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Attentat im Teehaus

Unruhe unter den wilden Gotteskriegern in Afghanistan: Die Taliban müssen einen Großangriff Washingtons, die Feinde im Norden und womöglich die arabischen Kämpfer im eigenen Land fürchten.
Von Joachim Hoelzgen
aus DER SPIEGEL 38/2001

Eine Art Glocke lag am letzten Mittwoch über Kabul: Staub, der alles verschleiert, alles unter sich begräbt - Dächer, die Tomaten der Grünhöker, Steine und selbst die schwarzen Turbane der Taliban.

Äußerlich wirkte die Stadt ruhig, obwohl es in der Nacht vom Flughafen her schwere Erschütterungen gab, weil dort ein Munitionslager in die Luft geflogen war. Zwei Kampfhubschrauber der Nordallianz des Generals Ahmed Schah Massud hatten die Dunkelheit geschickt genutzt und das Ziel mit Raketen angegriffen.

Doch die Bewohner Kabuls sind durch viele Leiden gegangen. Zuletzt, am 19. August, dem Unabhängigkeitstag Afghanistans, waren nach der großen Militärparade Raketen am Flughafen eingeschlagen. Taliban-Artillerie belegt seitdem fast täglich den Feind mit Granaten.

In der lang gedehnten Stadt schien alles wie immer. Vor der Zentralpost regelten Polizisten den Verkehr. Händler schoben Holzwagen mit gelben Wassermelonen. Doch es fiel auf, dass mehr Geschäfte als sonst geschlossen, die Läden verriegelt waren. Radio Scharia hat von dem Terror in den fernen USA berichtet. Man weiß hier, nach 23 Kriegsjahren, das Terrain des Todes richtig einzuschätzen.

Die Taliban bekundeten, in die Apokalypse New Yorks und Washingtons keinesfalls verstrickt zu sein. Außenminister Wakil Ahmed Muttawakil gab vor, auch nicht mit einer Vergeltung durch die USA zu rechnen: »Wir treffen deshalb keine besonderen Vorkehrungen.«

Abd al-Salim Saif, der Taliban-Botschafter in Islamabad, verurteilte unterdessen das Zerstörungswerk in Amerika. Die Vorgänge müssten gründlich untersucht, »die Kriminellen vor Gericht gestellt« werden.

Saif ist das Sprachrohr der Taliban zum Westen. Im Versammlungsraum der Botschaft sitzt er stolz neben der neuen Flagge des so genannten Islamischen Emirats Afghanistan. Sie ist weiß und enthält in Schwarz das Zackenspektakel arabischer Schrift. »Es gibt nur einen Gott, und Mohammed ist sein Prophet«, lautet die Inschrift.

Der Mullah ist ein Hardliner, aber ein geschmeidiger. Das bewies er, indem er erstmals öffentlich auf ein sonst sakrosanktes Thema einging: die Auslieferung des gesuchten Osama Bin Ladens. So groß ist der Druck, der auf dem Regime der Ultrareligiösen in Kandahar und Kabul lastet, dass Saif eine Preisgabe des Residenten nicht ausschloss. Der Botschafter: »Wenn uns ein Beweis gezeigt wird, werden wir das erwägen.«

In Kandahar, der eigentlichen Hauptstadt der Taliban, waren dagegen andere Töne zu vernehmen. Ein Angriff auf Afghanistan würde keinen Erfolg haben und nur Hass säen, hieß es von dort. In den Kasernen der Taliban rüste man schon für die Kriegssituation, wurde aus Quetta im pakistanischen Belutschistan gemeldet.

Ebenso akut wie mögliche Salven amerikanischer Cruise Missiles und ein möglicher Hagel von amerikanischen Bomben auf Städte, die zum größten Teil bereits zerstört sind, war für die Taliban eine interne Machtfrage: Fällt das Land am wilden Hindukusch, fast doppelt so groß wie Deutschland, an die Gegner zurück, die von den Taliban 1996 aus Kabul vertrieben wurden?

In diesem Fall wäre der Versuch, den puren Gottesstaat zu begründen, gescheitert - und mit ihm die Macht der Taliban, die sich doch gerade erst mit schrecklichen Strafen und mit dem Allah gefälligen Labyrinth von Vorschriften und Verboten fest eingerichtet hatten.

Erst jüngst sind die Einfuhr von Nagellack, Perücken und Spielkarten untersagt worden. Und nur noch ein einziger Computer im Land soll einen Internet-Zugang besitzen dürfen, »bedient von unserer verlässlichen Person«, stand in dem Erlass.

Ernsthaft Gefahr droht von den Truppen des Generals Massud. Der Anführer der Nordallianz hat es verstanden, bereits im Frühjahr 20 000 neue Kämpfer mobil zu machen. Russland hat fünf Großhubschrauber vom Typ Mi-17 geliefert, und aus Masar-i-Scharif, bei dessen Eroberung 1998 die Taliban Tausende von Soldaten verloren, ist ein wichtiger Kommandeur übergelaufen: Amir Jan Kalachayi, der damals schon einmal die Seiten wechselte - und zwar von Massud zu den Taliban.

Radio Scharia, das frühere Radio Kabul, meldete ohne Verzögerung die Nachricht vom Anschlag auf Erzfeind Massud, der sich vorigen Sonntag ereignete. Zwei Araber, einer aus dem Irak, der andere angeblich aus Algerien, waren in einem sicheren Bergdorf der Provinz Takhar bei dem General erschienen. Sie gaben sich als Fernsehjournalisten aus - jagten dann aber das Teehaus in die Luft, in dem das Interview stattfinden sollte. Der Sprengsatz befand sich entweder in der Kamera oder am Leib eines Attentäters - das war nicht mehr genau feststellbar. Ein Angreifer überlebte, wurde dann aber von Massuds Leibwächtern erschossen.

Der General - »Shir-i-Panjshir« ("Löwe vom Pandschirtal") genannt - wurde bei

dem Anschlag schwer verletzt und angeblich nach Duschanbe geflogen, der Hauptstadt des benachbarten Tadschikistan. Vielleicht sei er auch tot, ging das Gerücht.

Der Helikopter-Angriff auf den Flughafen von Kabul war aber mehr als nur ein landestypischer Vergeltungsakt. Die Taliban befürchten, dass die Kämpfe mit Druck durch den Norden weitergehen - selbst Terroranschläge werden jetzt im Land des Terrors befürchtet.

Den Taliban machen womöglich auch die arabischen Freunde zu schaffen, wenn eine Auslieferung Bin Ladens tatsächlich ins Kalkül gezogen werden sollte. Araber stellen mutmaßlich 12 000 Kämpfer in der Taliban-Armee. Einige von ihnen könnten am Flugsimulator der Royal Jordanian Airline in Amman das Fliegen eines Jets geübt haben, der sonst von Piloten der afghanischen Fluggesellschaft Ariana benutzt wird. Wenn sich der Verdacht erhärtet, würden sich die Taliban im Erklärungsnotstand befinden.

Der Schatten Osama Bin Ladens fällt bis zu jenem Bett, auf dem Mullah Omar seine Besucher und Ratgeber empfängt, der »Befehlshaber der Gläubigen«, das kriegsversehrte Oberhaupt der Taliban.

Der Mullah hat den »Internationalisten«, wie sich die Afghanistan-Araber nennen, viele Gefallen erwiesen, um die »Chilafa«, die ultimative Scharia-Regierung, durchzusetzen. Zuletzt hat er den Bau von 2500 Koranschulen in dem verarmten Land gefordert. »Nur die reichen Araber können das finanzieren«, meint Professor Rasul Amin, Direktor des Afghan Study Centre im pakistanischen Peschawar. »Sie wollen Afghanistans kulturelle und politische Vergangenheit durch das arabische Modell ersetzen.«

Kabul gab sich bis Donnerstag gelassen, obschon sich gefährliche Alarmzeichen rasch in der Bevölkerung herumgesprochen hatten. Die Evakuierung des Uno-Personals ist vor dem Winter eine Katastrophe - wer soll noch wärmende Decken und Mehl liefern, wenn nicht die Hilfswerke der Vereinten Nationen?

Auch alle deutschen Helfer haben Afghanistan verlassen, darunter drei Ordensbrüder, die seit 30 Jahren Kranke pflegten.

Zurück blieben die acht ausländischen Gefangenen von Shelter Now. Sie sind nunmehr ohne Beistand, weil auch die Diplomaten Deutschlands, Australiens und der USA Kabul verließen. Damit sind die angeblichen Missionierer Geiseln der Taliban. JOACHIM HOELZGEN

* Mit der Deutschen Margrit Stebner (M.).

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