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AFFÄREN Atomarer Hund

Nach illegalen Cyanidablagerungen sind nun, erstmals in der Bundesrepublik, auch radioaktive Abfälle auf einem Müllplatz entdeckt worden -- zwei Kilometer vom Karlsruher Kernforschungszentrum entfernt.
aus DER SPIEGEL 22/1974

Der Geigerzähler knatterte, und eilig machte sich Hans-Helmuth Wüstenhagen, 50, Vorsitzender der Karlsruher »Burgeraktion Umweltschutz«, davon. Die Müllkippe Leopoldshafen, zwei Kilometer vom Karlsruher Kernforschungszentrum entfernt, schien ihm nicht geheuer: »Da liegt ein dicker atomarer Hund begraben.«

Wüstenhagens Geigerzähler hatte auf der -- seit dem 1. Januar geschlossenen -- Deponie 35 Impulse je Sekunde registriert, ein Vielfaches der normalen Radioaktivität des Erdreichs. Prompt alarmierte der Umweitschützer, Anfang April, die »Landesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, Immissions- und Strahlenschutz« in Karlsruhe, die ihrerseits unverzüglich Bodenproben nehmen und untersuchen ließ.

Das Ergebnis schien beruhigend, die Lokalpresse verwies auf die Äußerung des Landesanstaltschef Wolfram Morgenstern, wonach sich die Konzentration der radioaktiven Stoffe »im natürlichen Rahmen« halte. Und der Sicherheitsbeauftragte des Kernforschungszentrums, Hans Kiefer, klassifizierte die Kippen-Strahlung als »weit unter dem, was man überhaupt als radioaktiv bezeichnen kann«. Er hatte auch gleich eine Erklärung für ihre Herkunft: »Fall-out nach Atombombentests.«

Wüstenhagen, Vorsitzender des Bundesverbandes Bürgerinitiativen Umweltschutz e. V. mochte »nicht so recht glauben«, daß der »Bomben-Fall-out so zielgenau und konzentriert ausgerechnet hier« und auf keine der anderen sieben Abfallhalden niedergegangen sein sollte, die er im Raum Karlsruhe mit seinen Umweltschützern im Auge hielt. Den Initiativbürgern war nicht entgangen, daß auf der Müllkippe Leopoldshafen Müllwagen des ortsansässigen Kernforschungszentrums vorzufahren pflegten -- jenes Atom-Kombinats, in dem 900 Wissenschaftler neue Reaktoren-Typen entwickeln und Grundlagenforschung betreiben.

Mit Hilfe von Geologen und Physikern, die in der Bürgerinitiative tätig sind, ließ Wüstenhagen die Leopoldshafener Müllkippe -- 4000 Quadratmeter in einem stillgelegten Altrheinarm an der Landesstraße 559 -- vermessen und kartographieren, Bodenproben aus unterschiedlichen Tiefen herausbohren und registrieren. Dann ließ er die Proben, über befreundete Wissenschaftler, dem Institut für Nuklearmedizin am Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg zuspielen -- und gelangte so zu einem ganz anderen Ergebnis.

Er selbst und seine Bürgerinitiative hielten sich dabei im Hintergrund: Den Heidelberger Forschern blieb verborgen, wer der eigentliche Auftraggeber und Empfänger ihrer Studie war. Wüstenhagen seinerseits schließlich mochte letzte Woche, als der SPIEGEL ihn befragte, die Mitwirkung der Heidelberger nicht preisgeben. »Als Bürgerinitiative«, so suchte er sein Versteckspiel zu erklären, »kriegen Sie bei einem staatlichen Institut keine Analyse gemacht.« Tatsächlich war er von zwei staatlichen Forschungsinstituten abgewiesen worden.

Die Heidelberger Nuklear-Spezialisten hatten eine »hohe Kontamination«, also starke Verunreinigung »durch mehrere Nuklide« (Spaltstoffe) festgestellt, vor allem durch Kobalt-60 und Caesium-137. In einer Zweigramm-Probe betrug die Strahlung 1212 Mikrocurie, gerechnet auf den Kubikmeter Müll, in einer anderen Probe 1880 Mikrocurie.

Diese Konzentration aber bedeutet eine »ca. 120- bzw. 190fache Überschreitung der zugelassenen Grenzwerte für Radioaktivität in Abfällen«, wie sie in der bundesdeutschen Strahlenschutzverordnung festgelegt sind. Und dabei, so rügen die Heidelberger Forscher in ihrem bislang vertraulichen Befund, seien die gesetzlichen Mindestwerte »ohnehin zu hoch«.

Woher der Atommüll stammt, kann Wüstenhagen einstweilen nur vermuten. Im Karlsruher Kernforschungszentrum fallen große Mengen mittel- und schwachaktiver Stoffe an. als Kondensat aus dem Kühlwasserdampf etwa oder in den Reinigungsstoffen bei der Entgiftung von Forschungsgeräten (Fachwort: Dekontamination). Die atomaren Reste werden mit Putz oder Mauerstoffen. Torf oder Spezialzement fixiert -- Atommüll, der unter strengen Sicherheitsvorkehrungen gelagert werden muß und in aller Regel zur unterirdischen Aufbewahrung bestimmt ist: im ausgedienten niedersächsischen Kalibergwerk Asse.

Daß wiche Abfälle auf die Leopoldshafener Müllhalde gekippt worden sein könnten, hält der Sicherheitsbeauftragte Kiefer für »ausgeschlossen«. Freilich bestreitet er nicht, daß andere Abfallstoffe des Karlsruher Kernforschungszentrums in großen Mengen in das Altrheinbett geschüttet worden sind: »Klärschlämme«, die -- so Kiefer -- »absolut ungefährlich sind«.

Wieso radioaktive Strahlungen jener Stärke. wie sie von den Heidelberger Forschern in Leopoldshafener Bodenproben festgestellt wurde, dennoch auftreten konnten, vermag sich Kiefer fürs erste nicht zu erklären. An seiner Fallout-Theorie möchte er jedenfalls nicht mehr festhalten, denn der Heidelberger Befund besagt, daß »alle Proben in relativ hoher Konzentration das Nuklid Kobalt-60« enthalten, »wodurch eine Herkunft aus Atombomben-Fall-out praktisch ausgeschlossen werden kann«.

Die Heidelberger sehen denn auch in den Leopoldshafener Funden so etwas »wie die erste Atommüll-Affäre in der BRD.« Müll-Detektiv Wüstenhagen. der die Heidelberger Untersuchungsergebnisse in dieser Woche bekanntmachen will, ohne die Heidelberger beim Namen zu nennen, hat Strafanzeige »gegen Unbekannt« erstattet.

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