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SOWJET-UNION Auf dem Kopf

Bars und Bands müssen ihr Programm ändern - der Partei ist die westliche Pop-Kultur nicht geheuer. *
aus DER SPIEGEL 41/1983

Früher war die Bar in Moskaus Petrowka-Straße, zwischen Bolschoi-Theater und Polizeizentrale, Ziel junger Moskowiter: Dort konnten sie nach westlicher Musik tanzen und im Schummerlicht mit Freunden Cocktails trinken. Nun ist die Stimmung hin. Die Bar ist seit Wochen ein normales Cafe - ohne Tanz und ohne Flair.

Im Cafe »Kontinent« am Leningrader Prospekt, einer breiten Ausfallstraße Richtung Norden, wird auch nicht mehr gesungen. Wo früher Paare schwoften und schmusten, stehen jetzt Tische.

Und in der Bar »Blauer Vogel« an der Tschechow-Straße, einst Treffpunkt Nummer eins für Moskaus Schickeria und jene, die dazu gehören wollten, werden Besucher, die tanzen wollen, vom Personal an den Tisch gewiesen.

In Moskaus ohnehin nicht gerade quirliger Abend-Szene gehen die Uhren derzeit rückwärts. Manche Tanzbar stuften die Behörden in jüngster Zeit zum Cafe oder zur profanen Imbißstube zurück, manchen Tanzsaal, wie die populäre Diskothek »Resonanz« am Friedens-Prospekt, machten sie dicht, für immer.

»Eine Etappe in der Geschichte der Moskauer Bars«, so das Organ der hauptstädtischen Parteijugend »Moskauer Komsomolze«, »geht ihrem Ende zu.«

Den konservativen Kulturoberen und kommunistischen Jugendfunktionären waren diese Treffpunkte junger Leute schon lange nicht mehr geheuer. Sie halten die dort gespielte Rock- und Pop-Musik aus dem Westen für Mittel imperialistischer Propaganda, die brave Sowjetjugend zu verführen. Disko-Tänze sind für sie »Riten von Hexen-Meistern« (so ein Funktionär) und mithin unwürdig für Nachwuchs-Kommunisten.

Einige Bars, befand jüngst der stellvertretende Chef der Abteilung »Öffentliche Verpflegung« beim Moskauer Stadtrat, Rodischtschew, seien zu »Vergnügungsstätten billiger westlicher Art« verkommen - noch Ende der siebziger Jahre hatten seine Kollegen von den Kommunalverwaltungen in Polen hochwertige Disko-Anlagen für ihre Gaststätten eingekauft.

Die Angestellte einer früheren Tanzbar mit West-Programm nennt den wahren

Grund für die Moskauer Wende: »Unsere Richtung hat nicht gepaßt.«

Die Sittenwächter wurden in ihrem Urteil durch Zwischenfälle in den einschlägigen Etablissements bestärkt. Da suchten Karate-Schläger Streit, da verkauften geschäftstüchtige Barkeeper billige Drinks für teures Geld, und Jugendliche krakeelten auf der Straße, wenn resolute Türsteher die Tore wegen Überfüllung schlossen und auch schon mal Feuerlöscher einsetzten, um die Vergnügungssüchtigen zu vertreiben.

Insgesamt, sagen Moskaus Gastronomen, sollen in jedem der 33 Stadtbezirke lediglich zwei Tanzbars übrigbleiben - mit genau geprüftem Musikrepertoire. Erlaubt sind künftig nur noch die West-Titel, die auch der staatliche Plattenproduzent »Melodija« im Programm hat. Experten des Parteijugendverbandes Komsomol hören derzeit die vorhandenen Bänder und Platten auf schädliche Töne aus dem Kapitalismus ab.

Die Genossen wiesen die Bar-Geschäftsführer außerdem an, über der Tanzfläche keine Lichtorgeln mehr aufflackern zu lassen und zur Sommerzeit die Vorhänge zu öffnen, damit keine Schummeratmosphäre entstehen kann.

Ein volkspädagogischer Vorschlag setzte sich auf einer Gastronomen-Versammlung in der Sowjet-Hauptstadt jedoch nicht durch: die Wände der Bars mit Propaganda-Plakaten zu zieren.

Ziel der Trostlos-Kampagne ist es, die Heranwachsenden wieder in die längst derart geschmückten Klubs und »Kulturpaläste« zurückzuholen, wo der Komsomol sterile Musik-Abende unter dem Namen »Disko« veranstaltet. Dort kommt, jedenfalls offiziell, die »ästhetische und sittliche Erziehung der heranwachsenden Generation, die Bildung der kommunistischen Weltanschauung« nicht zu kurz.

Bevor es richtig losgeht, müssen sich die Besucher Vorträge über Politik oder Kultur anhören. Jockeys am parteigenehmen Plattenspieler legen nur die West-Musik auf, die den jungen Leuten, so der Partei-Philosoph Lissowski, keinen »ideologischen und künstlerischen Schaden zufügt«.

Sozialkritische West-Songs gefallen der Partei. Jugendliche, die nach Ansicht von Funktionären zu wild tanzen, riskieren in den »Kultur-Häusern« einen Verweis, Besucher in T-Shirts mit aufgedruckter West-Reklame brauchen gar nicht erst zu kommen.

Der Schlag gegen Pop trifft nicht nur die Auditorien, sondern auch die Musikanten. Im Juni beschwerte sich der neue Partei-Chefdenker Konstantin Tschernenko, es tauchten »Musik-Ensembles mit fragwürdigen Programmen« auf. Die Folge, so der 71jährige, sei »ideeller und ästhetischer Schaden«.

Der Kulturminister der Russischen Föderation, Jurij Melentjew, verkündete denn auch, die Behörden überprüften die Shows aller »Vokal-Instrumental-Ensembles«. Erfüllen Gruppen nicht die von der Partei gesetzten Normen, werden sie entweder aufgelöst oder die Mitglieder werden gewechselt.

Zudem dürfen Laien-Musiker nicht mehr als 20 Prozent ihres Programms mit Eigenkompositionen bestreiten. Die Ministerialen möchten so verhindern, daß die Künstler verpönten West-Stil, wie Punk- oder Hard Rock oder Heavy Metal, einfach als eigene Werke tarnen.

Die Genossen beließen es nicht nur bei Drohungen. Da sie, wie Melentjew empfahl, nicht den »ideologisch-künstlerischen Anforderungen« entsprachen, erhielten einige Bands mittlerweile Auftrittsverbot, andere die Auflage, ihr Repertoire zu ändern. Die »Lustigen Kerle«,

einst Begleitkapelle des Sowjet-Superstars Alla Pugatschowa, sowie die Gruppe »Guten Tag, Lied« durften zeitweilig nicht auf Tournee gehen.

Ihnen mangelte es nicht nur an Linientreue, sondern auch an sozialistischer Moral. »Guten Tag, Lied« mußte pausieren, weil einer der Künstler mit akademischen Titeln gehandelt hatte, die »Lustigen Kerle«, weil sie sich während eines Gastspiels im Schwarzmeer-Kurort Sotschi mit den örtlichen Funktionären überwarfen.

Vor einiger Zeit noch hatte die Pop-Kultur in der Sowjet-Führung ihre Gönner. Schon seit langem läuft im Moskauer »Theater des Leninschen Komsomol« die russische Rock-Oper »Iona i Awos«. 1981 fand im georgischen Tiflis sogar ein Rock-Festival statt.

Die staatlichen Konzert-Agenturen holten West-Profis wie »Boney M.« und »Abba«, zuletzt in diesem Sommer die französische Gruppe »Space« in ihre Säle, im Fernsehen tanzten und rockten Musiker aus dem Kapitalismus.

Was den KP-Landesfürsten, meist Herren hoch in den Sechzigern, nun vorschwebt, scheint klar: angepaßte Texte, Melodien sowjetischer Komponisten, ordentlich gekleidete Musiker auf der Bühne und die Töne nicht allzu laut.

Mit Unverständnis beobachteten die Kulturbürokraten, wie die Pop-Gruppe »Neue Freunde« bei einem ihrer Lieder dekadenten Charleston tanzte, wie die Gruppe »Araks« auf der Bühne im sibirischen Barnaul mit Kanonen und Schwefel hantierte oder die Musiker der Gruppe »Karneval«, so ein Leserbrief in der »Komsomolskaja prawda«, »seltsame Geräusche« von sich gaben, »springen und zucken«.

Erst kürzlich empörte sich die »Moskauer Abendzeitung«, die Pop-Sängerin Katja Schuschikowa habe bei einem Lied auf dem Kopf gestanden und auch noch ein Kostüm getragen, das »mehr an den Strand als auf eine Bühne« passe.

Wider die fremden Einflüsse auf heimische Bräuche veröffentlichte die »Komsomolskaja prawda« regimetreue Leserpost. Da wurden die Disko-Besucher als Leute hingestellt, die »nichts anderes wollten als herumtanzen - das ist die Summe ihrer Philosophie«. Die Jugendzeitung fiel auch über die derzeit populärste Rock-Gruppe der UdSSR, »Zeitmaschine«, her, die angeblich nur »kräht«, und zwar negative Texte, wie: _____« Ich glaube keinem Versprechen nie mehr fürderhin. » _____« Versprechungen zu glauben hat keinen Sinn. »

Nach dem Verriß soll die Zeitung über eine Million Protestbriefe von Jugendlichen erhalten haben.

Die neue kulturpolitische Kehre nehmen Branchenkenner in Moskau noch nicht tragisch. »Auch in der Landwirtschaft hat es viele Anweisungen von oben gegeben«, sagt einer, »und befolgt

hat sie keiner.« Ein Bandleader: »Man muß halt diplomatisch sein.«

Wie das aussehen kann, führte jüngst eine Rock-Gruppe in der Hauptstadt vor. Als die Musiker merkten, daß im Publikum hohe Kultur-Beamte saßen, parodierten sie einen westlichen Blues-Titel, anstatt ihn - wie sonst üblich - genau nachzuspielen. Darauf ernteten sie Lob von den Aufsehern der Künste.

In einer Bar nahe dem Komsomol-Zentralkomitee überzeugte sich der Geschäftsführer erst einmal, »daß hier kein Offizieller drin ist«. Dann ließ er unter vielen West-Schlagern den Pink-Floyd-Titel aufspielen: »Wir brauchen keine Erziehung, Lehrer, laßt uns Kinder bloß in Ruh'«.

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