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Martin Morlock ARS AMANDI

aus DER SPIEGEL 10/1964

Was deutsche Wesen nur mit Maßen zu mögen, ist eine verbreitete Unsitte, die um so mißfälliger beurteilt werden muß, als es uns ja keineswegs kalt läßt, ob uns Ausländer hoch oder gering achten.

Anderen europäischen Völkern ist es ziemlich egal, was »the rest of the world« von ihnen hält. Uns geht es wie den Amerikanern: Wir sind schon gekränkt, wenn Gefühle, die jemand an unser Volksganzes verschwendet, des amourösen Überschwangs entbehren.

Doch wehe, es steht einer gar in dem Geruch, die Deutschen zu hassen! Gleich ist er - zumindest nach Ansicht der hessischen FDP - ein »potentieller Verleumder und Beleidiger der Bundesrepublik«, und wer ihn, wie das Mainzer Fernsehen, als mimischen Beihelfer zu einer Kriminalserie präsentiert, der offenbart »Mangel an Selbstachtung« und »Geringschätzung der Würde des deutschen Volkes«.

Was soll Vittorio De Sica, Nenni-Sozialist ohne Parteibuch, zu Gianni Palermo, dem Reporter der kommunistischen Wochenzeitschrift »Vie Nuove«, gesagthaben;

vor zwei Jahren, als es bei den Dreharbeiten zu seinem Anti-Nazifilm »Die Eingeschlossenen von Altona« allerlei Zwist gegeben hatte?

Die Deutschen, soll er gesagt haben, seien »nicht nur widerlich, sondern auch reichlich dumm«, sie würden beim Anhören von Hitler -Reden »bleich vor Heimweh und stolz auf diese Vergangenheit«, sie hätten »alles vergessen, weil sie alles vergessen wollten«! - und was die Touristen, das Essen, ja selbst das Wetter dieses »schrecklichen Landes« anbetreffe, so hege er, De Sica, auch hierüber eine äußerst mißliche Meinung.

Gewiß, er hat alles dementiert. Aber kam seine Abrede aus heißem Herzen? Müssen vaterländisch Fühlende nicht doch das Fernsehzimmer verlassen, wenn Mainz das Stückwerk »Die vier Gerechten« in deutsche Gaue thrillert?

Dies zu ergründen, besuchte ich den Inkulpaten im Büro seines Freundes Carlo Ponti; am Fuße des kapitolinischen Hügels, einen Steinwurf entfernt von der Stätte, wo einst das Volk von Rom diejenigen umjubelte, die es vor germanischen Einfällen beschützten.

»Commendatore«, fragte ich, »hassen Sie die Deutschen?«

Des Neo-Realisten Stirn warf unmutige Falten. »Wer so etwas von

mir behauptet, von dem behaupte ich: er ist ein Nazi!«

»Welcher Art sind Ihre wahren Empfindungen?«

De Sicas Züge entwölkten sich, wurden selig-versonnen.

Ich schätze und liebe das deutsche Volk; schon wegen einiger sentimentaler Erinnerungen, die mich mit ihm verbinden«, bekannte er, wobei ihm schier sichtbar der weibliche Bevölkerungsteil vor Augen schwebte.

Den männlichen nannte er »sympathisch«, »weltoffen« und, einem alten italienischen Volksglauben entsprechend, »unbedingt zuverlässig in geschäftlichen Dingen« ("Man braucht keinen schriftlichen Vertrag, das Wort genügt").

Als zwischenmenschliche »Delikatesse« betrachtet er die Gepflogenheit deutscher De-Sica -Fans, ihren Autogrammbitten ("100 bis 200 am Tag") Rückporto beizufügen. »Bei uns tut das keiner.«

Völkerkundliches

Neuland wurde erschlossen, als der gebürtige Neapolitaner den »diametralen Unterschied« zwischen italienischer und deutscher Mentalität

erläuterte: »Wir Italiener sind eher nüchtern, kalt, ernst, verschlossen. Wir geizen mit unseren Gefühlen. Die Deutschen dagegen sind warmherzig, mitteilsam, begeisterungsfähig; ein heiteres, ein im guten Sinne naives Volk.«

Und jene, erkundigte ich mich, die den germanischen Einfall, Ostern auf dem Forum Romanum zu verbringen, kollektiv in die Tat umsetzen?

»Die deutschen Touristen sind sehr liebenswürdig. Wo sie mich sehen, winken sie mir zu.«

Und die deutsche Kochkunst, Urquell südländischer Unlust von alters her?

»Die deutsche Küche ist ausgezeichnet.«

Ihn auch noch über das deutsche Wetter zu befragen, hielt ich - an einem römischen Regentag - für wenig sinnvoll, zumal sich mein Nationalbewußtsein schon hinreichend gehätschelt fühlte.

Vittorio De Sica aber sagte, während sein Blick germanophilen Glanz ausstrahlte: »Ich wäre ja ein Kretin, wenn ich mir die Popularität, die ich in Deutschland genieße, ruinieren würde.« Und: »Nie mehr einen anti-nazistischen Film - nie mehr.«

Deutsche Männer und Frauen, ihr könnt wieder reinkommen!

De Sica

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