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DDR Auch schon Verräter

Mit Geld und Gütern hält sich die DDR-Entwicklungshilfe zurück. Statt dessen baut Ost-Berlin in der Dritten Welt auf FDJ-Brigaden, deren Existenz im Westen kaum bekannt ist.
aus DER SPIEGEL 32/1972

Seine »Feder«, so gelobte Samir Massourd, Redakteur der syrischen Zeitschrift »Al Talia«, wolle er künftig nur noch »als scharfe Waffe im Kampf gegen imperialistische Ausbeutung und Aggression nutzen«. Dieses Kriegshandwerk hatte Massourd vom »Verband der Deutschen Journalisten« (VDJ) der DDR gelernt -- bei einem kostenlosen Fortbildungskurs an der Ost-Berliner VDJ-»Schule der Solidarität«.

Sein Land habe sich nur langsam »neuen Ideen geöffnet« und erst dann bemerkt. »wo unsere Freunde stehen«. bekannte -- gegenüber der DDR-Wehr-Zeitschrift »Armee-Rundschau« -Richard Adewale. Staff Sergeant der nigerianischen Streitkräfte. Der schwarze Oberfeldwebel selber, im Zivilberuf Sekretär der Automechaniker-Gewerkschaft in Lagos, war seinen wahren Freunden schon früher begegnet -- zunächst als Stipendiat der DDR-Gewerkschaftshochschule »Fritz Heckert«.

Der syrische Journalist und der nigerianische Soldat sind Symbolfiguren für den Erfolg unauffälliger DDR-Entwicklungshilfe in Ländern der Dritten Welt, und sie stehen für ein System, das sich vom Gießkannen-Prinzip kapitalistischer Geldgeber wesentlich unterscheidet.

Denn neben direktem Kapital-Beistand ist Ost-Berlin vor allem daran gelegen, durch Ausbildung von Fachkräften einheimische Werber für die diplomatische Aufwertung und die sozialistische Wirtschaftsweise der deutschen Ost-Republik zu gewinnen. Und anders als für die Polen, die Tschechen und die Sowjets, die durch Hilfsmaßnahmen die Einflußsphäre des Ostblocks zu erweitern trachten, ist Entwicklungspolitik für die SED in erster Linie Anerkennungspolitik.

So darf, wer sich bei Uno-Abstimmungen über DDR-Aufnahmeanträge nicht wenigstens »positiv neutral« (DDR-Formel) verhält, kaum auf wirtschaftliche Unterstützung aus Ost-Berlin hoffen. »Für die Hilfezusagen der DDR«, so ermittelte der Politologe Henrik Bischof vom Bad Godesberger Forschungsinstitut der Friedrich-Ebert-Stiftung, seien »primär nicht die Bedürfnisse« eines Entwicklungslandes ausschlaggebend, »sondern seine politische Haltung gegenüber der DDR«. in den Genuß konzentrierter Förderung kommen deswegen auch nur folgsame Staaten, in denen bereits ein DDR-Botschafter residiert. Seit 1969 beispielsweise wurden Kambodscha, der Irak, der Sudan und Algerien für kreditwürdig befunden -- sämtlich Länder. die zuvor die westdeutsche Alleinvertretung aufgekündigt hatten.

Insgesamt freilich halten sich die von der DDR gewährten langfristigen Auf bau-Kredite (Zinssatz: 2,5 Prozent; Laufzeit: 8 bis 12 Jahre) in den bescheidenen Grenzen von bislang 2,5 bis 2,9 Milliarden Mark, während aus dem Bonner Staat Entwicklungsländern -- auch oft genug, um sie bei der Hallstein-Doktrin zu halten -- von 1950 bis 1970 allein an langfristigen öffentlichen Krediten 12.6 Milliarden Mark zuflossen.

Größeres Gewicht als Geldleistungen haben für die SED ohnehin die menschlich-politischen Kontakte zwischen linientreuen DDR-Bürgern und jungen Kadern der nationalen Befreiungsbewegungen. Verbindungen dieser Art werden meist über Ausbildungsstipendien geknüpft -- etwa für die ost deutschen Universitäten oder für Bildungseinrichtungen wie die

* FDGB-Hochschule »Fritz Heckert« -- an deren 18monatigen Ausländer-Lehrgängen jährlich etwa 100 Gewerkschaftler aus der Dritten Weh teilnehmen:

* FDJ-Jugendhochschule »Wilhelm Pieck«, deren Seminare von Hunderten ausländischer Studenten und Jugendleiter besucht wurden; > Fachschule für Staatswissenschaft »Edwin Hoernle« des Deutschen Städte- und Gemeindetages in Weimar, an der zahlreiche afrikanische Kommunalpolitiker in vierwöchigen Kursen ausgebildet werden:

* Oben: DDR-Delegation unter Staatsrats-Vize Hans Rietz (vorn l.) im Oktober 1971; unten École technique in Tadmait (Algerien)

* Internationale Genossenschaftsschule des Verbandes Deutscher Konsumgenossenschaften (VDK) in Dresden. an der bislang Funktionare aus über 30 Entwicklungsländern studierten.

Doch auch an der anti-kolonialistischen Front selbst, vor allem in den jungen Staaten Afrikas. sind DDR-Menschen aktiv: Techniker wie Rein hold Meyer aus Halle bauen in der Volksrepublik Jemen eine Straße von Aden nach Mukalla. Publizisten wie Dr. Werner Ullrich bilden in Guinea journalistischen Nachwuchs aus, und Ingenieure des Magdeburger Armaturen-Werks »Karl Marx« arbeiten im algerischen Médéa. wo ein Industrie-Komplex für 120 Millionen Dinar errichtet wird.

Die Lieblingskinder der ZK -Abteilung »Internationale Verbindungen«. die alle außenpolitischen Aktivitäten der DDR koordiniert, sind jedoch die »Botschafter im Blauhemd« -- rund 300 Mitglieder der sechs FDJ-»Brigaden der Freundschaft«. Offizielle Aufgal e er in Tansania, Mali und Algerien eingesetzten Jung-Brigadiere: Unterweisung der einheimischen Jugendlichen in handwerklichen Lehrberufen.

So werden etwa an der École technique Tadmait, im algerischen Departement Tizi-Ouzou. Tischler und Schlosser unterrichtet; die andere algerische Brigade -- in Bouira in der Kabylei -- bildet Maurer und Landwirte aus. Da bei ist die DDR sorgsam darauf bedacht, ihre FDJler dem Gastland als Freiwillige zu präsentieren, die für 150 Dinar (etwa 107 Mark) monatlich mit den Einheimischen Seite an Seite schaffen -- ohne Privilegien und ohne materiellen Anreiz.

Tatsächlich jedoch erhält jedes Brigade-Mitglied, zusätzlich zu dem vom algerischen Arbeitsministerium bezahlten Taschengeld, noch einmal 420 Dinar von der DDR-Botschaft zugesteckt. Und: Das Gehalt im DDR-Betrieb daheim läuft weiter -- auf ein Sperrkonto. Durch diese doppelte finanzielle Absicherung erst wird der Auslandsjob für die meisten Jungbürger interessant, zumal in der Fremde ersparte Gelder als Devisen gewertet werden und so etwa für ein Ehepaar nach drei Jahren Brigade-Dienst der Gegenwert eines »Wartburg«-Pkw herausspringt.

Allerdings ist es verpönt, bei der Bewerbung für die Brigaden aufs Geld zu sehen, denn auf den vom FDJ-Zentral rat eingerichteten zweitägigen Auswahl-Lehrgängen in Ost-Berlin zählen nur politische Motive. Auch die fachliche Qualifikation der Aspiranten wird bei diesen Tests nicht geprüft -- sie ist durch Zeugnisse und durch eine Beurteilung des delegierenden Betriebes zu belegen. Außerdem müssen sich Betriebs-Parteiorganisation und die FDJ-Leitung für eine Freistellung ausgesprochen haben.

Zuallererst interessiert die Prüfer. woher die Kandidaten, deren Durchschnittsalter bei 35 Jahren liegt und die in der Regel SED-Mitglieder sind, erfahren haben, daß es diese Brigade überhaupt gibt. Denn in den DDR-Publikationen, auch in der FDJ-Tageszeitung »Junge Welt«. wird deren Existenz meist verschwiegen -- wohl, weil allzu viele darin eine Chance sehen könnten, auf Parteikosten einen Trip ins zwar nicht kapitalistische, doch immerhin blockfreie Ausland zu machen.

In einer Klausur wird schließlich das politische Wissen und die ideologische Sattelfestigkeit der Brigade-Anwärter überprüft: 80 Fragen -- etwa nach Namen von Mitgliedern des SED-Politbüros, afrikanischen Politikern oder dem Aufbau von SED und DDR -- sind schriftlich zu beantworten. Erst danach stellt Chef-Brigadier Wolfgang Böhme die Eignung jedes einzelnen im persönlichen Gespräch fest -- unterstützt von den Diplom-Gesellschaftswissenschaftlern Hermann Hackl und Werner Alfeld.

Wer im Ost-Berliner FDJ -Gästehaus nicht ausgesiebt wird, hat Aussicht. zu dem siebenmonatigen Kursus gebeten zu werden, der einmal jährlich in der Außenstelle Bärenklau der Jugendhochschule »Wilhelm Pieck stattfindet. In diesem nördlich Berlins gelegenen Schulungszentrum. einer ehemaligen Heeresfliegerschule im Wald bei Oranienburg. werden sonst nur hauptamtliche FDJ-Sekretäre auf Lehrgänge an der Moskauer Komsomol-Schule vorbereitet -- die »Profis«, wie sie von den Brigadeanwärtern spöttisch genannt werden.

Von den zu Beginn rund 70 Kursusteilnehmern fallen meist 40 Prozent

* Studenten aus Kamerun au der Universität Leipzig

durch nicht selten wegen privater Bemerkungen, die bei den Dozenten Zweifel an Prinzipienfestigkeit und Parteilichkeit aufkommen lassen. Wer »geext« wird (Brigadenjargon) erfährt freilich nie etwas über die wirklichen Gründe. »Man wird ins Büro gerufen«. erinnert sich einer, der dabei war. »kriegt seine Unterlagen und kann gehen.«

Mitunter allerdings werden die Auserwählten auch ins »Traditions-Zimmer« gerufen, in dem zahlreiche Geschenke aus den Einsatzländern der Brigaden -~- Exotisches wie Speere. Fahnen und Buschtrommeln -- aufbewahrt sind. In dieser weihevollen Umgebung befinden die Schulungsleiter etwa noch Parteilose für würdig, der SED beizutreten, hier verteilen Direktor Erhard Schacht und sein Stellvertreter Manfred Suder Belobigungen oder Rügen.

Während der sieben Monate werden die Brigadiere in spe ständig auf Trab gehalten. Das zur Hälfte mit Sprachtraining (Englisch und Französisch) und im übrigen mit dem Studium der Gesellschaftswissenschaften ausgefüllte Programm läßt ihnen kaum freie Zeit. zumal der Leistungsstand jedes Bewerbers ständig an einem öffentlich ausgehängten Zensuren-Diagramm ablesbar ist. Außerdem sind die Zimmer-Genossen für die Vier-Bett-Räume sorgsam ausgewählt; wenigstens einer war schon einmal als Partei-Sekretär tätig und achtet darauf, daß die Mittagspause regelmäßig zum Studium des »Neuen Deutschland« genutzt wird.

Wer den Lehrgang bis gegen Ende durchgestanden hat, darf unter drei Themen für die schriftliche Abschlußklausur wählen -- etwa: »Erläutere die antifaschistisch-demokratische Umwälzung nach dem Krieg in den deutschen Besatzungszonen« oder »Beschreibe die Auseinandersetzung der DDR mit dem staatsmonopolistischen Kapitalismus in der BRD in den Jahren 1956 bis 1961«.

Bei der anschließenden mündlichen Prüfung gehört die DDR-Bodenreform ebenso zum Standard-Repertoire der Dozenten wie die Frage, »warum es kein Generationsproblem in der DDR« gebe oder »warum die von Westdeutschland verbreitete Konvergenz-Theorie falsch« sei. Wer sich hier als tauglich erweist, kann freilich, obwohl ideologisch reif für das goldene »Abzeichen für gutes Wissen«, immer noch straucheln -- bei der anschließenden Sprachprüfung. Denn die SED. darüber werden die Kursanten immer wieder belehrt, läßt keinen aus der Republik, der die Sprache des Gastlandes nicht beherrscht.

Mit Afrikanern, die ihr Studium in der DDR absolvieren, werden für den Brigaden-Nachwuchs allerdings keine Treffs arrangiert -- obwohl es häufig gewünscht wird. Statt dessen nimmt die sogenannte Auslandsinformation breiten Raum ein, für die Fachleute von der Diplomaten-Akademie, dem »Institut für Außenpolitik und internationale Beziehungen« in Babelsberg, über die Entstehungsgeschichte afrikanischer Staaten und ihre wirtschaftliche Entwicklung referieren,

Wer freilich Bärenklau mit dem Verbandsauftrag ("Die FDJ setzt große Erwartungen in dich") verläßt, erhält meist sehr rasch Gelegenheit, Afrika kennenzulernen. Per Telegramm werden die Brigade-Kader zur letzten Einweisung nach Berlin beordert -- mit »maximal 20 Kilogramm Gepäck«.

Dort müssen sie sich für wenigstens ein Jahr verpflichten, die »Brigadeordnung« unterschreiben und werden anschließend von FDJ-Sekretär Winfried Berg -- der gleichzeitig für das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) arbeitet -- auf dem Staatsflughafen Schönefeld verabschiedet: mit letzten Ermahnungen, den Anweisungen der

* In Syrien (l.) Ägypten (r.)

Brigadeleiter widerspruchslos Folge zu leisten, keine »ausländischen Kooperanten« zu kontaktieren und »das Beste für unsere Republik« zu leisten.

Was freilich das Beste für die Republik ist, entscheidet im Zweifel die politische Abteilung der jeweiligen DDR-Botschaft: So ist es Brigadierspflicht, möglichst gezielt »Kontakte zu Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens im Gastland« aufzunehmen und ihnen, wie das »Kampfprogramm« der Brigade Tadmait bestimmt, »in geeigneter Weise ... die führende Rolle der SU und der KPdSU« zu erläutern. Ob diese Kontakte dann auch fortgeführt werden dürfen, entscheidet die Botschaft.

So kann es geschehen, daß über den Brigadeleiter der Name eines neuen algerischen Freundes weitergemeldet wird und die Polit-Spezialisten umgehend anordnen: »Verbindung abbrechen, Kontaktperson wurde vom (westdeutschen) Goethe-Institut ausgebildet«. Andererseits bieten die MfS-Leute aus der DDR-Filiale auch ihre Dienste an. wenn es darum geht, Entwicklungshelfer oder Techniker aus westeuropäischen Ländern als Agenten der CIA, des BND oder des französischen Geheimdienstes zu entlarven.

Bei soviel Aufmerksamkeit kommt auch die Kontrolle der Brigademitglieder selber nicht zu kurz, die das Camp nur zu zweit nach Abmeldung beim Brigadeleiter verlassen dürfen. Freundschaften mit einzelnen sind, so ein Ex-Brigadier, »nicht gern gesehen, alles soll möglichst im Kollektiv geregelt werden«.

So liest die Brigade Tadmait beispielsweise regelmäßig gemeinsam das »Neue Deutschland« und sein algerisches Gegenstück »El Moudjahid«, nimmt gemeinsam an Festen teil, hilft sonntags gemeinsam beim Umbau der DDR-Botschaft in Algier und speist gemeinsam mit den algerischen Lehrlingen. Damit trotz soviel Vertrauens niemand abspringt, wird bereits in den ersten Wochen der DDR-Reisepaß von der Botschaft eingezogen und dem neuen Jugendfreund ein algerisches Legitimationspapier. eine »Carte de séjour«, ausgehändigt.

Jeder der 18 DDR-deutschen Ausbilder ist in dem ehemaligen französischen Gefangenenlager von Tadmait für 30 algerische Lehrlinge verantwortlich. Außerdem sind vor Arbeitsbeginn die Maschinen in den Werkstätten. überwiegend Spenden aus der DDR, von den FDJlern auf Sabotage-Akte zu untersuchen; »Durchsicht und Reparatur«. so regelt es das Kampfprogramm« seien so zu organisieren, »daß keine Ausfallstunden in der Ausbildung auftreten« --

Für die regelmäßige Überwachung der Maschinisten aus der DDR ist in Algerien eigens ein »Beauftragter des FDJ-Zentralrats«, der Genosse Gerhart Lott, tätig. Er organisiert Freundschaftsfeste« hält Kontakt zur Botschaft und nimmt auch schon einmal ein Päckchen mit -- für die Kurierpost des DDR-Repräsentanten Kämpf in Algier.

Lotts Hauptaufgabe freilich ist es. die Botschafter im Blauhemd regelmäßig vor den Verlockungen des Auslandslebens zu warnen und etwa angebahnte Westkontakte zu unterbinden. Denn, so Lott, »es gab auch schon Verräter« --

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