Zur Ausgabe
Artikel 64 / 119

Spanien Armselige Bettler

Die ibero-amerikanischen Staatschefs setzen auf Wirtschaftsaufschwung und Demokratie. Fidel Castro zeigt sich trotz Kubas Isolierung angriffslustig.
aus DER SPIEGEL 31/1992

Der Maximo LIder ließ auf sich warten. Bis zum letzten Augenblick blieb die Ankunftszeit geheim. Nachts um eins landete schließlich seine Sondermaschine der Cubana de Aviacion in Madrid, 50 mitgebrachte Leibwächter begleiteten Kubas Staatschef zum Luxushotel Ritz. Fidel Castro fürchtet ein Attentat.

Zwar übten vor dem Ritz einige jugendliche Revolutionsfans am Mittwoch abend geduldig das Begrüßungslied »Comandante Che Guevara«. Doch Hunderte von Castro-Gegnern waren den Tag über durch Madrids Innenstadt gezogen und hatten lautstark das Ende des »Tyrannen« gefordert. »Asesino« (Mörder) riefen sie ständig. Auf Transparenten ersetzten sie das »s« im Namen Castros durch ein Hakenkreuz.

Castros erster offizieller Besuch in Westeuropa verschärfte wohl noch die Isolation, in die sich der hartnäckige Feind jeder politischen Öffnung selbst gebracht hat. Zur Eröffnung des zweiten Ibero-amerikanischen Gipfeltreffens der Staats- und Regierungschefs aus Lateinamerika, Portugal und Spanien kritisierte ihn Guatemalas Präsident am deutlichsten: »Unser Ziel ist die Ausrottung jeglicher Diktatur«, sagte Jorge Serrano und blickte auf Fidel.

Der graubärtige Revolutionär in seiner Galauniform mit den roten und goldenen Schulterstücken schaute finster, zuweilen seufzte er unwillig. Als vorletzter Redner kam er dann zu Wort - und attackierte vehement das »Imperium USA« als »brutales Vorbild«. Seine ehemaligen Verbündeten in der Sowjetunion und Osteuropa nennt er seit geraumer Zeit schon verächtlich »armselige Bettler«. Über die Lage im eigenen Land freilich schweigt er (siehe Seite 133).

Immerhin unterzeichnete der unbeugsame Alleinherrscher die Abschlußerklärung, die als gemeinsames Ziel die »repräsentative Demokratie« und »eine freie Gesellschaft ohne Verfolgte und Ausgeschlossene« vorsieht. Das Dokument verpflichtet Castro jedoch zu nichts.

Dabei hätte er guten Grund, auf Reformen zu setzen. Denn nach dem fast allerorten vollzogenen Wandel zu Demokratie und liberaler Wirtschaftspolitik beurteilen Wirtschaftsspezialisten wie Enrique Iglesias, Präsident der Interamerikanischen Entwicklungsbank, die Aussichten Lateinamerikas erstmals wieder mit »vorsichtigem Optimismus«. 1991 flossen immerhin 40 Milliarden Dollar an Investitionen auf den Subkontinent, fast dreimal soviel wie im Jahr zuvor.

Nach dem »verlorenen Jahrzehnt« der achtziger Jahre, als fast überall in dieser Weltregion die Inflation außer Kontrolle geriet, die Kaufkraft der Löhne dramatisch sank und die Zinsrückzahlungen für gigantische Auslandsschulden die Exporteinnahmen verschlangen, melden die meisten Staaten nunmehr ein bescheidenes Wirtschaftswachstum.

In vielen Ländern wurden Import- und Exporthindernisse eingeschränkt oder gar aufgehoben, unrentable Staatsbetriebe privatisiert. Nach dem Vorbild der EG beschlossen Argentinien, Uruguay, Paraguay und Brasilien die Einführung eines gemeinsamen Marktes (Mercosur). Mexiko will sich im freien Warenaustausch mit den USA und Kanada verbinden.

Doch die Sparpolitik, welche die Reformer einschlugen, ließ die Arbeitslosigkeit weiter ansteigen und treibt Millionen Lateinamerikaner zusätzlich ins Elend. Fast zwei Drittel der Bevölkerung blieb bislang vom neuen Wohlstand ausgeschlossen.

»Die Armut gefährdet die Demokratie«, warnte der chilenische Präsident Patricio Aylwin in Madrid und forderte neben Wirtschaftswachstum auch soziale Gerechtigkeit, um die Chancen von autoritären, populistischen Führern zu mindern.

Drei abwesende Staatschefs führten den Gipfelteilnehmern vor Augen, wie zerbrechlich der Wandel in Lateinamerika noch ist: Den rede- und reisefreudigen _(* Links: Paraguays Präsident Andres ) _(RodrIguez; rechts: Honduras Präsident ) _(Rafael Callejas. ) Venezolaner Carlos Andres Perez hielt sein eigenes Parlament zurück; die Lage in Caracas bleibt nach dem fehlgeschlagenen Militärputsch im Februar explosiv, die Putschisten werden als Volkshelden gefeiert.

Perus Alberto Fujimori wiederum, der selbst im April das Parlament aufgelöst hatte, wagte sich wegen einer beispiellosen Anschlagserie der maoistischen Terrorbewegung Leuchtender Pfad nicht außer Landes. Kolumbiens Präsident Cesar Gaviria blieb zu Hause, weil ihm soeben der Drogenboß Pablo Escobar aus dem eigens für ihn gebauten Gefängnis entkommen war.

Allzuviel haben die Daheimgebliebenen nicht verpaßt. Die Gipfelteilnehmer beschlossen lediglich verstärkte Bemühungen zur Alphabetisierung, einen Wissenschafts- und Technologieaustausch, einen Fonds zur Pflege der Kultur der Indios und ein gemeinsames Bildungsprogramm via Satellitenfernsehen. Spanien, das am Vorabend der Olympischen Sommerspiele keinesfalls einen Flop riskieren wollte, wird den Großteil der nötigen Finanzmittel beisteuern.

Die versammelten Staatschefs kamen somit schnell überein, daß ein neues Zeitalter begonnen habe. Beim Champagner versicherten sie sich, daß 500 Jahre nach Kolumbus jetzt die Welt Lateinamerika wiederentdecken werde.

Fidel Castro hingegen startet zu einer vielleicht zukunftsträchtigen Entdeckungsreise in die familiäre Vergangenheit. In dieser Woche wird er in Lancara erwartet, jenem abgeschiedenen Ort in der galicischen Provinz Lugo, aus dem einst sein Vater auswanderte. »Dieser Nachbar wäre mir willkommen«, schwärmt etwas voreilig der Bauer, der jetzt die Felder neben Castros Vaterhaus bestellt.

* Links: Paraguays Präsident Andres RodrIguez; rechts: HondurasPräsident Rafael Callejas.

Zur Ausgabe
Artikel 64 / 119
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.