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Prozesse Auch richtig

Zehn Jahre Freiheitsentzug erhielt in Hamburg der Petra-Schelm-Begleiter Werner Hoppe -- in einem Urteil, das auf Widersprüche baut.
aus DER SPIEGEL 32/1972

Die Richter, so argwöhnten die Verteidiger, als der Prozeß noch lief. scheinen, die Möglichkeit auszuschließen, daß auch Polizeibeamte die Unwahrheit sagen können.

Als der Prozeß zu Ende war, hatten sie recht behalten: Gestützt auf das Zeugnis von Polizisten, im Widerspruch zu Indizien und Expertisen, verurteilte letzte Woche das Hamburger Schwurgericht den Angeklagten Werner Hoppe. 23. zu zehn Jahren Freiheitsstrafe wegen Totschlagversuchs in drei Fällen.

Neun Tage waren vorgesehen für den Prozeß gegen den Begleiter des am 15. Juli 1971 von einem Polizisten erschossenen Baader. Meinhof-Mädchens Petra Schelm; 32 Tage lang siechte das Verfahren dahin, zwischen Bombendrohung und Klamauk im Gerichtssaal. zwischen Provokationen aus dem Publikum (Terror-Justiz") und Springerschen Vorurteilen ("Bild": »Terrorist").

Sollte dieser Prozeß als Lehrstück künftiger Tribunale gegen Linksextremisten zu deuten sein, steht in deutschen Justizpalästen Exzessives bevor. Denn gemessen an der zwielichtigen Beweislage. nimmt sich der von Landgerichtsdirektor Herbert Schmidt, 51. verkündete Spruch absurd aus.

Nach dem Feuergefecht. das Hoppe bei der BM-Fahndung der Polizei geliefert haben soll. zählte der Schußwaffen-Sachverständige einen, maximal zwei

* Heinrich Hannover, Wolf Dieter Rheinhard

Abschüsse aus der »Parabellum«-Pistole des Angeklagten. Die Staatsanwaltschaft rückte denn auch bald ihre Anklage -- Mordversuch in vier Fällen zurecht und plädierte nur noch wegen eines einzigen Totschlagsversuchs auf sechs Jahre Freiheitsentzug --

Doch das Gericht nahm Hoppe bei dem Zitat: »Schade, von euch Schweinen hätte ich gern ein paar umgelegt« -- ein Ausspruch freilich, den Polizisten gehört haben wollen. Und der Vorsitzende spekulierte leichthin: Werner Hoppe müsse dann eben aus einem zusätzlichen Magazin gefeuert und dies auf der flucht ausgewechselt haben. Jedoch: Trotz Suche mit einer Magnetsonde wurde ein solches Magazin nie gefunden.

Auch andere Lücken zwischen sachlichem Befund Lind staatsanwaltlichem Vorwurf überbrückte das Gericht schlankweg mit dem Hinweis auf die »Glaubwürdigkeit« (Schmidt) von Polizeibeamten. So verschlug es nicht weiter im Urteil, daß

* Belastungszeugen ins Mündungsfeuer der »Parabellum« geblickt haben wollen, obwohl nach Auskunft eines Sachverständigen solcher Lichtblitz bei Tage nicht sichtbar ist: Beamte ihre Protokolle. die den Angeklagten belasteten, von Vorgesetzten präzisieren ließen;

* ein Beamter Hoppe nicht zielen gesehen, sondern -- weil in voller Deckung -- nur schießen gehört haben konnte.

Der Zeuge aus der Deckung dementierte vor Gericht zunächst ein früheres Protokoll ("Falsche Aufnahme meiner Aussage"). das Hoppe entlastete. und belastete dann den Angeklagten mit der Behauptung: Er habe »konkret auf uns geschossen. Wie abstrakt aber die Wahrnehmungen dieses Beamten gewesen sein müssen, erhellt ein Dialog im Gerichtssaal:

Hoppe-Anwalt Hannover: Ist denn der Teil Ihrer Aussage richtig aufgenommen worden, der sich so liest, daß die Schüsse erst gefallen sind, nachdem Sie hinter den Sitzen des VWs in Deckung gegangen waren und daß Sie zu diesem Zeitpunkt die Schüsse gehört haben? Zeuge: Daß wir hinter den Sitzen in Deckung gegangen sind daß wir die Schüsse gehört haben, das ist richtig verstanden worden.

Hannover: Und daß Sie diese Schüsse Bruchteile von Sekunden, nachdem Sie in Deckung gegangen waren, gehört haben ist auch richtig?

Zeuge: Auch das ist richtig.

Hannover: Ist es auch richtig daß Sie zu diesem Zeitpunkt Schüsse weder gehört noch gesehen haben? Zeuge: Das ist auch richtig. --

Auf den Polizei-VW, so viel war sicher, hatte nicht nur die später getötete Petra Schelm geschossen -- hier fand sich auch die einzige leere Hülse aus Hoppes Waffe. Doch obwohl sich Richter Schmidt mühte, an dieser Schlüsselstelle den verstörten Zeugen aus Widersprüchen zu befreien -- Moment. Moment. was heißt hier volle Deckung.?« -- bleibt zweifelhaft, ob Werner Hoppe gezielt, also mit Tötungsvorsatz, abgedrückt hat.

Zweifel buchte das Schwurgericht auch sonst eher gegen den Angeklagten Als Tatsache wurde etwa die Aussage von zwei Beamten hingenommen. die sich »aus 20 bis 30 Metern« beschossen wähnten wobei ein tieffliegender Hubschrauber die Szene überdröhnte. Tageslicht das Mündungsfeuer tilgte. und hinterher weder Einschuß noch leere Hülse gefunden wurden.

Das Urteil. das auf derlei Dubiosem baut. erschien den Richtern nicht einmal hart. Die Jugend des Täters. betonten sie, sei beim Strafmaß berücksichtigt »mildernd«. Und überhaupt: Damit sich Werner Hoppe im Sanatorium vom Rauschgift kurieren konnte, »sind aus öffentlichen Mitteln mehr als 14 000 Mark für ihn aufgewendet worden.

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