CDU-Chef nach Showdown mit Söder Laschets schwerste Stunden

Zum ersten Mal erklärt CSU-Chef Markus Söder seine Bereitschaft zur Kanzlerkandidatur. Konkurrent Armin Laschet braucht jetzt die Hilfe seiner CDU. Am Montag steht ihm ein harter Kampf bevor.
CDU-Chef Armin Laschet

CDU-Chef Armin Laschet

Foto: Clemens Bilan / EPA

Zwischen den beiden Männern, die Deutschland regieren wollen, liegen mehrere Meter. Zumindest an diesem Sonntagnachmittag im Berliner Paul-Löbe-Haus. Vier Mikrofone sind zur Pressekonferenz der Unionsspitzen nebeneinander aufgestellt. Armin Laschet positioniert sich am einen Ende der Reihe, Markus Söder am anderen. Dazwischen Fraktionschef Ralph Brinkhaus und dessen Vize Alexander Dobrindt.

Schon optisch ist klar: Es gibt im Moment wenig Gemeinsamkeit bei den Vorsitzenden von CDU und CSU.

Es ist ein Tag, der alles verändern könnte im Ringen um die Macht – bei den Schwesterparteien, vielleicht sogar in der Republik. Ein Tag, an dem die beiden Kontrahenten um die Kanzlerkandidatur in Berlin aufeinandertreffen, vor den Spitzen der CDU/CSU-Fraktion, nach Wochen voller Verbalscharmützel und Sticheleien.

Unionspolitiker Laschet, Brinkhaus, Dobrindt, Söder

Unionspolitiker Laschet, Brinkhaus, Dobrindt, Söder

Foto:

Tobias Schwarz / REUTERS

Laschet oder Söder? Die Frage, wer es macht, wer sich um die Nachfolge von Kanzlerin Angela Merkel bewirbt, liegt wie eine tonnenschwere Last auf der Union . Eigentlich war Laschet als CDU-Chef der natürliche Favorit. Angesichts diverser Krisen und katastrophaler Umfragewerte hatten sich zuletzt aber immer mehr Christdemokraten von ihm abgewandt.

Dabei hatte Söder, die logische Alternative, noch gar nicht erklärt, ob er überhaupt zur Verfügung stünde. Bis jetzt.

»Dann wäre ich bereit«

An diesem Sonntag nutzt Bayerns Ministerpräsident die Gelegenheit. In der Runde mit den Mitgliedern des geschäftsführenden Fraktionsvorstands geht er in die Offensive. »Wenn die CDU bereit wäre, mich zu unterstützten, wäre ich bereit«, sagt Söder laut Teilnehmern. »Wenn die CDU es nicht will, bleibt ohne Groll eine gute Zusammenarbeit.«

Es ist ein geschickter Schachzug. Die Entscheidung liegt damit im Grunde allein bei der CDU. Votiert diese am Ende für Laschet und geht die Bundestagswahl dann verloren, kann Söder immer noch sagen: Ihr wolltet mich ja nicht.

Für Laschet kommt Söders Vorstoß jedenfalls nicht überraschend. Ausführlich hätten die beiden am Samstag miteinander gesprochen, heißt es. Man habe »festgestellt, dass beide geeignet und beide bereit sind«, sagt Söder tags darauf dann bei der Pressekonferenz.

Und jetzt?

Laschet und Söder auf dem Weg zur Pressekonferenz in Berlin

Laschet und Söder auf dem Weg zur Pressekonferenz in Berlin

Foto: Michael Kappeler / picture alliance / dpa

Wie es nun genau weitergeht, ist völlig offen. Man werde in den CDU-Gremien am Montag das weitere Vorgehen besprechen, sagt Vorstandsmitglied Christian Baldauf. »Wir brauchen zügig einen Fahrplan.« Auch das ist Teil dieser schwierigen Unionsgeschichte: dass es einen solchen Plan noch überhaupt nicht gibt.

Teilnehmer der Fraktionsklausur zeigen sich hinterher jedenfalls regelrecht entsetzt über die neue Situation. Besonders Laschet selbst ist in einer dramatischen Lage. Auf ihn warten nun harte 24 Stunden, vielleicht die härtesten seiner politischen Laufbahn.

Er, der gerade erst einen zermürbenden Kampf um den Parteivorsitz hinter sich hat und diesen nur knapp gewinnen konnte, muss sich nun – nur drei Monate später – schon seines Rückhalts versichern. Er muss testen, wer ihm vertraut, ob es Abweichler in der CDU gibt, wer zu ihm steht und wer an ihm zweifelt. Innerhalb von Tagen, womöglich Stunden.

Es ist Laschet selbst, der in der Runde mit der Fraktionsführung beteuert: »Wir sind einer Meinung, dass wir die Entscheidung schnell wollen.«

Laschets Werte stürzen ab

Viele in der CDU mögen Laschet. Charakterlich, menschlich. Ein guter Kanzler wäre er, sagen sie. Aber auch ein Kandidat? Auch seine Anhänger sehen ja den Abwehrkampf, den er seit Wochen führt, die Defensivschlacht seit seiner Wahl zum Parteichef.

Die Niederlagen bei den Landtagswahlen, die Maskenaffäre, die ständige Stichelei von Söder. All das hat Laschet zugesetzt und seine Popularität leiden lassen. Selbst daheim in NRW stürzen seine Werte gerade ab. Ist das eine Lage, in der er eine Kandidatur erzwingen sollte?

Schon die Sitzungen der Führungsgremien am Montag werden zeigen, wie viel Autorität Laschet in der CDU noch hat. Wirklich eindeutig ist das nicht, anders als Laschets Lager suggeriert. Überall bröckelte sie zuletzt. Unter Funktionären, an der Basis, vor allem in der Bundestagsfraktion.

Allein 60 CDU-Abgeordnete hatten zuletzt ein Votum über die Kanzlerkandidatur in der Fraktion gefordert. Nach Söders Angebot dürfte die Zahl derer, die ihn als Kandidat wünschen, mit ziemlicher Sicherheit steigen.

Christian von Stetten, Chef des Parlamentskreises Mittelstand und Befürworter eines Fraktionsentscheids, sagt dem SPIEGEL nun: »Es sollte der kandidieren, der bei der Bevölkerung das höchste Ansehen hat und das ist eindeutig Markus Söder.«

Reale Option

Klar: Unter den Top-Christdemokraten aus den Ländern und dem Präsidium spricht sich bisher niemand öffentlich für Söder aus. Allerdings, das ist auffällig: Es schlägt sich auch niemand offensiv auf die Seite Laschets.

Selbst Volker Bouffier, Ministerpräsident in Hessen und eigentlich ein Laschet-Unterstützer, vermied es in einem aktuellen Interview mit der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung« , sich für den CDU-Chef auszusprechen.

Bislang verwiesen Christdemokraten gern darauf, dass man gar nicht wisse, was Söder überhaupt wolle. Nun ist der CSU-Chef eine reale Option. Die Frage ist: Kippen jetzt auch prominente Christdemokraten? Landeschefs? Ministerpräsidenten?

Unionsspitzenpolitiker in Berlin

Unionsspitzenpolitiker in Berlin

Foto: Tobias Schwarz / REUTERS

Laschet steht vor einer gewaltigen Entscheidung: Wählt er den harten Kurs, müsste er am Montag in Präsidium und Vorstand der CDU eigentlich ein Votum zu seinen Gunsten herbeizuführen. Um Söder ein Signal zu senden, eine Botschaft: Die CDU will mich, nicht dich. Es wäre auch ein Beweis, dass Laschet noch Rückendeckung hat an der eigenen Parteispitze.

Intern aber warnen manche längst vor einem solchen Schritt: Wie glaubwürdig wäre eine mit der Brechstange erzwungene Kandidatur? Wie passte ein solcher Weg zu Laschets Ruf des Versöhners? Sollte man wirklich mit dem Kopf durch die Wand, wenn an der Basis und in den Kreisverbänden die Stimmung Richtung Söder geht? Was manche fürchten: die Spaltung der Partei in oben und unten.

Laschet selbst sagt am Abend in der ZDF-Sendung »Berlin direkt«, es solle am Montag keine »Beschlussfassung« geben – sondern lediglich ein »Meinungsbild«.

»Stehvermögen«

Klar ist: Einfach zurückziehen – das wiederum kann Laschet auch nicht ohne Weiteres. Für ihn geht es ja nicht nur um die Kandidatur. Was würde aus ihm, wenn er verzichtete? Könnte er dann Parteichef bleiben? Und welche Autorität hätte er dann noch als Ministerpräsident in Düsseldorf?

Laschet hat noch nie wirklich zurückgezogen. Nicht, als viele ihm eine Schlappe bei der Landtagswahl 2017 prophezeiten. Auch nicht, als viele glaubten, sein großer Rivale Friedrich Merz werde ohnehin Parteichef. Der Armin habe schon »Stehvermögen«, lobte unlängst auch Markus Söder.

Wenn Laschet jetzt durchzieht, wenn sich die Umfragen womöglich ein bisschen drehen und die politische Stimmung ebenso – ja dann sitzt er am Ende vielleicht doch im Kanzleramt. Irgendwie. So sehen es jedenfalls Laschets eigene Leute.

Es dürfte jetzt viel telefoniert werden. Am Abend, in der Nacht. Laschet mit seinen Vertrauten. Söder mit seinen Vertrauten. Irgendeine Lösung braucht es. Und zwar rasch.

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