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BUNDESLÄNDER / HESSEN Auf dem First

aus DER SPIEGEL 29/1970

Der Maurersohn Albert Osswald, 51, seit neun Monaten sozialdemokratischer Ministerpräsident im Musterland Hessen, fühlt sich als Erster unter seinesgleichen. »Ich bin«, sagt er, »ein von dieser Bevölkerung herausgestellter Mann ... und nicht etwa wie der liebe Gott, der oben auf dem Dachfirst sitzt.«

Das demonstriert er auch. Beim Frankfurter Nach-Mexiko-Empfang der Fußball -- Nationalmannschaft quetschte er sich selbstgenügsam auf die Autotür des Mercedes-Cabriolets, in dessen Fond »uns' Uwe« samt Mitspielern den Jubel der Massen genoß. Und wie die Untertanen Ihre Jacken und Hosen, gab der Hessen-Primus seinen dunklen 450-Mark-Anzug, sechs Wochen alt, dem Platzregen preis: »Das Wasser lief mir aus den Schuhen.«

Als unlängst, zum Hessen-Volksfest »Hessentag«, in Wiesbaden erneut der Regen niederprasselte, geriet auch ein zweiter »Renommieranzug« (Osswald), diesmal ein blauer, beim Dienst am Volk aus der Fassung. Denn Osswald, der gerade hessische Bundeswehrsoldaten ehrte, verschmähte, wie die aufmarschierte Truppe, den dargebotenen Schirm: »Die Soldaten stehen schließlich alle nur im Hemd da.«

Des Landes erster Repräsentant, ehemals Oberbürgermeister in Gießen (ein Parteifreund: »Der kennt dort jeden Kanaldeckel") und Finanzminister in Wiesbaden, genannt »Dukaten-Ossi«, schätzt solche populären Aktionen, die ihn in Bürgernähe halten -- dies besonders jetzt aus gutem Grund: Hessen steht, nach dem Wählervotum in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und dem Saarland, nunmehr seinerseits vor einer Landtagswahl Anfang November. Die Sozialdemokraten, die in Hessen seit 1946 ununterbrochen in der Regierung sind, haben ihre absolute Mehrheit (bisher 52 von 96 Abgeordnetensitzen) gegenüber einer lautstarken Opposition (CDU-Vorsitzender Alfred Dregger: »Osswald ist enttäuschend") zu verteidigen,

Erstmals müssen die sieggewohnten Hessen-Sozis der alle und alles überragenden Vaterfigur früherer Epochen entraten: des Alt-Landesherrn Georg August Zinn, 69, der fast 20 Jahre lang für Kontinuität sorgte -- Bollwerk gegen den Ansturm der schwarzen Konkurrenz ebenso wie selbstherrliche Schiedsinstanz für eigene Konflikte. Der Altvater der linken Provinz, oftmals mürrisch, manchmal cholerisch, hatte es verstanden, das Wähler- und Parteivolk auf Distanz wie bei Laune zu halten -- bis er, erkrankt, letzten Oktober abtrat.

Dem einst barschen Regierungsstil Zinns folgte die Betriebsamkeit des bienenfleißigen ehemaligen Buchhalters Osswald. Dem früher oft unnahbaren Mienenspiel des Vorgängers setzte er, mit Vorliebe vor TV-Linsen der heimischen »Hessenschau«, ein Optimismus verbreitendes breites Lächeln entgegen. Dem Parteivolk demonstrierte er, Initiator eines in Deutschland beispielhaft geplanten Netzes kommunaler wie staatlicher Elektronikrechner, fortschrittsgläubigen Computer-Pragmatismus ("Schritt in die 70er Jahre").

Ob Umweltforschung, Gesamtschulplanung, Bildungstechnologie oder Uni-Konzeption -- der neue Mann in der Staatskanzlei, der gelegentlich seinen Heimatfluß, die Lahn, durchkrault, entwickelte im 16-Stunden-Tag gleich so viele hochtrabende gesellschaftliche Patentrezepte, daß Parteifreunde das Wort von den »Osswaldiaden« prägten. Unter Pseudonym kritisierte ein Hessen-Intimus fernab vom Land in der »Hannoverschen Allgemeinen«, der Landesherr bevorzuge eine »Politik in austauschbaren Sprechbiasen«.

So verhieß Osswald, der beim Kasseler Ost-West-Gipfel im Stil eines Serenissimus Autogramme verteilte, den Hessen einen eigenen Journalistenpreis -- ein Novum in den Bundesländern, das gepflegter Hofbericht-

* Beim Empfang der Fußball-Nationalmannschaft am 23. Juni in Frankfurt mit (v. l.) Gerd Müller, Bundestrainer Helmut Schön und Uwe Seeler.

erstattung durchaus dienlich sein kann. So lobt sich Osswald mit Vorliebe selbst als Vorsteher einer »bürgernahen Verwaltung« und läßt In PR-Mitteilungen die von ihm installierten Bürgersprechstunden oder das von Ihm neugegründete »Referat für Bürgerhilfe« feiern.

Sprechzeiten und Sprechtage zumindest auf Behördenebene, meinte dazu Hessens Bund der Steuerzahler, hätten sich längst »als überflüssig erwiesen«. Und in der Tat laufen die Monita beschwerdeführender Bürger via Staatskanzlei meist dorthin zurück, wo sie schon aktenkundig waren: zu den zuständigen Amtsstellen.

Osswalds Sinn für Public Relations, deren Tendenz zu direkter Breitenarbeit freilich von Zinn erfolgreich vorprogrammiert worden war, prägte auch die mit Betriebsbesichtigungen angereicherten rollenden Kabinettsitzungen draußen im Lande, wo zuweilen Dorfbürgermeister und Bürger beim Tele-Frageabend im Bürgerhaus den Intimgeruch großer Landespolitik schnüffeln dürfen.

Die propagierte Bürgernähe bestimmte schließlich auch den PR-Stil der Kabinetts-Kollegen: Den Landwirtschaftsminister etwa zieht es zur »Inbetriebnahme der Schweinemastgemeinschaft in Altenstadt-Hegheim«. Der Justizminister nimmt auch schon mal am »60jährigen Stiftungsfest des Sportklubs Niederhohne in Eschwege« teil. Den Finanzminister trifft man beim Jubiläumsfest der »Sport- und Sängergemeinschaft Offenthal«, und der Sozialminister findet nette Worte beim »Vereinsjubiläum des Kleingartenvereins Eichenbühl in Neu-Isenburg«.

Solchen oftmals hausbackenen Demonstrationen Wiesbadener Kabinettsreife steht seit den letzten Junitagen ein Politprogramm gegenüber, das Osswald der Exklusivität halber -- getreu dem Uralt-slogan »Hessen vorn« -- in einer schon »europäischen Dimension« eingestuft sehen möchte. Dem Lande präsentierte Osswald einen bis zum Jahr 1985 reichenden »Großen Hessenplan«, der -- bei einem Finanzbedarf von 55 Milliarden Mark -- Landesentwicklung, Raumordnung und Strukturpolitik regional auf gliedert und schließlich in einem gesellschaftspolitischen Entwicklungsplan »sinnvoll integriert«.

Damit nicht genug: Bis 1971 will der ideologisch nicht fixierte Pragmatiker Osswald jenem »Regierungsprogramm in Zahlen«, laut »Frankfurter Neue Presse« ein »Sturzbach von Planung«, noch ein Langzeitpapier folgen lassen.

»Zwischen konservativer Stagnation und utopischer Revolution« (Osswald) soll diese Polit-Studle, quasi als eine Art Fortschreibung des Godesberger Programms, nach Osswalds Willen »den modernen Wandel und den Reformprozeß in dieser Gesellschaft« dokumentieren. Die Konturen einer solchen Plattform weiß freilich auch Osswald noch nicht auszumachen; Bildungsurlaub oder neue Lösungen zur Frage der Mitbestimmung in den Betrieben sollen jedenfalls Bestandteile des Aufgabenkatalogs dieses Hessentestaments sein. Ein »Hessen als Schweden der Bundesrepublik«, renommiert denn auch der Hessenchef, »das kommt meinen Überlegungen, zumindest in der Daseinsvorsorge für die Bürger, schon sehr nahe«.

Für die diesjährigen Landtagswahlen präsentierte der Pläneschmied am vorletzten Samstag den Parteifreunden in der Marburger Stadthalle ein als kurzfristige Wahl-Plattform gedachtes 99-Punkte-Programm: von der Verkehrsplanung bis zum klassenlosen Krankenhaus. Frankfurts neuer Oberbürgermeister Walter Möller nannte das Thesenwerk »ja vielleicht ganz brauchbar«. Aber: »Mir sind da zu viele Allgemeinplätze drin.«

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