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China Armes Land

Peking veranstaltet die Asienspiele - eine Zitterpartie für die Genossen.
aus DER SPIEGEL 32/1990

Die Polizeibuden an den Ecken der Pekinger Arbeiter-Stadionstraße bekommen den seit Jahren fälligen Anstrich, ebenso die bröckelnden Fassaden der Häuser und öffentlichen Toiletten.

Die Hauptstädter sollen, fordert die Partei, Moskitos, Ratten, Fliegen und Kakerlaken ausrotten, sich im übrigen »höflich und zivilisiert« benehmen - zum Beispiel Prügeleien auf offener Straße unterlassen. Bus- und Taxifahrer studieren die Verkehrsregeln, im Fernsehen laufen Sondersendungen, inklusive Englischkurse für jedermann.

Grund für den Aufwand: die 11. Asiatischen Spiele, eine Olympiade für alle Staaten jenseits des Bosporus, bei der im September rund 7000 Sportler aus 39 Ländern in 27 Wettbewerben um Medaillen kämpfen werden. Dazu möchte sich Peking der Welt als saubere, perfekt funktionierende Metropole vorstellen und beweisen, daß China, wenn schon nicht wirtschaftlich, so doch bei den Leibesübungen in Asien die Nummer eins ist.

Das Ereignis soll jedoch nicht nur das sportliche Selbstbewußtsein heben: Die KP will mit einem Festival die durch die blutige Niederschlagung des Studentenaufstands am 4. Juni 1989 verlorene internationale Reputation wiedergewinnen.

Vor allem aber hofft die Partei, durch die Spiele (Motto: Einigkeit, Freundschaft, Fortschritt) das bei der eigenen Klientel beschädigte Renommee wieder aufzupolieren. Die »Asiade«, versicherte Pekings Bürgermeister Chen Xitong, werde einen positiven Effekt für das Ego der Chinesen haben: »Wir wollen nationalen Stolz und Geist der Leute mobilisieren.«

Es ist ein luxuriöses Unterfangen für ein armes Entwicklungsland wie China, das in einer Wirtschaftskrise steckt und sich eine rigorose Sparpolitik verordnet hat.

Insgesamt müssen für die Sportschau 33 Stadien und Hallen errichtet oder renoviert, Apartmenthäuser für Aktive und Funktionäre gebaut, neue Straßen gelegt, teure Zeitmeßanlagen und Computer gekauft werden. Gesamtkosten der Spiele: fast eine Milliarde Mark.

Die Bürger müssen die Profilierungssucht ihrer Führung mitbezahlen. Weil der Staat knapp bei Kasse ist, zieht er von Arbeitern und Angestellten schon zum zweiten Mal zwangsweise eine Anleihe in Höhe eines Monatslohns ein.

Das ist noch nicht alles: Firmen wurden von der Regierung genötigt, großzügige Spenden zu überweisen. Die Betriebe und Büros holten sich das Geld von der Belegschaft wieder. Sie ließen Listen kursieren, in denen jeder Werktätige seinen Beitrag nachweisen mußte.

Gewinne aus Werbeeinnahmen, Verkauf von TV-Rechten und Tourismus haben sich die Genossen bereits abgeschminkt: Dafür, sagt Pekings Vize-Bürgermeister und Cheforganisator der Asiade, Zhang Baifa, waren die »Investitionen zu hoch«.

Um Devisen zu sparen, versuchten die Veranstalter so wenig Technik wie möglich zu importieren. Mit dem Gebrauch einheimischer, wenig zuverlässiger Produkte entschieden sie sich allerdings für eine Zitterpartie.

So brannten bei Probeläufen im Asiade-Dorf Transformatoren und Kondensatoren durch. Als das Organisationskomitee in das neugebaute Kongreßzentrum zog, gab es dort keinen Strom. Im neuen Wuzhou-Nobelhotel, Herberge der Journalisten, arbeitet die Klimaanlage schlecht.

Die Asien-Olympiade bringt die roten Mandarine nicht nur in finanzielle und organisatorische Kalamitäten: Nach dem Tienanmen-Massaker müssen sie damit rechnen, daß Studenten dem Vorbild ihrer südkoreanischen Kommilitonen bei den Olympischen Spielen 1988 folgen und vor der Weltöffentlichkeit gegen die Unterdrückung protestieren.

Pekings Bürgermeister Chen Xitong warnte denn auch, die Behörden würden »feste und resolute Maßnahmen« ergreifen, um alle »feindlichen Versuche«, die Spiele zu stören, »im Keim zu ersticken«. Provinzlern wird vorsichtshalber schon jetzt der freie Zugang in die Hauptstadt verweigert.

Offenbar erschreckt durch Bombendrohungen, befahl der Staatsrat jüngst per Telefonrundruf allen Bezirken und Provinzen, vor den Asiatischen Spielen die Belegschaften sämtlicher Betriebe zu überprüfen, die Waffen, Feuerwerkskörper und Munition herstellen. Dies sei eine »wichtige Maßnahme«, so Staatsrat Zou Jiahua, die »Sicherheit der Asiatischen Spiele« zu gewährleisten.

Die Polizei nahm bei Razzien in der Haupstadt Peking über 1400 Kriminelle fest. Elf wurden wegen »Raub, Mord und Vergewaltigung« hingerichtet - laut Sicherheitsministerium, »um ausländischen Gästen sichere und angenehme Asiatische Spiele zu garantieren«. o

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