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ARNOLD J. TOYNBEE

aus DER SPIEGEL 8/1968

Als der deutsche Gymnasiallehrer Oswald Spengler 1922 sein Hauptwerk »Der Untergang des Abendlandes« vorgelegt hatte, begann der neun Jahre jüngere Engländer Arnold Joseph Toynbee, Jahrgang 1889, Sohn einer berühmten Familie und bereits angesehener Gelehrter, mit einer ähnlichen Arbeit.

Wie Spengler, dessen Genialität er bis heute bewundert, war Toynbee unter dem Eindruck des Ersten Weltkrieges zu der Einsicht gelangt, daß die Geschichte der Menschheit sich nicht nach Völkern und Nationalstaaten aufgliedern lasse. Wie Spengler stieß er bei der Suche nach anderen historischen »Sinneinheiten« auf die »Kulturen«, zum Beispiel die ägyptische, die antike und abendländische.

Zwischen 1934 und 1954 veröffentlichte Taynbee die zehn Bände seines Hauptwerkes »A Study af History«, (deutsche Kurzfassung: »Der Gang der Weltgeschichte"), das ihm Weltruhm einbrachte.

Obwohl im Ansatz ähnlich, unterscheiden sich Spenglers und Toynbees Hauptwerke doch oft. Während der deutsche Stubengelehrte nur acht Weltkulturen entdeckte, fand der britische Globetrotter, gelegentliche Geheimdienst-Beamte und Diplomat deren 21.

Während der von Deutschlands Niederlage deprimierte Spengler das Schicksalhafte an der Geschichte unterstrich -- »die Kulturen, so meinte er, seien unerbittlich dem biologischen Gesetz des Werdens und Vergehens unterworfen -, betonte Toynbee die Freiheit des Menschen gegenüber der Geschichte und deren politischen, klimatischen oder geographischen »Herausforderungen

Während der nur auf seine Bücher angewiesene Deutsche in die Gefahr geriet, zum Doktrinär seiner eigenen Lehre zu erstarren, setzte sich der oft aus unmittelbarer Anschauung schöpfende Brite -- er lebte zeitweilig in Athen und Istanbul, bereiste den Nahen Osten, China, Japan und Amerika -- dem Vorwurf allzu saloppen Umgangs mit historischen Daten aus, Manche Fachgelehrte wollen ihn deshalb allenfalls als historisierenden Feuilletonisten gelten lassen. Doch Ernst Robert Curtius, der große Romanist, verteidigte ihn: Eine Universaltheorie werde »durch Einzelkorrekturen nicht berührt«.

Besonders scharfe Kritik erfuhr Toynbee von jüdischen Historikern.

Tatsächlich hat Toynbee in »A Study of History« -- manchmal überscharf sich ausdrückend, manchmal schillernd, zuweilen sich selber korrigierend und widersprechend -- eine grundlegende Kritik am Judentum geübt. Sie läuft darauf hinaus, daß die Juden ihre eigene, im Ansatz universelle Religion dazu mißbraucht hätten, die rassische oder ethnische Substanz ihres von Gott auserwählten Volkes vor dem Aufgehen in die Menschheit zu bewahren. Sie hätten also ihre Religion zum Instrument ihres Nationalismus degradiert. Bis heute setzt Toynbee das »Rassenbewußtsein« der Juden noch höher an als das der Engländer, Holländer und Deutschen (siehe Gespräch). Gelegentlich ist er deswegen ein »Antisemit« genannt worden.

Daß Toynbee zwar ein Gegner der -- laut Martin Buber von ihm mißverstandenen -- »Auserwähltheits«-Theologie der Juden, ein Gegner auch des Zionismus, auf keinen Fall aber ein Antisemit ist, hat jetzt jedoch ein deutscher Gelehrter ausführlich dargestellt*.

Toyribees Verhältnis zu den Juden ist für seine geschichtsphilosophische Lehre signifikant. Er glaubt, daß die jüdische Religiosität spätestens seit der babylonischen Gefangenschaft der Juden (587 vor Christus) Elemente einer ethnischen oder gar rassischen Betrachtung enthält. Eben diese Vorstellungen aber sind ihm verhaßt. In der ziemlich langen Abscheu-Liste Toynbees, in der zuweilen auch der Kommunismus und immer der Militarismus vorkommen, stehen »Rassismus« und »Nationalismus« oben an. So hat er sich denn auch nie gescheut, seine eigene Nation und seine eigene Konfession des Rassismus zu beschuldigen.

Während Katholizismus und Islam laut Toynbee die Rassenschranken durchbrochen haben, seien die Protestanten, in Sonderheit die Urväter der englischen Besiedlung Nordamerikas, die Puritaner, das Opfer von Mißverständnissen des Alten Testaments und damit zu »Rassisten« geworden. So erklärt Toynbee sich auch die Vernichtung der Indianer durch die britischen Siedler.

Toynbees Kritik am heutigen Amerika geht zum großen Teil auf diese historische Analyse zurück, aber auch seine Vision einer amerikanischen Erneuerung. Vietnam-Krieg und Rassenkonflikt sind für ihn Reflexe des ethnischen Nationalismus der Puritaner.

Ohne die Überwindung des puritanischen Denkens sei, meint Toynbee, die Erneuerung Amerikas nicht möglich. Genau wie in den katholischen Ländern Amerikas -- Brasilien und Mexiko vor allem, wo Weiße, Schwarze und Rothäute sich gemischt hätten -- müsse nun auch Nordamerika zur rassischen Mischehe übergehen.

Als vorläufiges Endziel der Menschheitsgeschichte schwebt ihm eine gemischtrassige Erdbevölkerung vor, die einer einzigen Globus-Regierung untersteht und nur noch nach Religionsgemeinschaften gegliedert ist.

* Peter Kaupp: »Toynbee und die Juden«. Verlag Antan Hain, Meisenheim am Glan; 300 Seiten; 36 Mark.

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