Zur Ausgabe
Artikel 18 / 69

KRIMINALITÄT Attraktive Ecken

Hochhäuser ziehen Verbrecher an. Ein Musterbeispiel dieses neuzeitlichen Polizei-Lehrsatzes machten Kriminale in einem hannoverschen Neubauviertel aus.
aus DER SPIEGEL 36/1977

Um den Vahrenwalder Platz herum ist Hannover ganz schön alt. Da gibt es noch einen richtigen Bäcker, sogar einen Kohlenhändler, Kneipen, in denen alles mal durchgesprochen wird, an jeder dritten Ecke, und fast alle Läden gehören Tante Emma.

Auf der Stadtkarte des Vermessungsamtes liegt das Viertel im Planquadrat N 8 A, mißt 250 000 Quadratmeter und beherbergt ungefähr 5500 Hannoveraner. Zwar ist es nicht wie auf dem Dorf, wo jeder jeden kennt, aber »viele kennen viele«, sagt Friedrich Hellweg, der da als Kinderarzt praktiziert. Und wer will, kann den anderen durch die Gardine in die gute Stube sehen.

An anderer Stelle der Stadt, im Ihme-Zentrum, wo auf etwa 100 000 Quadratmeter etwa 1 500 Leute zu Hause sind, geht das nicht. Wo hoch oben in den Betonsilos der neuzeitlichen Wohnmaschine die guten Stuben sein mögen, bleibt Mitbewohnern wie Passanten verborgen.

Was heißt Passanten? Sobald die Geschäfte geschlossen haben, ist es im Ihme-Zentrum leer, als wäre Bombenalarm. In der »Zapfsäule« wie im »Bierzapfen«, den einzigen Treffpunkten dort, sitzen dann, so am Dienstag voriger Woche, nur jeweils drei Leute, von denen einer auch noch der Wirt ist.

Und die Tiefgaragen mit ihren 2 000 Einstellplätzen sind, wenn die Kunden des Supermarkts oben durch die Schranken sind, so öde, als gehörten sie bereits zur Kanalisation. »Wenn ich da wohnen würde«, sagt Egon Westphal, »ich würde nie meinen Wagen in die Tiefgarage stellen.«

Westphal, Hauptkommissar beim Landeskriminalamt Niedersachsen in Hannover, weiß warum: Binnen fünfzehn Monaten wurden im Ihme-Zentrum (Werbe-Slogan: »Hier können Sie mehr als nur einkaufen") fünfzig Kraftfahrzeuge gestohlen und 104 aufgebrochen. Daß auch sonst »die Sicherheit nicht in den Griff zu bekommen ist«, liegt für Hannovers Polizeipräsidenten Heinrich Boge freilich »nicht an uns, sondern an den Architekten, die das verbrochen haben«.

Da die Polizei Tag und Nacht durch das Ihme-Zentrum streift, sogar mit zivilen wie uniformierten Sonderkommandos unterwegs ist und mithin, so Boge, »weit überrepräsentiert und in einem Maße engagiert, wie wir es in anderen Schutzbereichen dieser Stadt überhaupt nicht vertreten können«, stellt sich in der Tat die Frage, »ob Kriminalität geboren wird durch solche Siedlungsformen«, wie Boge formuliert.

Daß gewisse städtische Distrikte überdurchschnittlich viele Straftäter produzieren, ist eine schon ältere Erkenntnis kriminalgeographischer Forschung; sie basiert auf Auswertungen der früher so genannten Moralstatistik, nach denen Kriminalität durch Armut, mangelnde Bildung und große Bevölkerungsdichte verursacht wird. Daß Stadtviertel jedoch, unabhängig von Soziologie, nicht Täter, sondern Taten hervorbringen können, daß manche Ecken eine »kriminalitätsauslösende Attraktivität« besitzen, wie eine Studiengruppe der Universität Bochum fand, ist ein neueres Phänomen.

Hinweise auf Zusammenhänge zwischen Strukturen von Wohngebieten und deren Kriminalitätsraten fand beispielsweise Horst Herold, heute Chef des Bundeskriminalamts, als er noch Polizeipräsident in Nürnberg war. Nach einer lokalen Untersuchung formulierte er die These, daß »eine Vorausberechnung künftiger starker Kriminalitätsdichten möglich« sei, da Kriminalität mit bestimmten City-Funktionen zusammen auftrete.

Kriminologische Studien in den Vereinigten Staaten machten diese typische Attraktivität für Straftäter auch an der Architektur fest. Danach ziehen anonyme Wohntürme, deren Bewohner Nachbarn nicht mehr von Fremden unterscheiden können, Verbrecher geradezu an: »Je höher das Haus«, formulierte Professor Oscar Newman von der New Yorker Universität die kriminalistische Faustregel, »desto höher die Verbrechensrate.«

In einer dreijährigen Untersuchung in mehreren US-Großstädten fand Newman heraus, daß die Kriminalitätsrate in Wohntürmen mehr als doppelt so hoch ist wie in flacheren Anlagen: In Gebäuden mit mehr als 13 Stockwerken ereigneten sich 68 Straftaten pro 1000 Familien, in Häusern bis zu drei Geschossen nur 30.

Eine »Welt voller Angst und Verbrechen« entdeckte Newman besonders im Niemandsland im Innern der Wohnmaschinen. In sogenannten »öffentlichen Räumen« fanden sich die höchsten Kriminalitäts-Konzentrationen. Aufzüge und Hallen, Garagen, Treppen und Flure wurden in Hochhäusern siebenmal so oft zu Tatorten wie in dreistöckigen Gebäuden.

So treibt es denn auch in Hannover die Täter en masse ins Labyrinth des Ihme-Zentrums, das laut Lokalzeitung »wie abgenabelt von der Außenwelt« wirkt, während der »Tätereinstrom« (Kripo-Jargon) in ein so intaktes Wohngebiet wie am Vahrenwalder Platz nur minimal ist.

Die Polizei zählte in den Jahren 1975 und 1976 insgesamt 450 Fälle von Straßenkriminalität im Ihme-Zentrum, nur 95 Fälle dagegen in Vahrenwald, und kam zu dem Ergebnis, das Ihme-Zentrum habe -- Fläche und Einwohnerzahl in die Rechnung einbezogen -- »eine fast zehnfach höhere Kriminalitätsbelastung auszuweisen

Der eklatant höhere Gefährdungsgrad hat nach Ansicht von Polizeipräsident Boge seine Ursache nicht nur, aber auch in der Bauweise der seelenlosen Wohnapparatur: Die zahllosen toten Winkel und dunklen Ecken des Ihme-Zentrums geben Kriminellen, in erster Linie Gelegenheitstätern, eine derart große Chance, »daß man«, so Boge, »fast von Verfolgungsimmunität sprechen kann« -- anders »als in gewachsenen Strukturen, die nicht so konstruiert in die Landschaft gesetzt wurden«.

Nicht daß ein Hochhaus so hoch ist und so viele Menschen beherbergt, ist Boges Kummer; vielmehr beklagt er die Anonymität, zu der Bewohner und Benutzer auch anderer städtischer Neubauten verurteilt sind, die alle möglichen, nur keine menschlichen Funktionen haben. Schon Kleinigkeiten können da wichtig werden: Sind »gerade, offene Linien« vorhanden und kann einer von der Flurtür ungehindert bis zum Fahrstuhl sehen, dann ist nicht nur das Sicherheitsgefühl stärker, sondern auch »die Belastung kriminalitätsmäßig nicht so hoch«. Boge: »Geht das aber um drei oder vier Ecken, sieht das schon ganz anders aus, auch in der Zahl der Straftaten.«

Daß der Polizei, wie Präsident Boge klagt, mit derlei Neubauten »Kuckuckseier« ins Nest gelegt werden, muß nicht sein, hätte in Hannover auch vermieden werden können, wenn Planer und Architekten des Ihme-Ungetüms außer Gigantischem auch Praktisches im Sinn gehabt hätten. So aber lieferten sie laut Boge »ein klassisches Beispiel, wie man ein Großprojekt anlegt, ohne auf Sicherheitsfragen auch nur ein Quentchen Rücksicht zu nehmen«.

Da sind, wie Hauptkommissar Westphal gefunden hat, die simpelsten präventiven Maßnahmen zur Verbrechensbekämpfung außer acht gelassen worden. Daß zum Beispiel »im Diebstahlsbereich« nahezu die Hälfte aller Gelegenheitstäter sich durch die Tür Einlaß in fremde Wohnungen zu verschaffen pflegt, ist den Konstrukteuren des Ihme-Zentrums offenbar unbekannt oder gleichgültig gewesen. »Die Türen da«, hat Westphal ermittelt, »kann man mit dem Daumen aufdrücken.«

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 18 / 69
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.