständige erklärte nebenher, er sei sicher, »daß es ein Happy-End geben wird«.

Noch ist es nicht soweit. Der Untersuchungsrichter von Piräus, Trichas, fordert bei den für seinen Bezirk zuständigen Gerichtsmedizinern, Professor Anastassios Syllantavos und Konstantinos Boukis, ein neues Gutachten an. Es kommt am 11. Juni -- und ent-

* Vor einer Gedenktafel für Eugenie in der Werft von Skaramanga.

hält konträre Schlußfolgerungen: »Die Ursachen für den Tod von Eugenie Niarchos sind lediglich die Im Gerichtsmedizinischen Gutachten von Agioutantis und Kapsaskis geschilderten Mißhandlungen ... die in kurzer Zeit den körperlichen Zusammenbruch (collaps) und den Tod herbeiführten.«

Syllantavos und Boukis schließen aus, »daß die von ihr eingenommene Dosis Seconal den Tod herbeiführen konnte«. Die Mediziner fanden etwa zwei Milligramm Barbiturat in 100 Kubikzentimetern Blut, »für das Eintreten des Todes aber«, so Staatsanwalt Fafautis, »sind nach wissenschaftlichen Erkenntnissen über drei Milligramm erforderlich«.

Anfang Juli bestellt der Untersuchungsrichter eine ganze Sachverständigen-Kommission. Sie besteht aus den Gerichtsmedizinern Kapsaskis, Agioutantis, Syllantavos und Boukis, die bisher schon mit dem Fall befaßt waren, sowie den Professoren an der Athener Universität Konstantinos Tountas (Chirurgie) und Dionyssios Varonos (Experimentelle Pharmakologie). Hinzugezogen werden aber auch »technische Berater des Angeklagten« -- die von Niarchos bestellten Universitätsprofessoren Konstantinos Alevizatos (Chirurgie) und Konstantinos Moiras (Biologische Chemie).

Die Achter-Riege kommt zwei Monate nach dem Tod Eugenies zu völlig neuen Erkenntnissen: »Die festgestellten Mißhandlungen haben während des koma-artigen Zustandes stattgefunden, In den Eugenie Niarchos geraten war, und sind als solche leicht. Sie trugen keineswegs zum eingetretenen Ergebnis bei, da sie einerseits von bestimmten schädlichen Einwirkungen des Seconal herrühren und zum anderen mit Handlungen zusammenhängen, die dazu dienten, die Verstorbene zum Bewußtsein zu bringen.«

Noch vor dem günstigen Gutachten war das Ausreiseverbot für Niarchos gegen eine Kaution von 500 000 Drachmen (60 000 Mark) aufgehoben worden.

Und noch früher, bei der Einweihung eines Trockendocks namens »Eugenie Niarchos« auf den »Hellenic Shipyards« des Milliardärs Anfang Juni, hatte Koordinationsminister Makarezos für den abwesenden Hausherrn -- er ließ sich durch seinen ältesten Sohn Philippos vertreten -- Worte des Trosts gefunden: »Wir sind sicher, daß sich der Inspirator und Schöpfer dem Schicksalsschlag mit Mut widersetzt, so wie der uralte Mut des Griechen die katastrophale Macht des Todes stets bewältigte.«

Einer aber zog nicht mit -- der Staatsanwalt Fafoutis in Piräus, ein Gerechtigkeitsfanatiker. Am 22. August verlangte er Anklageerhebung. Fafoutis: »Ich werde meine Pflicht tun. koste es, was es wolle.«

Auf 44 Seiten legte der Staatsanwalt seine Beweismittel dar und beantragte die Eröffnung des Hauptverfahrens gegen Niarchos, »damit er für schuldig befunden und verurteilt wird, daß er in Spetsopoula, in der Nacht vom 3. auf den 4. Mai 1970, vorsätzlich beschlossen hat, ein Verbrechen zu begehen, nämlich eine Körperverletzung, welche den Tod seiner ehemaligen Ehefrau Eugenie Stavros Niarchos, geborene Livanos, 42 Jahre alt, zur Folge hatte, daß er an ihr Körpermißhandlungen verursachte, mit dem Ergebnis, daß diese daraufhin verstarb«.

Niarchos-Anwalt de Chambrun konterte sofort, der Staatsanwalt veranstalte ein »Kesseltreiben« gegen seinen Mandanten: »Ich verstehe überhaupt nicht, was Staatsanwalt Fafoutis bewogen hat, eine neue, augenscheinlich völlig unbegründete Beschuldigung zu erheben. Mein Klient läuft so gut wie keine Gefahr. Kein Gericht wird ihn verurteilen.«

Niarchos-Neffe und Werft-Direktor Konstantinos Drakopoulos sekundierte: »Wir besitzen den Bericht der sechs medizinischen Sachverständigen, in dem die wahren Begebenheiten geschildert werden. Der Staatsanwalt kann sagen, was er will. Wir glauben an die Auffassung der Ärzte.«

Fafoutis freilich glaubte daran, die Schuld des Reeders beweisen zu können. Er merkt in seinem Vorschlag zur Anklageerhebung an, daß der Gendarm Kotronis im Zimmer Eugenies nach Schlafmitteln geforscht habe, der Arzt Arnaoutis ihm aber sagte, er habe weder Schlafmittel noch ein leeres Röhrchen finden können.

Die für Niarchos vorteilhafte Analyse des dritten Sachverständigen-Gremiums fand Fafoutis »anfechtbar«, da sie »mehr als zwei Monate nach dem Tod (Eugenies) stattfand«. Außerdem seien die untersuchten Organe, Gehirn, Nieren, Eingeweide, in einer Formalin-Lösung übergeben worden, aber, so der Ankläger: »Die zur toxikologischen Prüfung entnommenen Organe sind nach herrschender Lehrauffassung bis zur Analyse in einem Kühlschrank aufzubewahren. Der Zusatz von Konservierungsmitteln irgendwelcher Art ist zu vermeiden (K. Iliakis, Gerichtsmedizin, Band A, Seite 18).«

Fafoutis weiter: »Wenn der Tod infolge von Barbituraten eingetreten wäre, dann hätte die Leiche eine rosarote oder hellrötliche Farbe haben müssen (K. Iliakis, Gerichtsmedizin, Band A, Seite 40), was hier jedoch nicht der Fall war ... Infolgedessen sind die Todesursachen woanders zu suchen.«

Die Annahme, die Verletzungen seien während der Bemühungen entstanden, die Bewußtlose zu wecken, bezeichnet Fafoutis als »außerhalb jeder logischen Wahrscheinlichkeit«.

Fafoutis: »Auch die Vorkommnisse, wie sie Stavros Niarchos selbst darstellt, schließen den Selbstmord seiner Gattin durch Seconal aus, so wie ihn das gesamte Untersuchungsmaterial ausschließt ... Vielmehr liegt hier ein Fall von Mißhandlung mit tödlichem Ausgang vor. Er nützt offensichtlich sein an diesem Tag geführtes Ferngespräch mit Amerika aus.« Gemeint war das Telephonat, das Niarchos nach eigenen Angaben am Abend mit Charlotte Ford führte und nach dem er angeblich schlafen ging.

Diesen Erklärungs-Versuch zerpflückt Fafoutis im einzelnen: Niarchos behauptet gleichfalls, er sei nach diesem Ferngespräch schlafen gegangen, habe das Licht ausgeschaltet, aber gegen 22.25 daran gedacht, (seiner Frau) die Einladung an Ford zu erklären. Er sei in ihr Schlafzimmer gegangen, habe sie bewußtlos auf ihrem Bett gefunden und gedacht, sie habe Schlafmittel eingenommen, weshalb er ihr Ohrfeigen verabreicht, sie stark geschüttelt habe usw. Diese Behauptungen lassen verschiedene Fragen zu Lasten des Angeklagten entstehen

1. Aus welchem Grund hat er so lange Zeit nach dem Gespräch daran gedacht, seiner Gattin Erklärungen abzugeben?

2. Warum hat er, als er in ihr Schlafzimmer trat und sie schlafend gefunden hat, ihren Schlaf als verdächtig angesehen, nachdem auch er sich nach Beendigung des Ferngesprächs in seinem Zimmer hingelegt hatte? Ist es ausgeschlossen, daß seine Gattin schneller eingeschlafen war, entweder auf natürliche Weise oder noch der üblichen Dosis an Schlafmitteln, die sie, wie er selbst bestätigt, seinem Wissen noch einnahm?

3. Wenn sie geschlafen hat, aus welchem Grund hat er sie aufgeweckt, wenn man bedenkt, daß das chronische Thema Ford nicht mehr so tragisch und sicher nicht so dringend war, um sie sofort aufzuwecken?

Verdächtig findet Fafoutis vor allem das folgende Verhalten von Niarchos: Worum hat er telephonisch seinen in diesem Augenblick abwesenden Privatdiener Angelos Markini gerufen und nicht ein Mitglied des in der Villa befindlichen Personals -- etwa die anwesende und besonderes Vertrauen genießende Kammerzofe?

Warum sollte ausgerechnet der Kammerdiener gerufen werden, um der unbekleideten Herrin des Hauses zu helfen sie trug nach Bestätigung des Hausherrn und des Dieners nur ein Nachthemd und nicht einmal ein Höschen -, und warum nicht ihre eigene Zofe? Warum wurde niemand sonst vom Personal zu Hilfe gerufen?

Schließlich, warum holte er, als er angeblich bemerkte, daß eine Vergiftung durch Barbiturate vorlag, nicht sofort zur ersten Hufe den Arzt von Spetso, der in einer Viertelstunde bei der Kranken hätte sein können, da Spetsä von Spetsopoula nur sieben Motorboot-Minuten entfernt ist? Er hätte doch erste Hilfe leisten können, unobhöngig von Dr. Arnaoutis, der aus Athen gerufen wurde und erst noch zwei Stunden ankam.

Fafoutis kommt auf Seite 17 seiner Anklage-Begründung zu dem Schluß, daß Niarchos nach einem Streit um etwa 22 Uhr im Schlafzimmer Eugenies »brutal auf sie einschlug, womit er die gerichtsmedizinisch festgestellten Mißhandlungen verursachte«. Danach könnte sie sich selbst oder jemand anders ihr Schlafmittel verabreicht haben.

Fafoutis fordert ein Verfahren gegen den Milliardär nach den Paragraphen 311 und 52 des griechischen Strafgesetzbuches, die Haftstrafen zwischen fünf und 20 Jahren vorsehen. Und er verlangt: »Da die Tat den Charakter eines Verbrechens trägt, ist es nach Art. 282 und 315 der Strafprozeßordnung gesetzmäßig, daß die Verhaftung des Angeklagten angeordnet wird und nach Untersuchungshaft das Gerichtsverfahren eröffnet wird.«

Niarchos kreuzt zu dieser Zeit auf dem Mittelmeer, seine Anwälte unterbreiten dem dreiköpfigen Richterrat, der über Anklageerhebung oder Einstellung des Verfahrens entscheiden soll, ihre Stellungnahmen.

Über die Haltung der drei Richter kursieren in Athen Gerüchte, wonach Vorsitzender Tsifras für Anklageerhebung gemäß dem Fafoutis-Vorschlag, Untersuchungsrichter Trichas für eine weniger schwerwiegende Anklage und Richter Varvaressos für eine Entlastung des Reeders war.

Doch einen Tag nachdem die Richter zum erstenmal zusammentraten, nimmt die Junta praktisch das Ergebnis voraus, indem sie den Investitionsvertrag mit Niarchos unterzeichnet, der ihr über 700 Millionen Mark für ihr Entwicklungsprogramm einbringt. Sieben Tage später, am 17. September 1970, entlastet der Richterrat den Reeder mit Beschluß 775/1970 und ordnet die Rückerstattung der Kaution von 500 000 Drachmen an.

Die Begründung des Richterrats reizt nach dem Urteil eines Fafoutis-Kollegen vom Landgericht Piräus an vielen Stellen »zum Lachen«. Sie übergeht schwerwiegende Aussagen der Fafoutis-Anklage und stützt sich allein auf jenes Gutachten, an dem auch die von Niarchos selbst bestellten Sachverständigen mitwirkten.

Der Rat erwähnt, »eine große Anzahl von Zeugen« habe ausgesagt, daß Niarchos versuchte, Eugenie zum Bewußtsein zu bringen. Niarchos aber war nach eigener Aussage mit seinem Kammerdiener allein im Zimmer -- es gab keinen anderen Zeugen.

Die Halsverletzungen -- von Fafoutis als beabsichtigte Würgegriffe gewertet -- begründet der Richterrat damit, daß ein »starker Druck« erforderlich gewesen sei, um den Kopf zu heben. Dazu der Fafoutis-Kollege: »Seit wann faßt man, wenn man den Kopf heben will, am Hals an statt an der Hinterseite des Kopfes?«

»Nachdem nun der Fall völlig aufgeklärt wurde«, kommentierte ein Niarchos-Sprecher den Freispruch, »hofft Herr Niarchos, daß es ihm nun erlaubt sein wird, in der Privatsphäre seiner Familie zu trauern.«

Ein Richter am Landgericht Piräus aber klagt: »Es werden von den verschiedensten Seiten Pressionen ausgeübt, damit die Angelegenheit nicht ihren normalen Verlauf nehmen kann. Alles ist zugesperrt, damit die Fristen ablaufen. Die Erteilung jeglicher Auskünfte wurde verboten.«

Staatsanwalt Fafoutis hatte seinen schriftlichen Einspruch gegen die Richter-Entscheidung angeblich fristgerecht fertig -- zur Ablieferung kam es nicht. Fafoutis am Telephon: »Ich kann und darf dazu nichts sagen.« Sein Vorgesetzter, der Oberstaatsanwalt Christopoulos, schloß in einem Telephongespräch seinen Einspruch nicht aus -- aber auch dazu kam es nicht.

Heleni Vlachou urteilt: »Natürlich lag es im Interesse der Junta, den Fall aus der Welt zu schaffen« -- in der Tat, denn mit einem verurteilten Häftling hätte sie jenen 700-Millionen-Vertrag nicht schließen können, den sie so frühzeitig unterzeichnete und so zur rechten Zeit veröffentlichte.

Den Reedern verdankt Griechenland den größten Investitions-Boom seiner Geschichte. Sie wollen in den nächsten zwölf Jahren mehr investieren, als das gesamte Ausland von Kriegsende bis jetzt in Griechenland anlegte. Wenn Niarchos ausfällt, wäre das Regime allein von dem Super-Hai Onassis abhängig.

Doch der neue Justizminister Tsoukalas beteuert nach wie vor, die Justiz habe den Fall »völlig unabhängig behandelt«, und wundert sich, wie andere Deutungen aufkommen könnten.

Der Fall Niarchos wird nicht mehr untersucht -- falls nicht noch Eugenies Livanos-Famille die Affäre per Privatklage neu aufrollt. Auf der Insel Koronis hielt der Livanos-Clan unter Vorsitz des Eugenie-Bruders Georgios im August Familienrat -- Ex-Schwager Onassis war dabei. Die Familie beschloß damals, gegen Niarchos vorzugehen, selbst im Fall der Einstellung des Verfahrens von Amts wegen.

Sollte gegen Niarchos doch noch Klage erhoben werden -- sei es auch nur wegen unterlassener Hilfeleistung -, könnte dem Reeder das Sorgerecht über seine Kinder aus der Ehe mit Eugenie entzogen werden -- und die Verwaltung des Vermögens von Eugenie und ihren Kindern.

Niarchos würde dann rund zwei Drittel seines Vermögens verlieren -- und wäre, jedenfalls in seiner Vorstellung, ein armer Mann, Onassis aber unbestrittener Reeder-König.

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