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WASSERMANGEL Auf dem Narrenschiff

Seen und Flüsse verschwinden - ein Rohstoff wird knapp, der für die meisten Menschen selbstverständlich ist. Seit sie begreifen, dass ihr Kontinent in Gefahr ist, suchen die Australier nach Lösungen: Wie können wir mit immer weniger Wasser leben? Von Klaus Brinkbäumer
aus DER SPIEGEL 32/2007

Was vor sich geht in Australien und was es bedeutet, das erzählt Cheryl Rix ihren Töchtern auf dem Fluss. Cheryl Rix zeigt auf die Algen im stehenden Gewässer: »Die sind auch neu«, sagt sie. Sie zeigt auf das Ufer, acht, neun Meter hoch aufsteigende trockene Wände: »Bis dorthin«, sagt sie, »reichte das Wasser früher.«

Cheryl Rix hat schulterlange braune Haare, sie trägt ein blaues Polohemd mit gelben Streifen, sie hat die Grippe, es ist Winter im Juli in Australien. Cheryl steht mit den Töchtern auf ihrer Fähre, die sie sich aus Brettern und Kanistern gebaut hat, um den Darling überqueren zu können; vom anderen Ufer aus ist der Schulweg für die Mädchen kürzer. Die Fähre ist so etwas wie ein Wasserfahrrad: Mit der Hand bewegt Cheryl das Zahnrad, das die Kette in Gang setzt, die die beiden Räder bewegt, die über den Draht rollen. Der Draht ist von Ufer zu Ufer gespannt.

»Es ist nicht mehr die Frage, ob wir das hier aufgeben. Die Frage ist: Halten wir noch zwei oder vier oder zehn Jahre durch?«, sagt die Mutter, und Annabelle und Amy klammern sich an ihre Beine. »Millionen haben wir in unsere Farm gesteckt«, sagt die Mutter dann, »und wenn es vorbei ist, werden wir nicht mal mehr einen Käufer finden. Wir hätten in Immobilien in der Stadt investieren sollen.«

Die Farm der Familie Rix liegt in einer Biegung des Darling, ein australisches Bullerbü und ein Abenteuer sollte es sein: Leben am Fluss. Die Farm ist hübsch gestrichen, altes Ackergerät ziert die Blumenbeete. Familie Rix sammelt Wasser in Tanks, Familie Rix bohrt nach Wasser, und Computer zeigen an, welche Frucht mit wie vielen Tropfen zu bewässern ist. Mehr können sie nicht tun, es reicht nicht.

Orangen und Wein wachsen hier draußen, noch, der Darling trocknet aus. Und

mit dem Fluss wird eine Lebensweise sterben, eine Kultur, ein Stück australischer Landwirtschaft, und sterben werden Tiere, Pflanzen, Menschen, vielleicht Städte, vielleicht, irgendwann, der ganze Kontinent, denn das Murray-Darling-Becken ernährt Australien. Was das also bedeutet, was hier vor sich geht, das hat vor ein paar Tagen Tim Flannery erläutert, in der Bar des Covent-Garden-Hotels in London.

Tim Flannery wurde zum Australier des Jahres ernannt. Er ist Professor für Zoologie, Entdecker von über 30 Arten, ein Mann mit hoher Stirn und Vollbart. Keinen Schluck Wasser trank er an jenem Abend in London, nur Wein; Tim Flannery hat die Bibel der Klimaforscher geschrieben, »Wir Wettermacher«.

Er sagte: »Die Krise, die definitiv da ist, ist die Krise, die Computermodelle für die zweite Hälfte des 21. Jahrhunderts vorausgesagt hatten. Es kam so viel schneller, als wir alle gedacht hatten. Es ist deprimierend, es ist furchtbar. Wohin das führen kann, ist dies: Die Industrie, die so durstig ist, wird zuerst eingehen. Dann die Landwirtschaft. Alle zehn Jahre, wenn es mal regnet, können wir vielleicht Baumwolle und Reis anbauen, aber nur dann. Adelaide wird die erste Stadt sein, der das Wasser ausgeht, 1,1 Millionen Menschen. Wir werden Migration erleben, Konflikte, vielleicht Wasserkriege. Das alles gab es noch nicht, kein Mensch kann es sich vorstellen. Ich weiß, ich klinge wie ein verdammter Prophet. Der Premierminister sagt, wir sollten für Regen beten, ich hoffe, es wirkt. Wir sind ein Schiff voller Narren.« »A ship of fools«, sagte Tim Flannery.

Wasser war immer da. Nicht überall auf der Welt, doch an den meisten Orten, und wo es Wasser gab, siedelten Menschen. In Europa nahmen sie den Strömen die Sumpfgebiete, in Australien stauen sie die Flüsse, zapfen sie an, bewässern den Kontinent und betreiben eine Landwirtschaft, als wär's Irland oder England, von wo einst die Vorfahren kamen. »150 Jahre eher feuchten Klimas haben uns Australier in die Irre geführt«, sagt Tim Flannery, »und jetzt sind wir schockstarr. Stellt euch vor, es ginge um den Rhein und die Donau.«

Oder um den Mekong, den Ganges? In China und Indien warnen Forscher vor einem Ende des Aufschwungs, der Grund ist die Dürre: Riesige Flächen sind versalzen, Flüsse sterben. Spanien fürchtet, Europas erster Wüstenstaat zu werden. Der Tschadsee ist riesig auf Landkarten, in Wirklichkeit in 50 Jahren um 95 Prozent geschrumpft. Der Jordan erreicht das Tote Meer selten, Israel leitet Wasser ab, weshalb Jordanier und Palästinenser das Grundwasser anzapfen, was dem Jordan den Nachschub nimmt. Der Rio Grande ist an der Grenze zu Mexiko ein Rinnsal.

Im Essex House in New York trafen sich kürzlich Wasserexperten und Bürgermeister der größten Städte der Welt. »Hunderte Millionen von Menschen werden vor gewaltigen Problemen stehen, wir werden riesige Mengen Energie verbrauchen, um die Versorgung mit Wasser zu sichern«, warnte Shintaro Ishihara aus Tokio. »Die Infrastruktur der Städte ist brüchig«, berichtete Clover Moore aus Sydney, »es gibt so viele Lecks in alten Rohren.«

»Jede Stadt, jedes Land könnte mindestens 15 Prozent Wasser sparen«, sagt Jamal Saghir, Wassermann der Weltbank in Washington, »dahin müssen wir kommen. Klimawandel heißt, dass wir extremes Wetter haben werden, also stärkere Fluten und grausamere Dürren. Wir müssen uns rüsten. Wir müssen Wasser wiederverwerten, Regenwälder schützen, Meerwasser entsalzen. Die Herausforderung liegt im reinen Überleben.«

Wasser ist der Rohstoff, der sich selbst nachfüllt, Wasser ist billig, wer dachte schon groß über Wasser nach? Jetzt wird die Erde wärmer, und die Menschheit wächst, und das Wasser wird knapp, es ist längst knapp. Im Südosten Australiens sind die Regenfälle in den letzten 50 Jahren um 20 Prozent zurückgegangen. Und weil der Erdboden so erhitzt ist, sind die Pflanzen gestresst, und darum wird das Wasser sofort aufgesaugt, oder es verdunstet; in den beiden Schlagadern des Landes, dem Murray und dem Darling, fließen 70 Prozent weniger Wasser als vor 50 Jahren. Wenn es noch fließt. Man kann, was da vor sich geht, vielleicht am besten verstehen, wenn man in die Großstädte Australiens reist und weiter, dem Lauf des Darlings nach.

Wer durch Sydney, Brisbane oder Adelaide fährt, sieht braune Gärten. Wassertanks. Springbrunnen sprudeln nicht. Die Autos wäscht nur der Regen - wenn es

denn regnet. Die Zeitungen berichten vom Handel mit Wasser, dem Ende der Familienfarmen, und so, wie amerikanische Blätter jeden Morgen die »Names of the Dead« vermelden, die Toten im Irak, vermerken sie in Australien, zu wie viel Prozent die Stauseen noch gefüllt sind. Es sind 20 Prozent hier und dort 25, selten noch 30.

Und Adelaide hat Reserven für 30 Tage, und der Grundwasserpegel fällt. Adelaide hängt vom Murray ab; wenn das Wasser irgendwann weg ist, bleiben der Stadt 30 Tage. Und dann?

Es sind die Jahre vergangen, in denen die Australier mit Humor über den Wandel sprachen. Melbourne feierte die 78-jährige Val Yourne, die mit 22 Litern Wasser pro Tag auskommt. Sydney lachte über Tony Watson, der per Leserbrief erklärte, sein Beitrag zum nationalen Wassersparen sei, dass er zusammen mit Lisa Watson dusche.

»Ich will auch mit Mrs Watson duschen«, schrieben andere. »Ich trinke meinen Scotch ohne Wasser«, meinte einer. »Ich will erst mit Mrs Watson duschen und danach einen Scotch ohne Wasser«, schrieb der Nächste. Dann war Lisa Watson schwanger und der Spaß vorbei. Es wurde zu schnell zu trist in Australien. Und richtig trist ist es draußen bei den Bauern.

Australiens Bauern tragen ihr Hemd weit offen, so dass man ihr Brusthaar und die Tätowierungen sieht. Sie sagen »station« zu ihrem Hof und »tomato sauce« zum Ketchup, weil »farm« und »ketchup« zu amerikanisch klängen. Australiens Bauern essen auch ziemlich eigenwillige Hamburger: Hack auf Toast mit Roter Bete, Ananas, Käse und Ei; und sie trinken eine Menge Bier dazu, und zum Abschied sagen sie »no worries«, »keine Sorge«, was jedoch längst bloße Floskel ist.

Der Bauer Michael Kiely fährt mit einem weißen Toyota über seine Weiden, nicht weit von Mudgee in New South Wales. Er trägt eine blaue Jogginghose, ein Poloshirt und darüber ein Holzfällerhemd, er hat graue Locken. Kiely fährt Schafe streicheln, manchmal ruft er: »Du hast so schöne Wolle, ich würde dich heiraten, wenn ich ein Schaf wäre!« Und das Schaf da draußen guckt blöd.

Michael Kiely war Philosophielehrer, dann Werber, dann Journalist, vor zehn Jahren kamen seine Frau Louisa und er hierher und kauften den Hof namens Uamby. Man kann nicht behaupten, dass es ein guter Zeitpunkt war.

»Zehn trockene Jahre«, sagt Kiely.

Die Kielys lieben ihre Schafe, sie schaffen es nicht mal, sie zu essen. Sie verlieren sie einfach. 4000 waren es, noch sind es 2500, und dass es immerhin 2500 sind, liegt an jenem Abend, an dem die Kielys zusammensaßen und sagten: Wenn ein Bauer nicht 30 Tage vorausplanen kann, sollte er aufgeben. Dann ging Louisa ins Bett, und Michael ging fernsehen, und dabei hörte er einen Werbespruch für das Kinderhilfswerk »World Vision": »Adopt a smile«. Das war es.

»Adopt a sheep«, das wurde sein Slogan, und es funktionierte. Michael Kiely verfasste ein paar Briefe, bekam ein paar Antworten, der »Daily Telegraph« schrieb über »Adopt a sheep«, die Fernsehleute fragten, ob sie mit einem Hubschrauber kommen dürften, und als sie landeten, rannten die Schafe weg. »Adopt a sheep« bedeutet, dass Menschen in der Stadt Geld geben. Die Menschen in der Stadt bekommen dafür ein gutes Gewissen, die Kielys bekamen 80 000 Dollar von 3000 Spendern und konnten ihre Schafe füttern.

Es war eine gute Idee, und sie beweist, welche Kraft das Internet und andere Medien haben, sie beweist, was Solidarität bewirken kann. Die Welt rettet diese Idee vermutlich nicht, das könnte schon eher Kielys zweite Idee schaffen, das »carbon farming«. »Wir brauchen eine nachhaltige Landwirtschaft, und die brauchen wir schnell«, sagt er, er meint: kein CO2-Ausstoß mehr, Energie und Wasser sparen, keine Überweidung mehr, keine Brandrodung. »Wir haben hier 2500 Bäume gepflanzt«, sagt er dann, und als der Boden feuchter geworden sei, seien Vögel und alle möglichen anderen Tiere zurückgekommen, und zuletzt seien sogar die Temperaturen gesunken, ein kleines bisschen.

Jeder schafft ein gesundes Mikroklima, und so schaffen wir alle zusammen ein gesundes Makroklima, ist das die Rettung der Welt? Michael ist jetzt zurück in seinem Haus, sitzt auf dem Sofa und holt die Gitarre raus. »Burning coal, burning hole - in our future, in our soul«, singt er, es klingt ein wenig schief, aber er hat das Lied selbst geschrieben. »Wer Kohle verbrennt, der brennt Löcher - in unsere Zukunft und unsere Seelen.« Michael Kiely ist eher eine Ausnahme unter Australiens Bauern.

Die meisten nämlich, die auf so einer Reise anzutreffen sind, beim Bier in den Pubs oder bei der Arbeit auf brüchig hartem Grund, sind recht konservativ. Die sehen zwar, dass ihr Land trocken ist, aber sie glauben, dass das mit dem Klimawandel Spinnerei ist. Sie denken, dass die Städter das Wasser verschwenden. Sie meinen, dass sie ein Recht darauf haben, Baumwolle und Oliven anzubauen, Schafe und Rinder zu züchten, schließlich haben das schon Generationen vor ihnen gemacht.

Dass für einen Liter Milch 3000 Liter Wasser nötig sind, wollen sie nicht wissen.

Dass Australien, trockenster Kontinent der Erde, ein Nettoexporteur von Wasser ist, weil in all den Exportwaren zu viel Wasser steckt, so unfassbar viel »virtuelles Wasser«, wie Fachleute das nennen, auch das wollen diese Farmer nicht glauben.

Dass sie darum irgendwann oder bald oder sofort auf andere Produkte umstellen und sinnvoller bewässern müssen, dass sie endlich vorausdenken und zunächst einmal wahrnehmen sollten, was vorgeht in der Welt und im Land, solche Gedanken sind diesen Bauern vermutlich so vertraut wie Fernreisen oder die Sydney Opera. Andererseits: Es sagt sich leicht. Ist das wirklich so befremdlich, wenn Bauern, die so weit weg sind von Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Medien wie jene im australischen Binnenland, an dem festhalten, was sie immer gemacht haben und davor ihre Väter und deren Väter? Weil sie es aber tun, sterben Städte wie Louth.

Es ist ja immer so, bei nahezu allen Flüssen der Erde, dass die Menschen am Oberlauf sich nicht weiter darum sorgen, wie es den Menschen am Unterlauf geht. Ein wesentliches Problem bei allen Diskussionen um Wasser ist die Besitzfrage: Wenn es nicht für alle reicht, welche Menschen haben dann ein Recht auf Wasser? Und wem gehört das Wasser des Darling? Der Menschheit, allen Australiern, allen Einwohnern von New South Wales? Den Städten, den Farmen, der Stahlindustrie? Oder allen, die am Fluss wohnen?

Flussaufwärts, oben in Bourke, entnehmen sie dem Darling die Wassermenge, die sie brauchen für ihre Baumwolle. Und was bleibt den Bürgern von Louth?

Es war, bis hierher, auch eine romantische Reise: ein manchmal wüster, meist zarter Fluss, und an seinen Ufern Kängurus, rote Erde, darüber Regenbögen und Sonnenuntergänge. In Louth aber gibt es nur noch Pfützen im Flussbett, und die Boote liegen schief auf gesprungenem Grund, nichts fließt mehr, und heute beerdigen sie den Deutschen, der hier die Brücke baute, nun eine Brücke ohne Fluss.

36 Erwachsene und 8 Kinder leben noch in Louth, lange wird auch die Schule nicht mehr durchhalten. Nur ein Pferderennen haben sie noch, einmal im Jahr, dann wird auch die »Best Dressed Lady« gewählt. Polizei und Post sind lange weg, die Zeitung, das Buschkrankenhaus und der Laden auch, und von den vier Pubs ist das »Shindy's« noch übrig, wo Cath Marett das Bier zapft und die Rote Bete auf die Ananas auf das Hackfleisch legt. »Baumwolle und Schafzucht gab es hier«, erzählt Wirtin Marett, »und den Hafen natürlich, wir waren eine richtige Hafenstadt.«

Mit richtigem Wasser unten im Fluss.

Damals, als 4000 Menschen in Louth lebten, kam auch Willi Boede her, der Deutsche, geboren 1939 in Breslau, aufgewachsen mit sechs Geschwistern und sieben Kühen, ausgewandert nach Australien. In einer Taucherglocke voller Luft stand Willi 1961 im Darling und legte die Fundamente für die Brücke, und am Ufer stand Sandra, geboren in Louth, und fürchtete um sein Leben.

Willi blieb, er liebte den Fluss, liebte seine Brücke, seine Frau und deren Marmeladentorte und später die beiden Jungs. Aber dann kamen die trockenen Jahre, die Leute gingen, Willi blieb und wurde krank und trank. Und heute sitzen Sandra und die Jungs am Grab und kauen traurig Kaugummi, und die Einwohner von Louth stehen um diesen roten Sarg herum, Männer mit Pferdeschwanz und Bart, und jeder erzählt eine kleine Geschichte von Willi, dem Deutschen, und von der guten Zeit, und am Ende sagen sie, dass es nicht mal mehr regelmäßig Beerdigungen gibt: kein Wasser, keine Landwirtschaft, keine Arbeit, keine Kinder, kein Leben mehr in Louth und daher auch kein Sterben.

So ist der Fluss hier: eine ausgetrocknete Rinne, Mondlandschaft. An manchen Stellen, weiter unten bei Cheryl Rix zum Beispiel, reicht das Wasser im Winter für die selbstgebaute Fähre, im Sommer gehen sie auch dort zu Fuß nach drüben, ohne Brücke. Cheryl und ihr Mann bereiten sich auf das Ende ihrer Farm vor, indem sie längst andere Dinge machen: Er belegt Computerkurse, sie arbeitet als Geschäftsführerin der Western Murray Irrigation Ltd., ausgerechnet.

Dort nämlich ist Cheryl Rix für die Lösung dieses Problems zuständig, und da sie keine Lösungen hat, verwaltet sie das Problem. Es geht darum, wer das wenige Wasser, das zu vergeben ist, bekommt. Und wie viel davon. Und warum. Familie Rix war im vergangenen Jahr selbst in jener Gruppe mit der höchsten Priorität, weil sie vorbildlich bewässert und perfekt anbaut, aber es nützt ja nichts, das Wasser reicht nicht. Und jetzt muss Cheryl auch all den anderen mitteilen, dass das zugesagte Wasser nicht kommt, es ist nicht mal mehr eine Geldfrage, es ist einfach kein Wasser da, aber die Rechnungen muss sie trotzdem schreiben, weil die Leitungen instand gehalten werden müssen.

»Viel Verständnis erwarte ich nicht für diese Rechnungen«, sagt Cheryl Rix.

Nein, Lösungen lassen sich hier im Binnenland nicht finden, nur Menschen, die das Beste aus den Veränderungen machen, und andere, die weitermachen wie immer. Wer Lösungen sucht, die Retter Australiens, muss wohl zurück in die Städte.

Westliche Kulturen verschwenden Wasser, das ist der Kern, das sagt der Münchner Evolutionsbiologe Josef H. Reichholf. »Wer bestes Wasser den Schafen gibt, muss sich eigentlich nicht wundern«; würde unterschieden zwischen Brauch- und Trinkwasser, »könnte Brauchwasser billiger sein,

und es müssten weniger Fernleitungen gebaut werden«. Das amerikanische Streben nach Keimfreiheit »traf sich mit europäischer Gründlichkeit«, so Reichholf, das führe zu Flüssen, die mit derart vielen Nitraten aus Kläranlagen versetzt sind, dass Tiere keine Nährstoffe mehr finden; und dazu, dass New Yorker Toiletten nur mit sauberstem Trinkwasser gespült werden dürfen.

Bislang reagierten Politiker selten vernünftig, sondern mit neuen Großprojekten auf Wasserknappheit. Was aber funktioniert? In China versagten in 50 Jahren 322 Staudämme; als 1975 der Banqiao-Damm brach, starben 86 000 Menschen und weitere 145 000 durch Epidemien. Libyen gab weit über 30 Milliarden Dollar für einen 3500 Kilometer langen künstlichen Fluss aus, der von einem Grundwasserreservoir in der Sahara in die Städte führen soll, aber ständig platzten die Rohre, und wenig Wasser kommt in Tripolis an. Die meisten Umleitungen und Stauungen führen zu Versalzung und verrottenden Flusslandschaften, die Methan freisetzen, das am Ende wieder zur Erderwärmung und damit zur Wasserknappheit beiträgt.

Josef H. Reichholf, Professor für Zoologie, saß vor einigen Wochen in einem asiatischen Restaurant in München-Obermenzing, er trank Bier, ein freundlicher Mann mit Seitenscheitel und Schnauzbart. Er sagte: »Mit Wasser gehen alle extrem egoistisch um. Immer im Bereich dessen, der den Zugriff hat, wird es monopolisiert, und das heißt: verbraucht oder belastet.« Wie die meisten Wissenschaftler plädiert Reichholf vor allem für Klugheit und historisches Verständnis und einen Blick über Grenzen hinaus. Zu lösen sei das Problem der Wasserknappheit nur, wenn alle Staaten ehrlich und geschlossen mit dem Klimawandel umgingen, und das hieße beispielsweise, »endlich auch der Dritten Welt Verantwortung zuzuweisen«. Reichholf sagt: »Eine Weltbevölkerung von zehn Milliarden mit westlichem Lebensstandard - dahin führt kein Weg, wenn wir die Erwärmung auf zwei Grad beschränken wollen. Sorgen wir in Europa doch vor: Bauen wir Wasserspeicher, festigen wir die Dächer, erhöhen wir Deiche, bauen wir die Wälder in Eichenmischwälder um. Dann sind wir Vorbild.«

Es gibt kleine Lösungen, auch in Australien. Scott Woodcock, junger Mann mit Stoppelhaaren, in Gibraltar geboren, in England aufgewachsen, von den Eltern nach Australien gebracht, weil es in England immer nur regnete, arbeitet heute für UDIA, eine Agentur für urbane Entwicklung. Woodcock hat »Basix« in Sydney durchgesetzt, ein Programm, das Häuserbauer auf Umweltschutz verpflichtet; weil einheitliche Normen geschaffen wurden, konnte sich auch die Industrie darauf einstellen, die Preise fallen.

Und David Murdoch, ernster Mann mit wenigen Haaren, hat oben in Wyong ein Unternehmen mit dem wunderbaren Namen »H2AU« gegründet, zusammen mit seinem Sohn Jethro baut er kleine Entsalzungsanlagen. Nach der chemischen Vorreinigung wird das Meerwasser mit einer Hochdruckpumpe in eine Membran gejagt, und nur die Wassermoleküle kommen durch. »Der Bedarf wird steigen, dann sind wir bereit«, sagt Murdoch, es ist ja längst so weit: Sydney will entsalzen, Adelaide und Brisbane sind entschlossen, Perth tut es längst. Das Problem: Eine hochsalzige Lake bleibt übrig, wohin mit dem Zeug? Und Entsalzung kostet Energie.

Murdoch weiß das, er sagt, die Entsalzungsanlage von Perth werde mit Windenergie betrieben, das ist das Modell für die Zukunft, und dann blickt Murdoch aufs Meer. 23 Schiffe liegen dort draußen vor Anker, alle aus China, sie warten auf Kohle, die China noch immer in Australien kauft. Das ist die Gegenwart.

Entsalzung von Meerwasser kann helfen, aber niemals den Kontinent retten, nicht einmal den Bedarf der Städte decken, darum müssen große Lösungen her. Dafür ist der Wasserminister zuständig, Malcolm Turnbull, Sydney, 70 Phillip Street, 11. Etage. »Wassersicherheit ist eine wesentliche Schwierigkeit«, sagt Turnbull, »nicht nur für Australien.« Selbst wenn sämtliche Kohlendioxidausstöße aufhörten, würde es in Australien noch mindestens 30 Jahre lang wärmer werden, und nicht nur hier.

Malcolm Turnbull trägt einen anthrazitfarbenen Anzug, die Brille legt er auf den Tisch, vier tiefe Falten zeichnen seine Stirn. »Wir brauchen eine angemessene Preisstruktur, Wasser war immer zu billig«, sagt er dann, aber auch das ist eine kleine Lösung; die eigentliche Frage ist, wie man Gesellschaften verändert, ein Land umbaut, ein so statisches, so abgelegenes wie Australien, und hinterher den Rest der Welt.

»China und Indien beuten in einem Maße ihr Grundwasser aus, das erschreckend ist«, sagt Turnbull, er ist jetzt in der internationalen Klimapolitik angekommen.

»Der nächste Schritt muss genuin global sein«, sagt der Minister, »wir müssen die größten Spieler zusammenbekommen, die USA, China, die EU, Indien, Brasilien, Australien, und über die Forstpolitik und neue Technologien müssen wir die Entwicklungsländer einbinden.«

Politische Floskeln? Gerede, wie immer?

Neu ist, dass inzwischen Australier so reden, die das Kyoto-Protokoll nicht ratifiziert haben. Und neu ist eine Gruppe, die Turnbull berät, eine Gruppe, wie es sie nirgendwo sonst auf der Welt gibt.

Es ist jetzt fünf Jahre her, dass Peter Cosier das Gefühl bekam, dass etwas falsch lief in der Politik. All diese Retter der Welt, die privaten Stiftungen von Bill Gates und anderen und auch diese Organisation wie Weltbank oder WTO, dachte er, »bauen auf der Idee auf, dass Wirtschaft die Welt lenkt, sie alle sind vor allem ökonomische Organisationen, und sie konnten vielleicht die Probleme des 20. Jahrhunderts lösen«.

Peter Cosier aber, ein Mann mit Vollbart, grünem Hemd und grüner Hose, studierter Ökologe, dann Berater im Umweltministerium, glaubt, dass die Probleme des 21. Jahrhunderts andere sind. Es geht nun um Natur, um Umwelt, um Klima, es muss also um Wissenschaft und jene Lehren gehen, die aus den Resultaten der Forscher zu ziehen sind. Cosier sagt: »Politiker bekommen von Wissenschaftlern aber nicht den Rat, den sie brauchen, und das hat mehrere Gründe. Einer ist, dass Politiker selten die richtigen Berater haben, ein zweiter, dass sie die Wissenschaftler nicht verstehen, ein dritter, dass Wissenschaftler sich mit dem beschäftigen, worüber sie uneins sind, dass sie also die für sie logischen, die ganz klar bewiesenen Dinge für zu banal halten, um noch darüber zu reden.«

Darum lud Peter Cosier Leute wie Tim Flannery und Peter Cullen ein, Australiens führende Forscher. Sie trafen sich im Wentworth Hotel in Sydney, seitdem heißen sie die »Wentworth Group of Concerned Scientists«.

Die Wentworth Group schreibt keine Pressemitteilungen, und aus dem Wahlkampf hält sie sich heraus. Aber sie füttert den Premierminister mit ihrem Wissen, auch die Opposition, sie verfasst Pläne, den ersten ganz allgemein »für einen lebenden Kontinent«, dann schon die »Vorlage für einen nationalen Wasserplan«. Zu den fünf Punkten dieser Vorlage zählen die »Klärung der Wasserrechte« oder die Pflege kranker Flüsse bis zur Gesundung. Und federführend bei alldem war natürlich der Fachmann fürs Wasser.

Denn Peter Cullen liebt das Wasser, er segelte und tauchte, er wuchs am Meer auf. Heute ist er zu schwer zum Tauchen, sagt er, ein runder Mann, aber auch heute sorgt er sich um das Wasser, er ist Australiens Mister Water. Professor Peter Cullen sitzt auf der Terrasse vor seinem Haus in Gunning, verheiratet ist er mit Vicky, einer Priesterin und ehemaligen Deutschlehrerin, die vor sich hin kichert und deutsche Kosenamen ins Gespräch wirft, während Cullen seinen Vortrag hält.

»Die Lösung liegt in der Diversifizierung«, sagt Cullen auf Englisch.

»Herr Wasser«, sagt Vicky auf Deutsch.

»Es kann nur eine Mischung sein aus Recycling, Entsalzung, nachhaltiger Landwirtschaft und Sparen. Wir müssen den Flüssen den Raum geben, sich selbst zu erneuern und zu gesunden«, sagt er.

»Herr Wassermann«, sagt sie.

»Und natürlich brauchen wir dafür eine nationale Bewegung, die sich nicht von Lobbyisten stoppen lässt, eine mutige Regierung, die sich von Wissenschaftlern beraten lässt«, sagt er.

»Herr Tröpfchen«, sagt sie.

»Ich hätte diese Frau niemals aus dem Käfig lassen dürfen«, sagt er und beißt in einen Butterkeks.

Es ist dann Freitag in Sydney, Tim Flannery ist zurück aus London, er besucht die Kollegen von der Wentworth Group. Er vergleiche die Weltgemeinschaft und ihre Art, Probleme zu lösen, ja ganz gern mit dem menschlichen Organismus, sagt Flannery beim Frühstück im Sydney Museum. Der Organismus stoße kranke Zellen ab und »kommt so wieder in einen stabilen Zustand. Die Kraft des organischen Hungers nach Stabilität ist groß«.

Übersetzt heißt das, die Welt könne sich selbst retten, da sie wisse, was sie wissen müsse, um handeln zu können, und vielleicht ist ja schon der Einzug der Wissenschaftler in die Politik einer dieser organischen Schritte - und bald wird der Darling wieder rauschen, und Cheryl Rix wird noch Großmutter werden auf ihrer Farm.

Flannery sagt, er glaube das, er müsse an die Vernunft glauben. Er will gar kein verdammter Prophet sein, die Frage sei nur: »Haben wir die Zeit zur Gesundung, und nutzen wir die Zeit, die wir haben?«

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