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ENTEIGNUNG Asterix im Schwabenland

Die Stuttgarter Messe will auf die grüne Wiese umsiedeln, doch ein paar widerborstige Bauern weichen nicht. Nun soll ihnen ihr Land genommen werden.
aus DER SPIEGEL 31/1999

Herrliches Ackerland erstreckt sich nördlich des Stuttgarter Flughafens: hunderte Morgen bester Lösslehm-Krume, noch dazu richtig gelegen für die Lieblingsfruchtfolge deutscher Bauern - Winterweizen, Sommergerste, Bauland.

»Wenn ich das verkaufen würde, müsste ich nie mehr arbeiten«, sagt Walter Stäbler, Landwirt aus dem Umlandstädtchen Leinfelden-Echterdingen. Denn die Planer einer neuen Stuttgarter Messe wollen für die Äcker am Airport Millionen hinblättern. Ziel: eine komplette Ausstellungswelt für eine Milliarde Mark auf der Fläche der Nachbargemeinde.

Doch in Leinfelden-Echterdingen, Sitz jenes Ehapa-Verlags, der die Menschheit mit den Comics von Asterix und Obelix gegen die Obrigkeit aufhetzt, droht ihnen der Himmel auf den Kopf zu fallen: Stäbler will die Millionen nicht. Weder er noch 100 andere Grundstücksbesitzer des Ortes, weder die Verwaltung noch der Gemeinderat von Leinfelden-Echterdingen wollen Scheine für Steine.

Dabei betrachtet Landesvater Erwin Teufel (CDU) das Großprojekt sogar als »Meilenstein« für den Wirtschaftsstandort Baden-Württemberg. Und dafür will er notfalls seine widerborstigen Untertanen durch ein eigens geschaffenes Landesgesetz enteignen - für eine Messe hat es so etwas in Deutschland noch niemals gegeben.

65 Hektar im grünen Winkel zwischen der Autobahn nach München und dem Flughafen soll die kleine Speckgürtel-Kommune freiräumen, damit sich die nach Umsatz siebtgrößte deutsche Messe aus der engen Stuttgarter City absetzen kann. Ziele der Projektgesellschaft Neue Messe bis zum Jahr 2004: 10 000 Arbeitsplätze für die Region, Verdopplung der Hallenfläche auf 100 000 Quadratmeter, eine »Landesmesse« als Antwort auf die Expansion der Konkurrenten München und Leipzig.

Mit seiner Weigerung ist Landwirt Stäbler deshalb für die einen der dümmste Bauer mit den dicksten Kartoffeln, für die anderen Symbol des Widerstands eines kleinen Dorfes gegen eine feindliche Übermacht. Als hätten die Asterix-Hefte auf die Akteure im Messestreit abgefärbt, führten sich Stuttgarter Honoratioren nämlich so hochmütig auf wie die Römer in Kleinbonum - vor der Schlacht.

Mit den paar »Krautbauern« werde man doch wohl noch fertig, tönte DaimlerChrysler-Vorstand Jürgen Hubbert; Wirtschaftsminister Walter Döring (FDP) meierte schon vor dem letzten Standort-Suchlauf alle Alternativen ab: »Darüber diskutiere ich nicht.« Die Investitionen von Leipzig und München vor Augen, eine große Allianz aus CDU, SPD und FDP im Rücken, unterschätzte auch Kabinettschef Teufel den Aufstand im Rübenland.

Erst als seine Unterhändler der störrischen Kommune nicht mal mit 35 Millionen Mark ihr Grün abschwatzen konnten, dämmerte den Messegesellschaftern Stadt Stuttgart und Land Baden-Württemberg: Die 35 000 Einwohner der vier zusammengewürfelten Fildergemeinden könnten es ernst meinen.

Zu spät, denn inzwischen hatte sich deren Majestix Wolfgang Fischer mit der Parole aufs Schild gestellt: »Ich bleib' beim Nein und wenn ich damit untergehe.« Der SPD-Oberbürgermeister fürchtet bei einer Belagerung durch zwei Millionen Messebesucher im Jahr die Dauerverstopfung des Ortes und das Ende der Gemütlichkeit. Linderung ist zwar versprochen. Doch die Verzögerungen beim Ausbau des notorischen Autobahn-Stauknotens »Echterdinger Ei« und die Ungewissheit, ob die Bahn aus Geldmangel den geplanten Fernbahnhof an der Messe kippt, bestärken den Rebellen nur in seiner Überzeugung: »Die spinnen, die Stuttgarter!«

Bereits Ende vergangenen Jahres hat der Landtag mit den Stimmen von CDU, FDP und drei SPD-Abgeordneten ein Landesmessegesetz beschlossen, das eine Enteignung möglich macht. Damit die Aufständischen nicht schon gegen das Gesetz klagen können, ist der Standort darin nicht mit Namen genannt, aber so eindeutig umzingelt, dass kein anderer in Frage kommt.

Zudem meldeten allerlei Auguren der Landesregierung das willkommene Ergebnis: Das Gutachterbüro Weidleplan, das für Stadt und Land auch bei der Flughafen-Erweiterung arbeitet, sprach sich für Leinfelden aus. Ein gut erschlossenes ehemaliges Militärgelände in Böblingen, dem Land mehrfach angedient und sofort bebaubar, blieb für Weidleplan zweite Wahl.

In Eilmärschen führen die Stuttgarter nun Hilfskohorten heran, um Tatsachen zu schaffen: Erst kürzlich hat die Regionalversammlung den Bauplänen zugestimmt, bis Oktober werden 30 Architekten ihre Zeichnungen vorlegen.

Doch Messegegner wie Leinfelden-Echterdingens Anwalt Michael Quaas fühlen sich gerüstet. Je mehr das Tempo verschärft werde, umso härter werde nach Ende des Planfeststellungsverfahrens in zwei Jahren der Konflikt vor Gericht. Quaas: »Für Straßen, Schienenwege und Kanäle darf ein Land ein Enteignungsgesetz machen, nicht aber für einen Gebäudekomplex wie die Messe.« Seine Bauern wollen notfalls bis vor das Bundesverfassungsgericht ziehen.

Selbst hohe CDU-Politiker schätzen das Risiko einer Niederlage auf 30 Prozent, sie halten eine Verzögerung durch Prozesse um mindestens zwei Jahre für wahrscheinlich. Schon grübeln manche Christdemokraten, ob es nicht besser wäre, rechtzeitig auf einen anderen Standort umzuschwenken.

Sollte es dazu kommen, wüssten die störrischen Dörfler von Leinfelden-Echterdingen schon, wie man das feiert: mit einem großen Festgelage bis tief in die Nacht. JÜRGEN DAHLKAMP

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