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GHANA Auf dem Rennrad

Das erste schwarzafrikanische Land, das in die Unabhängigkeit entlassen wurde, gilt heute als musterhafter Reformstaat - dank eines Ex-Putschisten.
aus DER SPIEGEL 43/1997

Die Festung Christiansborg an der westafrikanischen Atlantikküste wurde vor 300 Jahren von weißen Sklavenhändlern erbaut. Später war sie Sitz des Gouverneurs der britischen Kolonie Goldküste. Sogar als Irrenanstalt wurde das Fort eine Zeitlang genutzt. Heute residiert hinter den weiß getünchten Mauern der Staatschef von Ghana.

Jerry John Rawlings, 50, im Volk J. J. genannt, gehört zu den wenigen Politikern auf der Welt, die schon so lange wie Helmut Kohl regieren. Die Amtszeit veränderte den Mann: Wie der deutsche Kanzler hat Ghanas Präsident in über anderthalb Jahrzehnten an der Macht heftig zugenommen; auf alten Fotos scheint der zierliche Luftwaffenoffizier noch in seiner Fliegeruniform zu verschwinden.

Aber Rawlings hat auch politisch an Gewicht gewonnen: Aus dem putschenden Hauptmann wurde einer der angesehensten Staatsmänner Afrikas - ein persönlich anspruchsloser, um das Gemeinwohl besorgter Präsident auf einem Kontinent, der nach wie vor unter seinen korrupten Potentaten leidet.

Zwei Rennräder stehen im Eingang zu Rawlings bescheidener Turmwohnung. Jeder Prunk fehlt. Besucher könnten auf die Idee kommen, daß dort eine Wohngemeinschaft hause, wären da nicht die kartenspielenden Leibwächter vor der Tür.

In der feuchten Hitze der Hauptstadt Accra hat Rawlings sein Wohnzimmer auf Kühlschranktemperatur herunterklimatisiert. Überall liegen Akten, Videokassetten und Zigarettenschachteln. Mobiltelefone schnarren. Über der Sofalehne hängen drei Batakaris - gewebte Umhänge afrikanischer Nomaden, die der Präsident gern bei öffentlichen Auftritten anlegt.

Vielleicht betont Rawlings seine afrikanische Identität deswegen so sehr, weil seine helle Haut und die Gesichtszüge den europäischen Vater verraten - einen Schotten, der sich nicht um seinen unehelichen Sohn kümmerte. Rawlings Mutter gehört zum Stamm der Ewe; sie betreibt bis heute eine Bäckerei in der Hafenstadt Tema.

Dieses Jahr ist Rawlings zum vierten- mal als Staatsoberhaupt vereidigt worden. Zweimal, 1979 und 1981, hatte er geputscht und herrschte elf Jahre ohne demokratische Legitimation, ehe er sich 1992 und 1996 Wahlen stellte und gewann. Seitdem gilt Rawlings als Musterknabe aus einer Generation neuer politischer Führer, die Afrika aus Krieg und Elend herausführen könnten.

Ghana - 1957 unter dem linken Panafrikanisten Kwame Nkrumah als erstes schwarzafrikanisches Land in die Unabhängigkeit entlassen - zählt zu den wenigen politisch stabilen Staaten auf dem Kontinent. Und während viele Länder südlich der Sahara in Armut verkommen, sicherte Rawlings den 17 Millionen Ghanaern über Jahre ein Wirtschaftswachstum von fünf bis sechs Prozent. Ghana ist ein williger Schüler der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds (IWF). Bei seinem Deutschland-Besuch nächste Woche kann Rawlings deshalb mit einem freundlichen Empfang rechnen.

Vergeben scheinen heute die finsteren Taten der Vergangenheit: Ruhe und Stabilität zwang Rawlings dem Land zunächst mit Gewehren auf; er ließ nach seinem ersten Putsch 9 Offizierskameraden, darunter 3 frühere Militärherrscher, erschießen. Zwischen 1984 und 1987 wurden weitere 34 Verschwörer hingerichtet.

Rawlings, der ursprünglich Geistlicher werden wollte, bedauert das Blutvergießen von damals. Seine Machtübernahme nennt er immer noch eine »linke Revolution«; und er verdammt die unheilige Dreieinigkeit aus multinationalen Konzernen, Medien und westlichen Geheimdiensten, die sich ihm damals angeblich entgegenstellte.

Tatsächlich erkannten die meisten westlichen Fachleute bald, was auch die Masse der Ghanaer überzeugte: Rawlings war trotz Menschenrechtsverletzungen und linker Rhetorik kein neuer afrikanischer Big Man, der nur für sich und seinen Clan in die Staatskasse greifen wollte, sondern ein Patriot, der für sein von Nkrumah heruntergewirtschaftetes Land einen Ausweg suchte.

Weltbank und IWF gewährten ab 1983 massive Unterstützung, dafür mußte sich Ghana schmerzhaften Strukturanpassungsprogrammen unterwerfen - radikaler Abbau öffentlicher Subventionen, Armutsbekämpfung nur durch Wirtschaftswachstum.

Der linke Rawlings willigte ein und traf unpopuläre Entscheidungen: Allein zwischen 1987 und 1991 verloren 125 000 Angestellte im öffentlichen Dienst ihren Arbeitsplatz; Chauffeure von weiterbeschäftigten Bürokraten hatten als letzte Dienstleistung ihrem Chef noch das Fahren beizubringen, bevor sie gefeuert wurden. Eltern mußten für ihre Kinder Schulgeld bezahlen; ambulante Kliniken und Krankenhäuser führten Gebühren ein.

Doch den Verlierern in den Städten standen Gewinner auf dem Land gegenüber: Weil Nahrungsmittelimporte reduziert wurden, lohnt es sich für die Bauern, wieder mehr anzupflanzen. Den Transport auf die Märkte erleichtern Straßen ins Hinterland, die Rawlings ausbauen ließ. Den unter Nkrumah kaltgestellten Häuptlingen gab er etwas Macht zurück. Seitdem gehören die Dorfbewohner zu seinen treuesten Wählern.

Die hohen Wachstumsraten verdankte Ghana vor allem der privatisierten Industrie. So stieg der Abbau von Bauxit innerhalb von acht Jahren um das Siebenfache. Ghanas Goldgruben förderten 1982 nur 261 000 Unzen des Edelmetalls, 1996 waren es 1,5 Millionen; mit einem Wert von 612 Millionen Dollar erwirtschafteten sie rund 40 Prozent der Exporterlöse.

Wie die asiatischen Tigerstaaten nahm Ghana dabei wenig Rücksicht auf die Umwelt. Bei der Goldförderung versetzen Planierraupen Berge, vernichten Felder und Waldgebiete. Anschließend wird die geschürfte Erde mit Wasser und Chemikalien bearbeitet, um das Gold herauszufiltern. Der giftige Rest bleibt einfach liegen.

Ghana erkaufe sich sein Wirtschaftswachstum auf Kosten der Natur, protestieren Ökologen und verweisen auf einen alarmierenden Trend: Die Exporteinkünfte aus dem nachwachsenden Rohstoff Kakao sind in den vergangenen Jahren von mehr als der Hälfte auf gut ein Viertel des Gesamtvolumens zurückgegangen, während der Anteil der nicht reproduzierbaren Ressourcen ständig steigt.

Schon bedeckt der Regenwald nur noch zwölf Prozent von Ghanas Gesamtfläche - gegenüber einem Drittel zur Jahrhundertwende; würde im gegenwärtigen Tempo weiter abgeholzt, wäre er in zehn Jahren ganz verschwunden.

Beim Raubbau in den Wäldern haben Firmen aus Malaysia die einst führenden Europäer überholt. Sie stehen im Ruf, besonders rücksichtslose Plattmacher zu sein. Präsident Rawlings hat dennoch nichts gegen die Asiaten. »Wir sind etwa zur gleichen Zeit unabhängig geworden, und Ghana lag damals wirtschaftlich weit vor Malaysia«, sagt er. Heute müßten die Afrikaner von den Tigerstaaten lernen.

Rawlings glaubt fest, daß Ghana noch lange seiner Führung bedürfe. Doch eine dritte Amtszeit als Präsident dürfte er nicht antreten - es sei denn, er ließe die Verfassung ändern. Oder seine Frau Nana Konadu träte die Nachfolge an. Die Mutter von vier Kindern hat J. J. immer treu zur Seite gestanden. Als der junge Ehemann seinen Sold aufbessern mußte, half sie ihm, Weihnachtskarten herzustellen. Der Präsident ist heute noch stolz: »Sogar die weißen Nonnen haben unsere Karten gekauft.«

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Kartenausriß Afrika - Lage Ghana

Daten von Ghana

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