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Atombombe mit deutscher Hilfe?

aus DER SPIEGEL 44/1979

Seit mehr als zwei Jahren richten die

Supermächte USA und Sowjet-Union die Kameras ihrer Aufklärungssatelliten regelmäßig auf ein 10 500 Quadratkilometer großes Stück afrikanischer Wüste. Dort, im Dreiländereck zwischen Südafrika, Namibia und Botswana? in der Nähe des Fleckens Upington, war auf den Satellitenbildern des 6. August 1977 erstmals »eine Hüttenansammlung um einen herausragenden Turm«, daneben »ein solides Gebäude« zu sehen: offenbar eine Testanlage für Atombomben, wie Leonid Breschnew in einer Note an Jimmy Carter vermutete.

Was in der Kalahari-Wüste wirklich geschieht, versuchen seitdem amerikanische CIA-Agenten zu ergründen. Drei US-Diplomaten wurden im Frühjahr von Pretoria des Landes verwiesen, nachdem sie mit einem Charterflugzeug und moderner Elektronik über Upington aufgetaucht waren.

Seit dem 22. September mutmaßen die Amerikaner, wie letzte Woche bekannt wurde, gestützt auf ihre Satellitenphotos, daß es in der Kalahari entweder eine gewaltige Naturkatastrophe gab -- oder eine A-Bombenexplosion von drei Kilotonnen Sprengkraft (rund 15 Prozent der Hiroshima-Bombe).

Die südafrikanischen Dementis klangen wenig überzeugend: »Vielleicht«, so versuchte Außenminister Roelof Botha über das Bilder-Rätsel zu juxen, »war es die Wiedergeburt der Venus.« Technisch ist das Apartheid-Regime am Kap seit etwa zwei Jahren in der Lage, »eine Kernbombe herzustellen«, wie Ministerpräsident Pieter Botha im April verhieß. Das dazu nötige Knowhow erwarben die Südafrikaner, die Uran im Überfluß besitzen, vor allem in der Bundesrepublik -- dank tatkräftiger Hilfe deutscher Firmen und Wissenschaftler.

Der Karlsruher Professor Erwin Becker und die Essener Firma Steag etwa machten ihre südafrikanischen Freunde von der staatlichen Atombehörde mit deutscher Technik für die Anreicherung von Uran vertraut; das Anreicherungsverfahren ist sowohl zur friedlichen Nutzung von Uran nötig wie auch, in höherer Konzentration, zur militärischen Verwendung als Kernbrennstoff.

Seit einigen Monaten -- der genaue Termin ist so geheim wie die gesamte südafrikanische Atomforschung -- ist die Uran-Anreicherungsfabrik Valindaba in Betrieb, obwohl Südafrika angereichertes Uran für friedliche Zwecke überhaupt nicht benötigt: Es gibt noch kein Kernkraftwerk am Kap.

Die Anreicherung erfolgt mit deutschem Gerät -- trotz internationaler Exportbeschränkungen und zum Teil mit Wissen staatlicher Stellen. So lieferte die überwiegend bundeseigene Firma Steigerwald Strahltechnik aus Puchheim eine »Elektronenstrahlperforationsanlage« nach Valindaba. Die Bremer Firma Varian MAT half mit einem Massenspektrometer vom Typ MAT 260; dieses Meßgerät dient laut Firmenprospekt der »Präzisionsbestimmmung an Uran und Plutonium« und wurde am 9. Dezember 1977 durch Genehmigung des Bundesamtes für gewerbliche Wirtschaft zum Export freigegeben.

Ob es auch eine politische Mitverantwortung der Bundesregierung für das Atomgeschäft mit Südafrika gibt, ist seit Jahren umstritten. Mit dem listigzweideutigen Satz »es gibt keine nukleare Zusammenarbeit« mit Pretoria schließt das Bonner Auswärtige Amt nicht aus, daß es eine solche Kooperation in der Vergangenheit gegeben hat. Genau dies behauptet der frühere Entwicklungshilfeminister und jetzige SPD-Landesvorsitzende in Baden-Württemberg, Erhard Eppler. Der Ex-Minister, der sich am 17. Oktober 1973 im Bonner Kabinett heftig gegen einen offiziellen Antrag der Firma Steag auf Zusammenarbeit mit Südafrika ereiferte, meint, auf Staatssekretärsebene sei es sehr wohl -- eine »grobe Täuschung« der Ministerrunde -- zu einem solchen Zusammenspiel gekommen.

Und Eppler nennt Namen: Verantwortung trügen demnach die beiden Staatssekretäre Hans-Hilger Haunschild (Forschungsressort) und Detlev Rohwedder (bis 1978 im Wirtschaftsministerium). Eppler: »Wenn ich Kanzler gewesen wäre und dies bemerkt hätte -- ich hätte die beiden auf der Stelle entlassen.«

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