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Korea ATOMBOMBE IM ARMENHAUS

Der letzte stalinistische Despot droht mit einem Abgang im »Flammenmeer": Im Versteckspiel um Kim Il Sungs atomares Aufrüstungsprogramm drängt die Supermacht USA auf Sanktionen. Doch Peking blockt, stärkt Pjöngjang den Rücken und riskiert die Destabilisierung Ostasiens. Indes auch China fürchtet den Atomschlag.
aus DER SPIEGEL 24/1994

Die Welt kennt ihn, weil der Kommunist vor 44 Jahren den Befehl gab, das Vaterland gewaltsam zu vereinigen. Der Plan schlug fehl, aber der Initiator zog die Weltmächte in einen Krieg hinein, der zwei Millionen Soldaten und zwei Millionen Zivilisten das Leben kostete.

Kim Il Sung, 82, ist immer noch im Amt. Erkennt ein Diktator bar aller Skrupel am Ende seines Lebens, daß sein Lebenswerk mißlungen ist, kann er höchst gefährlich werden: Gescheiterte Tyrannen neigen dazu, das eigene Volk zu bestrafen und die Welt zu bedrohen.

Kim ist gescheitert. Sein Angriffsobjekt vom Juni 1950, der viel weniger als sein Nordstaat entwickelte Süden Koreas, hat sich zur Industriemacht aufgeschwungen. Das eigene Reich aber verkam zum Armenhaus und Arbeitslager.

Vor über einem Jahr bereits kürzte er die Tagesration für jeden Untertanen von 700 auf 250 Gramm Reis, Fleisch gibt es nur zum Geburtstag des »Großen Führers« und zum Gründungstag seiner Partei. Etwa 100 000 Einwohner stecken im Gefängnis.

Nun schreckt der letzte Stalinist noch einmal die ganze Menschheit mit der Vision des Untergangs: Er jongliert mit Atombomben, droht den Nachbarn mit einem »Flammenmeer«.

In einem 5-Megawatt-Reaktor in Yongbyon produziert sein Land, das dem Atomwaffensperrvertrag beitrat und sich damit zu internationaler Kontrolle verpflichtete, nukleare Energie, wobei auch Plutonium für militärisches Teufelszeug anfällt.

Nordkorea, so stellte die Internationale Atomenergie Agentur (IAEA) fest, müsse in seinem Reaktor mehr Plutonium erzeugt haben, als es gemeldet hat - vielleicht nur jene 58 Gramm, die ein koreanischer Beamter dem SPIEGEL gegenüber zugab, vielleicht aber auch Stoff für vier bis fünf Atombomben, wie der US-Geheimdienst CIA behauptet. Inspektoren der Wiener Behörde sollten dies überprüfen. Doch die Nordkoreaner eskalierten den Konflikt übermütig: Vorige Woche tauschten sie plötzlich 8000 Brennstäbe aus, so daß die IAEA-Experten ihren Verdacht nicht mehr verifizieren konnten. Die Daten sind futsch. Den Kontrolleuren droht jetzt die Ausweisung, weil die IAEA die technische Hilfe strich.

Warnungen vor Sanktionen des Uno-Sicherheitsrats schlug Kim in den Wind. Sein »Komitee für die friedliche Vereinigung des Vaterlandes« proklamierte: »Sanktionen bedeuten Krieg, und Krieg ist gnadenlos.«

Darauf hat sich Kim Il Sung vorbereitet. Über eine Million Mann stehen unter Waffen, wichtige Rüstungsbetriebe sind in Bergstollen versteckt, die Bevölkerung muß ständig den Luftschutz üben »zur Vorbereitung auf einen Atomschlag gegen uns«, so die Regierungspropaganda. Vorige Woche behauptete sie, Geschütze aus dem Süden seien in die entmilitarisierte Zone an der Grenze vorgerückt, Artillerie habe auf einen nordkoreanischen Posten gefeuert: »Der Süden bringt die dunklen Wolken eines Atomkriegs über die Halbinsel.«

Im Süden stehen 633 000 Soldaten, die ein verschobenes Frühjahrsmanöver mit den 38 000 im Lande stationierten US-Soldaten nachholen wollen. Patriot-Raketen sind einsatzbereit, der Flugzeugträger »Independence« kommt.

Amerika, als letzte Supermacht der Weltenwächter, ist gefordert. Eine Verbreitung der nuklearen Waffentechnologie hatte Bill Clinton kurz vor seiner Wahl zum Präsidenten zur »größten Bedrohung der Zukunft« erklärt. Er besuchte 1993 den Zaun zwischen den beiden Koreas und zürnte mit Blick nach Norden: »Wenn sie je Atomwaffen benutzen, wäre es das Ende ihres Landes.«

Nukleare Schwellenländer wie Argentinien und Brasilien stellten ihre militärische Atomproduktion ein, die Nachfolgestaaten der Sowjetunion einigten sich, Rußland das Monopol an Nuklearwaffen zu überlassen. Den Irak haben die USA mit vielleicht 150 000 Toten im Golfkrieg gezüchtigt, Südafrika hat seinen A-Bomben-Vorrat verschrottet.

Nordkorea aber entzieht sich der IAEA-Kontrolle. Was tun? US-Verteidigungsminister Perry hält einen militärischen Erstschlag für eine theoretische Option: »Ich glaube nicht, daß ich einen solchen Schritt zum gegenwärtigen Zeitpunkt empfehlen würde.«

Deutlicher befand Ex-Außenminister James Baker, die Zeit der Verhandlungen sei vorbei: »Das ist, als würden wir mit Saddam Hussein verhandeln.« Und der republikanische Senator John McCain, der Kriegsgefangener in Vietnam war, empfahl: »Einzig die Androhung von Gewalt und Auslöschung überzeugt Leute wie Kim Il Sung.«

Also ein Schlag wie am Golf 1991 oder nur wie Israels gezieltes Bombardement eines irakischen Reaktors 1981? Doch die neun Atomreaktoren in Südkorea sind ein Pfand Kims: Gezielte Raketenattacken würden zu einem Super-Tschernobyl führen, mit Hunderttausenden von Strahlenopfern.

Südkoreas Präsident Kim Young Sam sieht die atomare Bedrohung durch Nordkorea allein gegen seinen Staat gerichtet: »Ihr Programm muß gestoppt werden, um jeden Preis.« Der Außenminister des Nordens, Kim Yong Nam, tönte in Kiew, wenn US-Sanktionen in einen Krieg mündeten, werde Südkorea »verwüstet«. Am Donnerstag machte er einen heimlichen Abstecher nach Berlin und führte in einer Dependance der Chinesen-Botschaft Gespräche. Der rote _(* An der koreanischen ) _(Waffenstillstandslinie 1993. ) Wagen eines unbekannten Besuchers trug den Aufkleber: »Fly Navy«.

Der Minister zum SPIEGEL: »Wir werden Verhandlungen mit Verhandlungen beantworten und Krieg mit Krieg.«

Könnte der Despot Kim weiter atomar aufrüsten, wäre noch die geringste Konsequenz, daß andere bedrohte Staaten im regionalen Umfeld Ostasiens dem bösen Beispiel folgen: Südkorea sowieso, auch Taiwan. Und gewiß Japan, dessen Technologie den Bau der Bombe binnen Wochen gestattet. Der Atomwaffensperrvertrag wäre Makulatur.

Clinton zaudert. Erst einmal wirbt er für ein Wirtschaftsembargo gegen Nordkorea, einzelne Sanktionen und danach für einen totalen Handelsboykott.

Die Taktik hat ihre Tücken. Japan will nicht mitspielen: Die im Lande lebenden Koreaner überweisen jedes Jahr rund eine Milliarde Dollar nach Nordkorea, Kims wichtigste Devisenquelle. Bei einer Blockade käme es zu einem von 600 Kim-Agenten im Land geschürten Aufruhr.

Für die USA wird es eng, im Uno-Sicherheitsrat die für ein Embargo nötige Resolution in Kürze durchzubringen. Rußlands Präsident Boris Jelzin sicherte seinem Kollegen in Seoul telefonisch Unterstützung der Sanktionen zu, sein Außenminister Kosyrew bevorzugt - wie Japan - eine internationale Konferenz, mit Rußland, versteht sich.

Doch einer bockt und blockt: Das Sicherheitsratsmitglied China weigert sich wegen der »ernsten Konsequenzen« vorerst zäh, einer Uno-Resolution beizupflichten. Ohne Peking wäre ein Wirtschaftsboykott ohnedies nur eine halbe Sache, weil China drei Viertel des von Nordkorea importierten Rohöls liefert.

Das Reich der Mitte fürchtet den Zusammenbruch des sozialistischen Nachbarn. Staatspräsident Jiang Zemin sicherte dem nordkoreanischen Generalstabschef Choi Gwang unverbrüchliche Solidarität zu: Beide Länder hingen zusammen »wie Lippen und Zähne«.

Dann sprach der Chinese sogar von »unerschütterlicher, durch gemeinsam vergossenes Blut besiegelter Freundschaft« - er berief sich damit auf den Koreakrieg 1950 bis 1953, der bis heute nur durch einen Waffenstillstand unterbrochen ist. Der seinerzeitige Kampf gegen den »Imperialismus« kostete auch eine halbe Million Chinesen das Leben.

Doch China, das vorigen Freitag selbst einen Atombombentest unternahm, fürchtet auch die Skrupellosigkeit Kims, der andeuten läßt, chinesische Grenzgebiete gehörten zu Korea, und dessen Eigenbau-Rakete Rodong 1 auch Peking erreichen kann.

Die USA unterhalten bislang keine diplomatischen Beziehungen zu Nordkorea. Eben diesen direkten Kontakt wünscht sich der greise Kim so beharrlich wie einst sein deutscher Genosse Erich Honecker, nun sogar ohne das Risiko amerikanischer Menschenrechtsforderungen, die Clinton soeben China gegenüber fallenließ.

Trotz des chinesischen Undanks und der Eskalation der Drohungen gab sich Clinton auch konziliant: »Die Tür ist für Nordkorea noch offen.« US-Verteidigungsminister Perry, der »schon eine leichte Sanktion« für Nordkoreas marode Volkswirtschaft als »sehr schmerzvoll« einschätzt, sucht »eine friedliche Lösung für das Problem«.

Kündigen nämlich die Nordkoreaner den Vertrag über die Nichtweitergabe von Atommaterial, wären sie zu keiner Kontrolle mehr durch die Wiener Atombehörde verpflichtet. Sie könnten ungehindert ihr Kernwaffenprogramm ausbauen und überall ihr Plutonium verhökern, ohne sich dem Vorwurf des Vertragsbruchs oder der Gefahr von Uno-Sanktionen auszusetzen.

Das könnte das ganze Trachten des Kim Il Sung sein: Nordkorea verkauft bereits Raketen und Triebwerke an islamische Staaten, die mit Devisen zahlen. Die Außenhandelsfirma »Lyongaksan Import Corporation« bietet komplette Rüstungsfabriken an, auch die Rodong-1-Rakete, die von Libyen aus Israel und Südeuropa erreichen könnte. Hat das Unternehmen demnächst auch Plutonium im Angebot?

Keine Zweifel: Nordkorea braucht Geld, und ein Krieg kann wenig nützen. Überdies hat der Diktator Kim einen Grund, das Land nicht mit ihm selbst in die Grube zu stürzen: Sohn Kim Jong Il, 52, soll sein Korea erben. Y

[Grafiktext]

_143_ Nordkorea: Nuklearanlagen - Nord-/Südkorea: Militär.

_____ Kräftevergleich / Reichweite d. nordkorean. Rodong-1-Rakete

[GrafiktextEnde]

* An der koreanischen Waffenstillstandslinie 1993.

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