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ATOMBOMBEN FÜR DEN FEIND?

aus DER SPIEGEL 8/1968

Im Morgengrauen krochen 3000 GIs aus ihren Deckungslöchern, die sie in die Sandwüste von Nevada gebuddelt hatten. Bläulichviolett stieg ein Feuerball -- etwa 300 Meter dick -- senkrecht in große Höhen auf, wo er verlöschte. Die Gis staunten.

Nur zweieinhalb Kilometer vom Nullpunkt entfernt hatten sie die Detonation eines Atomsprengkörpers überlebt, dessen Zerstörungswucht immerhin halb so groß war wie die der Hiroshima-Bombe. Den Versuchssoldaten war nichts passiert. Sie sahen einzelne entwurzelte Yucca-Kakteen und versengtes Steppengras, sonst nichts.

Zwölf Jahre lang, von 1951 bis zum Inkrafttreten des Test-Stopp-Vertrages im Oktober 1963, ließen die US-Streitkräfte Bataillone und Brigaden an den Versuchsdetonationen in Nevada teilnehmen. Im gefahrlosen Sicherheitsabstand sollten sie sich an den Atomkrieg gewöhnen und ihre Überlebenschance am eigenen Leibe erfahren.

In diesen Tagen bangt Amerika um das Überleben von 5000 Marine-Infanteristen. Vier nordvietnamesische Divisionen haben sie im Dschungelkessel von Khe Sanh eingeschlossen. Die Atomspezialisten im Pentagon erwägen, den tödlichen Ring mit nuklearen Waffen zu sprengen. Doch in nichts gleicht die Lage in Khe Sanh den Übungsbedingungen der Nevada-Wüste.

Der Dschungel ist dicht, Aufklärung fast unmöglich. Die Nordvietnamesen sind überall und nirgends. Die Feuerstellungen ihrer Mörser wechseln ständig. Truppenansammlungen und Feuerstellungen der Artillerie -- »lohnende« Atomziele -- würden im Augenblick der Detonation nicht mehr dort sein, wo man sie zuvor festgestellt hatte.

Deshalb würden die Amerikaner »auf Verdacht« schießen müssen, und zwar dorthin, wo der Feinddruck am stärksten ist. Nicht etwa ein Megatonnen-Sprengkörper käme dafür in Frage, sondern allenfalls eine Anzahl kleiner Bomben oder Geschosse in der Größenordnung von zwei bis zehn Kilotonnen.

Die eingeschlossenen Mannes haben jedoch keine schwere Artillerie, mit der sie Atomgranaten dieser Größe verschießen könnten; außerdem müßte die Munition erst eingeflogen werden -- über eine Landebahn, die unter Beschuß liegt. US-Artillerie außerhalb des Kessels ist zu weit entfernt. Die Bomben müßten also durch Flugzeuge abgeworfen werden.

Die Nordvietnamesen aber sind gut eingegraben; ihre schweren Waffen und ihre Artillerie schießen zum Teil aus sicheren Felskavernen. Gegen Druckwirkung, Verbrennung und radioaktiven Niederschlag sind wahrscheinlich auch die Bedienungs-Mannschaften weitgehend geschützt. Verwüstung und Verstrahlung des feindlichen Geländes spielen keine Rolle.

Dagegen könnte der Wind radioaktive Niederschläge, den »fallout«. auf die amerikanischen Stellungen zutreiben. Er könnte die Straße nach Dong Ha (70 Kilometer ostwärts von Khe Sanh) verstrahlen, die zwar gegenwärtig vom Vietcong kontrolliert wird. auf der aber doch wieder der Nachschub nach Khe Sanh rollen soll.

Die Mannes müßten, da ihnen die Einsatz-Zeit bekannt wäre, alle Maßnahmen zu ihrem eigenen Schutz treffen -- wie in Nevada erprobt. Sie müßten im Augenblick der Detonation in Deckung sein und das Gesicht dem vorgesehenen Nullpunkt der Explosion abwenden.

Wo sich Freund und Feind auf kurze Entfernung gegenüberliegen, müßte die amerikanische Truppe bei Einsatz einer Zwei-Kilotonnen-Bombe auf 2200 Meter, bei einer Zehn-Kilotonnen-Bombe auf 2600 Meter vom Nullpunkt zurückgenommen werden.

Alle diese Überlegungen würde der amerikanische Oberbefehlshaben wahrscheinlich in der »Wirkungsforderung« zusammenfassen: Sechs Atomsprengkörper, nicht größer als zehn Kilotonnen, auf die eingegrabenen Angriffsverbände der 325., der Nordvietnamesischen Reserve-Division und der 304. Division abzuwerfen, am besten kurz vor Morgengrauen, wenn der Feind seine Deckung noch nicht wieder aufgesucht hat und eigene Aufklärer die Wirkung wenig später feststellen können.

Diese Wirkung aber dürfte erstaunlich gering sein. Selbst Zehn-Kilotonnen-Bomben könnten die Nordvietnamesen nur in einem Umkreis von je 550 Metern sofort kampfunfähig machen, eine Bombe von zwei Kilotonnen nur im Umkreis von 400 Meter. Die Wirkung für Amerikas moralisches Ansehen aber wäre verheerend.

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