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HAUPTSTADT Asyl für den Führer

Eine lebensechte Nachbildung der Unperson Adolf Hitler sorgt in Berlin für ebenso berechenbare wie typisch deutsche Aufregung.
aus DER SPIEGEL 18/2004

Inna Vollstädt trägt oft ein schwarzes Topfhütchen, das der verblichenen Queen Mum alle Ehre gemacht hätte, und sie versteht die Welt nicht mehr. Ihre Ausstellungsräume wurden ihr gekündigt. »Ich weiß nicht, ob ich etwas Neues finden werde«, klagt die in Leningrad geborene, aber seit 35 Jahren in Deutschland lebende Galeristin, »ich kann ohne Tabletten nicht mehr schlafen.«

Die Ursache ihrer Schlafstörungen findet sich hoch über dem einstigen Checkpoint Charlie in der Friedrichstraße in Berlin- Kreuzberg; dort, wo vor dem Fall der Mauer Vopos mit Schäferhunden auf dem Todesstreifen patrouillierten. Hinter der gläsernen Fassade eines Büropalastes sitzen in der vierten Etage drei historische Figuren auf einer Bank: Josef Stalin, Franklin D. Roosevelt und Winston Churchill. Ein paar Schritte neben dem Sieger-Triumvirat des Zweiten Weltkriegs posiert mit dem melancholischen Blick des Verlierers jener geborene Österreicher aus Braunau, der die

Schurken-Parade der Weltgeschichte anführt: der größte Feldherr aller Zeiten - aus Wachs geformt.

Adolf Hitlers Jacke, mit einem Eisernen Kreuz dekoriert, wirkt leicht abgeschabt, doch der manisch-depressive Blick ist gut getroffen. Er ist wie die 69 übrigen Prominenten in Vollstädts Wachsfigurenkabinett aus dem St. Petersburger Stroganow-Palais ausgeliehen. Als die studierte Mathematikerin Mitte Januar ihre Ausstellung mit Nachbildungen von Michael Schumacher, Prinzessin Diana, Dracula, Michael Jackson und anderen Berühmtheiten eröffnete, hatte sie sich nicht träumen lassen, welche Scherereien ihr der Wachs-Führer einbringen würde.

»Für mich ist das keine Heldenverehrung, er ist nun mal eine berühmte Person der Zeitgeschichte«, sagt Vollstädt. »Deshalb steht er hier.« Und nicht ohne Grund werde er sowohl von der Mutter aller Wachsfigurenkabinette, dem 1835 eröffneten Madame Tussaud''s in London, als auch in anderen solchen Etablissements in aller Welt ausgestellt.

Doch was in Hongkong, San Francisco oder selbst Hamburg keinen Anstoß erregt, gilt offenbar noch lange nicht für Berlin. In der ehemaligen Reichshauptstadt, in der Hitler sich am 30. April 1945 zusammen mit seiner frisch angetrauten Geliebten Eva Braun und seinem Schäferhund Blondi im Bunker unter der Neuen Reichskanzlei ins Jenseits beförderte, ist der korrekte Umgang mit der Geschichte nicht so einfach.

Kaum hatte ein Redakteur der Nachrichtenagentur Reuters die Führer-Puppe entdeckt und seine Story nebst Fotos um die Welt geschickt, erhoben sich empörte Stimmen. In israelischen Zeitungen hieß es: »Berlin wirbt mit Hitler« oder »Skandal - Hitler in Berlin«. Inzwischen droht dem Führer aus Wachs und auch seinen Mitbewohnern gar die Obdachlosigkeit. Der Vermieter der Galerieräume, eine Tochterfirma der Württembergischen Hypothekenbank AG, hat Inna Vollstädt zum Ende des Monats gekündigt.

»Hitler zu zeigen ist eine Verhöhnung aller Opfer«, lamentierte die kulturpolitische Sprecherin der SPD im Berliner Abgeordnetenhaus. Chef-Trauerarbeiterin Lea Rosh riet: »Man sollte diese Figur verbieten, bevor der Checkpoint Charlie zur Pilgerstätte für Neonazis wird.«

Sie habe überhaupt nicht mit »solchem Krawall« gerechnet, beteuert hingegen Inna Vollstädt. Erst als Freunde warnten, »das wird schlecht ausgehen, verstecken wir ihn lieber«, verbannte sie den Führer in eine Abstellkammer, wo er einem Lenin, den sie doppelt hat, Gesellschaft leistete. Das traf bei Paul Spiegel, dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, auf Wohlgefallen: »Unter dem Deckmantel der Kunst kann man nicht Verbrecher mit Größen der Geschichte auf eine Stufe stellen.«

Ein paar Tage stand der wächserne Hitler, den Kopf mit einem roten Tuch verhüllt, in der Kammer. Als Vollstädt dennoch die Kündigung zugestellt bekam, wurde sie trotzig - und holte ihn wieder raus.

»Ich hasse Hitler«, sagt sie unvermittelt. 1940 in Leningrad geboren, überlebte sie als Kleinkind die von Hitler befohlene, 900 Tage währende Belagerung ihrer Heimatstadt durch die deutsche Wehrmacht nur zufällig. Über eine Million Russen kamen damals zu Tode.

Der »Nazi-Diktator und Reichskanzler«, wie es auf dem Schild zu seinen Füßen heißt, hat beinahe die Hälfte von Vollstädts Familie und Verwandtschaft auf dem Gewissen. Viele Sonntage ihrer Kindheit verbrachte sie auf Friedhöfen, und als sie schließlich einen Deutschen heiraten wollte, war ihr Vater erst mal hellauf empört.

Ob der Wachs-Hitler vom Checkpoint Charlie auch künftig noch in Berlin von Touristen und Wachsfiguren-Liebhabern besichtigt werden kann, ist ungewiss. Die Galeristin verhandelt mit Eigentümern verschiedener leer stehender Büroetagen in der Umgebung des jetzigen Domizils über ein mögliches Asyl.

»Wenn wir nichts finden«, sagt sie, werde sie den ungeliebten Führer mit den anderen Figuren nach St. Petersburg zurückschicken. »Da regt er wenigstens niemanden auf.« MICHAEL SONTHEIMER

* In ihrem Wachsfigurenkabinett mit den Figuren von Stalin,Roosevelt und Churchill.

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