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WÄHRUNG / EURODOLLAR Auf dem Sprung

aus DER SPIEGEL 48/1970

Ein protestantischer Feiertag erzwang die dritte Aufwertung der Mark -- freilich nur für ein paar Börsenstunden.

Am vergangenen Mittwoch, als in Frankfurt die Devisen-Händler der Bundesbank wegen des Buß- und Bettags nicht auf ihren Posten waren, stieg der Kurs der Mark an den internationalen Devisenmärkten um fast ein Prozent über die amtliche Parität von 3,66 Mark je Dollar. Die Aufwertung für einen Tag brachte jenen Geldhändlern, die etwa am Dienstag morgen zehn Millionen Dollar in Mark umgewechselt hatten und am Mittwoch die deutsche wieder in amerikanische Valuta zurücktauschten, mit einem Schlag 30 000 Mark ein.

Schuld an dem Run auf die Mark, der den Kurssprung erzwang, sind die immer noch hohen westdeutschen Zinsen. Mit einem Rekord-Diskontsatz von erst 7 1/2 und später sieben Prozent versuchten die Frankfurter Währungshüter den Unternehmern die Investitionslust zu beschneiden.

Doch die Politik des knappen und teuren Geldes war ein glatter Mißerfolg. Denn die Großunternehmen zwischen Elbe und Rhein wichen der Kreditbremse aus und borgten statt in Frankfurt, Hamburg und Düsseldorf bei den großen Eurodollarbanken in Zürich, London und Brüssel. Allein in den ersten neun Monaten dieses Jahres flossen 14,5 Milliarden Mark Auslandsgelder auf deutsche Konten. Das meiste Geld, so schätzt Bundesbank-Vizepräsident Otmar Emminger, kommt von jenseits des Atlantiks, »wobei der Eurogeldmarkt das verbindende Scharnier darstellt«.

Seit Amerikas Notenbank-Präsident Arthur Burns Anfang November den Diskontsatz auf 53/4 Prozent senkte, schaufeln die US-Bankiers immer mehr Geld, das sie sich zuvor am Eurodollarmarkt geborgt hatten, zurück auf westeuropäische Konten. Insgesamt schickten die USA, die noch im vergangenen Jahr etwa vier Milliarden Dollar in Europa geborgt hatten, bisher rund neun Milliarden über den Atlantik. Emminger: »Das ist wohl der größte Umschwung innerhalb eines Jahres, der sich jemals im internationalen Zahlungsbilanzsystem ereignet hat.«

Die amerikanischen Kredit-Rückzahlungen brachten den Eurodollarmarkt, jenen »Pool von sehr liquiden, sozusagen jederzeit sprungbereiten Mitteln« (Emminger), fast zum Oberlaufen. Binnen weniger Wochen sanken an diesem freiesten Kreditmarkt der Welt die Zinsen für Tagesdollar' die innerhalb von 48 Stunden wieder zurückgezahlt werden müssen, auf 6 3/4 Prozent Anfang letzter Woche. Deutsche Banken verlangten dagegen für täglich fällige Gelder noch bis zu 9 1/2 Prozent.

Durch den Zinsrutsch am Eurodollarmarkt (Emminger: »Eine monetäre Nebenregierung") kam die Bundesbank immer mehr in Zugzwang. Bis Ende vorletzter Woche hatten sich in den Tresoren der Bundesbank Devisen im Werte von 46 Milliarden Mark gehäuft -- fast soviel wie vor der letzten offiziellen Aufwertung im Oktober 1969.

Am vergangenen Dienstag senkte der Zentralbankrat deshalb den Diskontsatz von sieben auf 6 1/2 Prozent. »Die Bundesbank«, so erklärte Zentralbank-Chef Karl Klasen, »erwartet nun eine Verminderung der Kreditaufnahme im Ausland.«

Die Spekulation schlug freilich fehl. Noch am Dienstag nachmittag vergangener Woche, kurz nach der Bekanntgabe der Zins-Senkung, mußte die Bundesbank Dollar für über eine Milliarde Mark einkaufen, damit der Kurs der US-Valuta nicht unter den sogenannten Interventionspunkt von 3,63 Mark je Dollar fiel. Auch am Donnerstag und Freitag war die Dollarschwemme immer noch nicht verebbt: Nach Schätzungen der Frankfurter Geldhändler kaufte die Zentralbank noch einmal Dollar für insgesamt rund eine Milliarde Mark, um ein Absinken des Dollarkurses zu verhindern.

Der Grund für die Devisenflut: Auch nach dem »müden Schritt der Bundesbank« ("Financial Times") blieb Geld in Westdeutschland immer noch um 2 1/2 Prozent teurer als am Eurodollarmarkt. Weil die Amerikaner täglich mehr Geld nach London, Paris und Brüssel transferieren und damit die Eurozinsen herunterdrücken, könnte das Zinsgefälle zwischen Westdeutschland und den Eurobank-Plätzen bald eine neue Rekordmarke erreichen.

Schon in der letzten Woche fielen binnen zweier Tage etwa die Sätze für Drei-Monats-Dollar in Paris um fast ein Viertel Prozent. Am Dienstag wurden für diese Gelder, die nach drei Monaten wieder zurückgezahlt werden müssen, noch 7 3/16 Prozent Zinsen gezahlt, am Donnerstag waren es nur noch sieben Prozent.

Was eine Flut vagabundierender Eurodollar anrichten könnte, wissen Europas Zentralbankiers schon seit langem: Die größte Krise des westlichen Währungssystems -- eine Abwertung des US-Dollar.

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