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Frankreich Auf dem Bahnsteig

In seinen postumen Memoiren gibt sich Mitterrand als Verfechter der Wiedervereinigung - DDR-Dokumente bestätigen Zweifel daran.
aus DER SPIEGEL 18/1996

Die Rechtfertigung kommt aus dem Jenseits: Francois Mitterrand ein Feind der deutschen Wiedervereinigung? Alles falsch, schließlich habe er schon im Juli 1989 festgestellt: »Der Wunsch nach Vereinigung erscheint mir legitim.«

Zerwürfnisse mit dem Bonner Bundeskanzler über Zeitplan und Modalitäten des Zusammenschlusses? Auch verkehrt, allenfalls gab es eine »lange, schwierige, aber immer freundschaftliche Debatte mit Helmut Kohl«.

Dreieinhalb Monate nachdem der große Franzose zur letzten Ruhe gebettet wurde, haben die von Mitterrand hinterlassenen Memoiren die Auseinandersetzung über seine Versäumnisse neu entfacht*. Denn die persönliche Rückschau auf ein halbes Jahrhundert enthält _(* Francois Mitterrand: »Memoires ) _(interrompus«, »De l''Allemagne, de la ) _(France«. Editions Odile Jacob, Paris; ) _(jeweils 250 Seiten; 135 Francs. )

neben historischer Wahrheit auch politische Dichtung. Die beiden Bände von je rund 250 Seiten, die der krebskranke Sozialist in dem kurzen Pensionärsdasein zwischen der Amtsübergabe an Jacques Chirac im Mai 1995 und seinem Tod Anfang Januar 1996 verfaßte oder dem Journalisten Georges-Marc Benamou diktierte, sind vor allem ein Plädoyer in eigener Sache.

Wortgewaltig wehrt sich Weltpolitiker Mitterrand im zweiten Band seiner Erinnerungen ("Über Deutschland, über Frankreich") gegen den Vorwurf, er habe bei einem der wichtigsten Einschnitte in der Nachkriegszeit - der Wiedervereinigung Deutschlands - das Rendezvous mit der Geschichte verschlafen.

Wenn er den »Zug der deutschen Einheit verpaßt« habe, poltert der Memoirenschreiber, dann seien mit ihm damals »eine Menge Leute auf dem Bahnsteig zurückgeblieben«.

Zum Beweis zitiert der gewiefte Taktiker, seinerzeit als »Fürst der Langsamkeit« oder »Meister der Verzögerung« kritisiert, Bemerkungen vom Herbst 1989 zur Wiedervereinigung. Sie dürfe »nicht irgendwie«, sondern müsse »friedlich und demokratisch« vonstatten gehen. Doch Mitterrand forderte auch, daß »keiner der deutschen Staaten dem anderen seine Ansichten aufzwingen darf« - eine klare Warnung an die übermächtige Bundesrepublik und eine versteckte Aufforderung an die zusammenbrechende DDR, von ihrer Souveränität Gebrauch zu machen.

In Wahrheit wollte der Herrscher im Elysee den Einigungsprozeß nicht selbst stoppen; er hoffte, die Einheit werde am Widerstand Washingtons oder Moskaus scheitern.

Sogar nach dem Fall der Berliner Mauer versuchte Mitterrand noch, den stürmischen Einheitsdrang der Deutschen mit fragwürdigen Mitteln zu bremsen. Im Dezember 1989 eilte er zu den Wendehälsen nach Ost-Berlin - als erstes Staatsoberhaupt einer westlichen Siegermacht des Zweiten Weltkriegs.

Wohl nicht nur aus »Neugier«, wie Autor Mitterrand weismachen will, sprang der Präsident dem maroden sozialistischen Regime damals bei. Protokolle seiner Gespräche aus DDR-Archiven, die dem SPIEGEL vorliegen, bestätigen: Der Franzose gebärdete sich als Verfechter des Status quo und versprach gar den Genossen aus Partei- und Staatsführung: »Sie können auf die Solidarität Frankreichs rechnen.«

Und hinter verschlossenen Türen - das belegen Aufzeichnungen aus dem Büro des damaligen DDR-Ministerratsvorsitzenden Hans Modrow - tröstete er die niedergeschlagenen SED-Kader, »alle Länder hätten zu bestimmten Zeiten ihre Krisen zu bewältigen«.

Mitterrand wiederholte zwar, die deutsche Einheit sei eine »historische Realität«, doch die Liste seiner Vorbehalte war erquickend lang. Erkennbar sorgte er sich, daß die »seit 40 Jahren in Europa bestehende Ordnung Gefahr laufe zusammenzustürzen«, so hielt eine DDR-Gesprächsnotiz fest.

Schließlich sprang der Franzose der demokratieunerfahrenen SED mit praktischen, aber völlig unrealistischen Tips zur Seite. Angesichts der bevorstehenden ersten freien Wahlen zur Volkskammer riet er, »noch vor dem Wahltermin« die DDR-Pleitewirtschaft auf Vordermann zu bringen. »Dies würde den politischen Problemen viel von ihrer Schärfe nehmen.«

In den Mitterrand-Memoiren fehlt jeder Hinweis auf solche Bemühungen des Präsidenten, das DDR-System zu stabilisieren; dafür überschüttet Mitterrand seinen Amtsvorgänger Valery Giscard d''Estaing mit Spott und outet ihn als wankelmütigen Politiker an der »Spitze der Gegner der deutschen Einheit«. Im »Takt der Jahreszeiten« habe Giscard sein Urteil geändert, »keiner hatte Vorstellungen, die so entfernt von der Realität waren wie seine«.

Immerhin gab auch Staatsmann Mitterrand im Gespräch mit der DDR-Führung gewagte Prognosen ab. Er sei überzeugt, versicherte Frankreichs Präsident am 22. Dezember 1989 dem damals amtierenden Staatsratsvorsitzenden Manfred Gerlach, »daß die DDR, wenn sie ihr politisches Gleichgewicht wiederfinde, in der Zukunft große Chancen haben werde, einen gewichtigen Platz in Europa einzunehmen«.

* Francois Mitterrand: »Memoires interrompus«, »De l''Allemagne, dela France«. Editions Odile Jacob, Paris; jeweils 250 Seiten; 135Francs.

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