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PARTEIEN / NPD Artig in der Halle

aus DER SPIEGEL 46/1967

Dem kommenden Wochenende sieht die Polizei der niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover mit »sportlichen Gefühlen« entgegen. Polizeirat Jürgen Böhlke: »Wir sind mächtig flexibel.«

Zur Gelenkigkeit wird die Leine-Polizei auch Anlaß haben: In Hannover wollen sich die rechten Nationalen am Freitag zum NPD-Bundesparteitag formieren, und die linken Demokraten wollen es -- wieder einmal -- verhindern.

In der »Welt der Arbeit« warnte der hannoversche DGB-Kreisvorsitzende Friedrich Theilmann, das NPD-Treffen werde »Anlaß zu starken, nicht übersehbaren Unruhen und Auseinandersetzungen« geben.

Und den hannoverschen Betriebsräten schrieb Theilmann: »Die Gewerkschaften und die hannoverschen Arbeitnehmer werden alles tun, um diesen Parteitag ... zu verhindern.« Die Stadtverwaltung wurde aufgefordert, die Vermietung der städtischen »Niedersachsenhalle« an die Nationaldemokraten rückgängig zu machen.

Das Fäusteschütteln brachte den Gewerkschaftern bislang nur eine Strafanzeige der NPD ein, die sich in ihrem Rechts-Bewußtsein unversehens gestärkt sah: Sie beschuldigte Theilmann und (zwei) Genossen des Verfassungsverrats« der Volksverhetzung und -- außer vier weiteren Delikten -- der »Verhinderung nicht verbotener Versammlungen«.

Außerdem steht die SPD-geführte Stadtverwaltung treu zu ihrem NPD-Vertrag -- zumal NPD-Chef Adolf von Thadden bürgerliche Artigkeit schwor: »Die einzigen, mit denen es Ärger gibt, werden keine NPD-Leute sein, denn die sitzen alle in der Halle.«

In der Halle wollen rund 1500 Delegierte der NPD-Kreisverbände auf ihrem dritten Bundesparteitag sich schon zum »Marsch auf Bonn« (NPD-Pressesprecher Richard) rüsten. Mit der Proklamierung eines Parteiprogramms, der Wahl eines Parteiführers und der Verabschiedung einer neuen Satzung wollen die Nationaldemokraten -- so Richard -- den »Auftakt zum Bundeswahlkampf 1969« markieren.

Der Programmentwurf« der aus den »Grundlagen«. und zwölf »Kapiteln«

von Rechtspflege über »die gegliederte Volkswirtschaft« bis zur »deutschen Einheit und Freiheit« -- besteht, war Ende September im Kasseler Hotel »Neue Drusel« vom Parteivorstand verabschiedet worden. Kernsatz: »Die NPD ist national, weil sie die Freiheit und Einheit des deutschen Volkes erringen, und sie ist demokratisch, weil sie im Innern die Freiheit des Staatsbürgers gewahrt haben will.«

Mit der Vorstandswahl und einer neuen Satzung möchten die Nationaldemokraten endgültig die Krise beilegen, die Anfang des Jahres beinahe die nationale Front zerbrochen hätte.

Damals wies erst NPD-Chef Fritz Thielen aus Bremen seinen Stellvertreter von Thadden aus der Partei. dann setzte Thadden seinerseits Thielen den Sessel vor die Tür und ließ sich von den NPD-Landeschefs zum einstweiligen NPD-Kommandanten bestellen. Thielen suchte Heil in der Gründung einer »Nationalen Volkspartei«, mit der er jüngst bei den Bremer Wahlen unterging.

Thadden heute auf die Frage nach Thielen: »Wer ist Thielen?«

Thadden bleibt der Größte dafür soll der Parteitag sorgen: Der Badener Gutmann und der Bayer Pöhlmann, die außer Thadden als Kandidaten für den Posten des Parteivorsitzenden benannt worden sind, wollen selbstlos vorweg verzichten.

So weit aber möchten es die DGB-Protester am liebsten gar nicht kommen lassen: Nur neunzig Minuten nach Eröffnung des NPD-Treffens -- am Freitagnachmittag um halb fünf -- wollen sie Hannovers Volk (5,5 Prozent NPD-Wähler) eine halbe Wegstunde entfernt vor der Oper zum »Schutz der Demokratie« versammeln.

Mitglied des Kuratoriums, das sich zur Parteitags-Verhütung bildete, ist Niedersachsens Innenminister Richard Lehners (SPD): »Ich habe dazu beigetragen, daß diese Demonstration nicht unmittelbar vor der Niedersachsenhalle stattfindet. Aber wir können auch nicht verhindern, daß sich jemand dorthin in Bewegung setzt. Das wird mit dem nötigen Taktgefühl abgewickelt. Wir haben schließlich von Berlin gelernt.«

Gelernt hat auch Adolf von Thadden. Er hat seine 1500 Delegierten schriftlich angewiesen, keine NPD-Parolen an ihre Autos zu kleben und »unter Umgehung der Innenstadt direkt zur Niedersachsenhalle« zu fahren. Stadtpläne von Hannover hat er den Parteigenossen beigelegt.

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