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Indien Armut in Honig

Das Kalkutta-Buch »Die Stadt der Freude« brachte dem Autor die Ehrenbürgerschaft. Gegen die Verfilmung aber revoltiert die bengalische Metropole.
aus DER SPIEGEL 15/1991

Warum nicht ein Gedicht über den Haufen Scheiße, wie Gott ihn fallen ließ und Kalkutta nannte? Wie es wimmelt, stinkt, lebt und immer mehr wird«, hat sich Günter Graß schon im »Butt« gefragt, bevor er aufbrach in die Stadt am Ganges und 1988 in »Zunge zeigen« mit der Antwort niederkam.

Warum nicht (noch) einen Film über Kalkutta, fragte sich etwa um dieselbe Zeit das Erfolgsgespann von »Killing Fields« und »The Mission«, der französische Regisseur Roland Joffe und sein schottischer Produzent Iain Smith. »Die Stadt der Freude«, ein Kalkutta-Porträt des französischen Autors Dominique Lapierre, sollte als Vorlage dienen.

Das Werk hatte dem Verfasser wahrhaft Freude, dazu Geld und Ehre gebracht: sechs Millionen verkaufte Exemplare, eine Goldmedaille und die Ehrenbürgerschaft Kalkuttas, der Hauptstadt des indischen Bundesstaates Westbengalen. Der Stadt wiederum, gemeinhin als Hölle auf Erden verschrien, bescherte das Buch eine neue Spezies von Touristen. Die mietet sich einen der von Lapierre als so rührend nobel beschriebenen Rikschafahrer und läßt sich in die Slums kutschieren, wo neben dem schreienden Elend die Würde hausen soll. »Armut in Honig getaucht - ein unwiderstehliches Gericht für westliches Publikum«, spottete der britische Economist.

Ob diese Delikatesse nun bald auch auf Breitwand und in Farbe in aller Welt zu verkosten sein wird, ist ungewiß. Mit Verblüffung und blankem Entsetzen registrieren die Filmleute von der eigens für den geplanten Streifen gegründeten anglo-französischen Produktionsgesellschaft Lightmotive, daß sich Lapierres Stadt der Freude in eine des Hasses verwandelt hat - ihretwegen.

Ein Monsun von Feindseligkeiten fegt über die Crew hinweg, seit sie sich im Januar in 95 Zimmern des Oberoi Grand Hotel, der Top-Adresse, einquartiert hat.

Mitglieder des Teams wurden in ihren Autos mit Steinen beworfen. Ein tausendköpfiger Mob erstürmte den Hauptdrehort, einen künstlich angelegten Slum von über 20 000 Quadratmetern Größe, schleuderte Ziegel, Nagel- und Feuerbomben und setzte Kulissen in Brand. Zusätzlich zerren ständig Demonstranten, teils vor dem Grand Hotel, an den Nerven der Filmschaffenden. »Hört auf, Kalkutta zu einer Hure zu machen«, fordern die aufgebrachten Marschierer.

Angeheizt wurde die Antistimmung von der Tageszeitung Adschkal. Das der kommunistischen Regierung Westbengalens nahestehende Blatt war von Anbeginn gegen den Film zu Felde gezogen.

Das Kalkutta-Opus war noch nicht ansatzweise im Kasten, da wartete Adschkal-Chefredakteur Aschok Dasgupta bereits mit seinem Verdikt auf: »Das Buch ist schlecht, das Drehbuch schlechter, der Film wird noch viel schlechter.«

Mal verhängte Kalkuttas oberstes Gericht ein Drehverbot - den Kulissenslum ausgenommen. Dann wurden Außenaufnahmen wieder erlaubt, aber nur an Sonn- und Feiertagen, sonst behinderten sie den Verkehr. »Man kann«, argumentierte Westbengalens Chefminister Dschjoti Basu, der prominente Führer von Indiens Kommunisten (Marxisten), »die ganze Stadt nicht in ein Filmstudio verwandeln.«

Daß die Kommunisten Lapierre ehrten, ihnen aber Schwierigkeiten machen, können die Filmleute einfach nicht verstehen. Aber in Indien, wo nur eine intellektuelle Schicht ausländische Literatur liest, die Massen jedoch süchtig nach Kino sind, ist ein Buch die eine, ein Film eine ganz andere Sache.

Zudem gilt zweierlei Maß, wenn sich indische Filmemacher oder Ausländer der Armut oder Gewalt auf dem Subkontinent annehmen: Einheimische ernten mittlerweile durchweg Applaus, Fremde meist Ablehnung: Louis Malle erfuhr das vor zwei Jahrzehnten mit einem Film über Kalkutta - er wurde in Indien verboten - und Richard Attenborough erntete giftige Kritik für seinen mit Oscars überhäuften »Gandhi«-Film.

Die Argumente sind fast immer dieselben. Joffes Film sei »eine Beleidigung von Kalkuttas Würde«, so Westbengalens Minister für Information und Kultur, Buddhadew Bhattatscharja. Und diese Meinung teilt Satjadschit Raj, einer der bedeutendsten indischen Regisseure, er sagt es nur nicht laut.

»Eine sentimentale Goldmine« sei Kalkutta mit seinem ganzen Elend für Ausländer, findet der bengalische Professor und Literat Dschjoti Datta. Armut werde ausverkauft für ein paar Dollar in einem Film, der seinen Machern möglicherweise Abermillionen einbringe, so lautet die Kritik anderer Gegner.

Das hat schon etwas für sich. Während sich Zehntausende Prostituierte, Lepröse, Rikschafahrer sowie Bettler Hoffnung machen auf eine Statistenrolle, während neben 33 Profis allenfalls 200 indische Laien mitmachen für gut sechs Mark Gage am Tag, prangt der Kunst-Slum am Rande der Stadt, erbaut für 2,5 Millionen Dollar.

Der Drehort, vor Jahresfrist hingestellt und fast ebenso lange leerstehend, damit er etwas verwittert, ist ein Aberwitz in der 12,5-Millionenstadt. Hier leben zwei Millionen in qualvoller Enge in echten Slums, den »bustees«, hier muß eine Viertelmillion Menschen auf den Gehsteigen vegetieren.

Immerhin hatten die Bustee-Bewohner etwas zum Lachen, als ihnen die Requisiteure verrottete Dächer, rostige Fahrräder, schrottreife Liegestätten und vergilbte Götterbilder abkauften und einige von ihnen einluden, in den schönen Film-Hütten als Statisten zu posieren.

Dort gab es nur zehn wohlgenährte Ratten, Darsteller-Kollegen gewissermaßen, und statt Fäkalien frisches Wasser in den Rinnsteinen. Bedauerlicherweise sieht das Drehbuch vor, daß ein Monsun die ganze relative Herrlichkeit von »Rollywood«, wie der Ort in Kalkutta genannt wird, letztlich zerstört.

Für ihren Film haben Joffe und Smith schon einiges an Unbill auf sich genommen. Ausländer, die in Indien drehen wollen, müssen das Buch in Neu-Delhi absegnen lassen.

Drei aufeinanderfolgende Regierungen - die von Radschiw Gandhi, V. P. Singh und des vor wenigen Wochen zurückgetretenen Tschandra Schekhar - bestanden auf nicht weniger als 14maligem Umschreiben.

Mit Gandhi lief das Projekt noch relativ gut. Der hatte Kalkutta selbst eine »sterbende Stadt« genannt - gezielte Ohrfeige für die kommunistischen Rivalen dort. Unter V. P. Singh jedoch wurde die Produktion verboten - der Premier war auf die Unterstützung der KP Bengalens angewiesen, die zu diesem Zeitpunkt den Film ablehnte. Kommunistenchef Basu lenkte erst wieder ein, als ein bedeutender bengalischer Dichter, Sunil Gangopadhjaj, das Skript einer neuerlichen Revision unterzogen hatte.

Das Freudenstadt-Team konnte aufatmen, Basu schien besänftigt. Er bangte wohl auch um Kalkuttas Renommee als Zentrum indischer Kreativität und der Creme von Filmleuten, Literaten und Theatermachern. Denn das ist die Stadt - aller aufgetürmten menschlichen Misere zum Trotz - auch immer noch: »Monströs und wundervoll zugleich«, so das Urteil des britischen Kalkutta-Kenners Geoffrey Moorehouse.

Doch die Erleichterung währte nicht lange. Jetzt ist der Film zur Waffe im innerparteilichen Zwist zwischen Basu und dem Kulturminister Bhattatscharja - einem vehementen Gegner des Projekts - geworden.

Eine halbe Million Menschen würden sie auf die Barrikaden bringen, drohten die Basu-Rivalen, sollten die Dreharbeiten nicht endlich eingestellt werden.

Zum Andenken bliebe Rollywood, das der Monsun dann nicht mehr wegblasen müßte. Ein pfiffiger Kommunalpolitiker hat schon den Vorschlag unterbreitet, die Kulisse dann zu Freizeitzwecken zu nutzen.

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