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WÄHRUNG / EUROPA Astronomische Beträge

aus DER SPIEGEL 44/1970

In dieser Währungsunion«, räsonierte der Direktor des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Herbert Giersch, »sind immer die die Dummen, die am vernünftigsten sind.

Anders als sein Fachkollege, Bonns Wirtschaftsminister Karl Schiller, prophezeit Giersch, daß die vorletzte Woche verkündete Währungsunion der EWG-Länder auch in ihrem Endzustand von 1980 an nichts weiter als eine »Inflationsgemeinschaft« sein wird. Für die Deutschen gibt es laut Giersch nur eine Möglichkeit, dem Inflationsdruck zu entgehen -- zahlen.

Begründung: Die industriell zurückgebliebenen Gebiete der künftigen EWG-Währungsunion -- etwa Süditalien, Südfrankreich, Schottland und Irland -- müßten von den reichen Regionen unterstützt werden. Anders könnten soziale Revolutionen, die das geplante Europa wieder sprengen würden, nicht vermieden werden.

Der deutsche Wirtschaftswissenschaftler steht mit seiner düsteren Prognose nicht allein. Auch der britische Nationalökonom und langjährige Berater der britischen Labour-Regierung, Nicholas Kaldor, mahnt, daß eine Währungsunion unterschiedlich entwickelter Staaten teure Strukturpolitik erforderlich macht.

Kaldor urteilt aus der britischen Erfahrung mit den industriell zurückgebliebenen Gebieten Wales, Nordirland und Schottland. In diesen Regionen sind Löhne und Produktivität schon seit langem erheblich niedriger als in den hochindustriellen Zentren in Süd- und Mittelengland. Die Londoner Regierung konnte das Vereinigte Königreich immer nur dadurch zusammenhalten, daß sie mit den Steuergeldern aus den reichen Gebieten hohe Subventionen an die unterprivilegierten Briten zahlte. Allein im vergangenen Jahr warf London etwa für die 1,5 Millionen Nordiren über eine Milliarde Mark aus -- 800 Mark pro Kopf. Dennoch mußte sie schwere soziale Unruhen hinnehmen.

Ähnliche Gefahren und Kosten drohen laut Kaldor und Giersch dem einheitlichen Währungsgebiet Europa. Denn nur die Industriezentren der künftigen Gemeinschaft -- etwa die Pariser und Londoner Regionen, Norditalien, das Rhein-Main-Ruhr-Gebiet sowie die Benelux-Länder -- haben die Voraussetzung für ein einheitliches Währungsgebiet: annähernd gleiche Produktivität der Industrie.

Das Produktivitätsgefälle der industriellen Schwerpunkte zu den unterentwickelten Gebieten der Gemeinschaft, so Giersch, wäre unproblematisch, wenn die Löhne im gleichen Ausmaß differierten. Ein solches Lohngefälle aber können die Gewerkschaften auf die Dauer in einem einheitlichen Währungsbereich nicht hinnehmen. Denn sie müssen befürchten, daß die mächtigen Konzerne versuchen werden, Lohnforderungen der hochqualifizierten Arbeiter in den entwickelten Regionen mit der Drohung abzublocken, ihre Produktionsstätten in Gebiete mit niedrigeren Lohnkosten zu verlegen.

Diese Nivellierung der Löhne nach oben, so die Wirtschaftsprofessoren, verstärke nur den Trend zur Inflation, denn niemand könne garantieren, daß die Produktivität im selben Ausmaß angehoben werde. »Kein deutscher Unternehmer«, so Giersch, »würde unter diesen Voraussetzungen sein Kapital in Süditalien investieren.«

Die Investitions-Unlust hätte daher eine weitere unerwünschte Konsequenz. Die Arbeitnehmer aus den Randgebieten Europas würden immer mehr in die ohnehin übervölkerten Zentren an Rhein, Seine, Themse, Main und Po abwandern und das Leben in den großen Städten unerträglich machen.

Historisches Beispiel: Weil es die Pariser Regierung über ein Jahrhundert lang versäumte, das Produktivitätsgefälle zu den Randgebieten Frankreichs abzubauen, siedelte sieb die Industrie hauptsächlich in der Gegend von Paris an. Nur mit Milliarden-Investitionen des Staates läßt sich heute die verzerrte Wirtschaftsstruktur noch korrigieren.

Derart unerwünschte Effekte lassen sich in Europa nur durch eine von der EWG-Zentrale gesteuerte Politik europäischer Regionalbeihilfen vermeiden. Die Mittel müßten von Europas Steuerzahlern aufgebracht werden -- vorzugsweise von den stabilitätsbewußten, »reichen Westdeutschen.

»Sie«, so meint Giersch, »müssen ohnehin am meisten für Europa zahlen.« Denn: »Die Profiteure dieser Union werden die Länder sein, die die höchsten Schulden, die niedrigste Steuermoral und, die undiszipliniertesten Gewerkschaften haben.«

Die Kosten, die von der Bundesrepublik für diese »Stabilitätsgemeinschaft« (Schiller) aufzubringen sind, hat die EWG-Kommission bereits vor Jahren einmal durchrechnen lassen. Das Ergebnis liegt seitdem in einem Brüsseler Panzerschrank. Grund: Es waren astronomische Beträge.

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