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»Auf dem Weg zu einer Militärmacht«

aus DER SPIEGEL 34/1979

Scheich Sultan Ibn Abd el-Asis, Verteidigungsminister des Königreiches Saudi-Arabien, alarmierte seine Truppen:

Britische »Lightning«-Bomber und amerikanische F-5-Jäger, an den Steuerknüppeln saudische Piloten, stiegen auf, um den Wüstenhimmel an der Grenze zum Südjemen zu kontrollieren, saudische Panzersoldaten in amerikanischen M-60-Panzern sicherten die strategisch wichtigen Straßen an der saudisch-jemenitischen Grenze, und die saudische Artillerie verschoß Feuerteppiche von Sprenggranaten.

Was Anfang vergangenen Monats wie die Vorbereitung auf einen Krieg mit dem Moskau-orientierten Südjemen aussah, war in Wirklichkeit nur ein Großmanöver der saudischen Armee -- wenn auch vor brisantem Hintergrund:

Der Sturz des Schah und der Verlust Persiens als Schutzmacht für die Ölfelder und Tankerrouten am Persischen Golf hat Saudi-Arabien in politische Bedrängnis gebracht. Mit militärischen Machtdemonstrationen und neuen Rüstungskäufen in Milliardenhöhe wollen die Saudis jetzt das gefährliche Machtvakuum am Golf selbst ausfüllen.

Nach der Militärübung zeigten sich die eingeladenen Potentaten der Golfstaaten sehr befriedigt. Scheich Said, Staatsoberhaupt der Vereinigten Arabischen Emirate: »Allah ist groß, und unser Bruder Saudi-Arabien ist in der Lage, uns alle zu schützen.«

»Dreizehn Milliarden Dollar geben wir jährlich für unsere Armee aus«, prahlte der saudische Kronprinz Fahd, und in der Tat gilt die saudische Armee als eine der bestgerüsteten der Welt.

Ihre Luftwaffe ist mit über 170 Kampfflugzeugen -- bestückt mit »Marwick« und »Sidewinder«-Raketen -- eine der größten des Nahen Ostens und mit der beabsichtigten Einführung von 60 amerikanischen Hochleistungsjägern vom Typ F-15 obendrein die weitaus modernste.

Die Saudi-Marine verfügt mit amerikanischer Hilfe inzwischen über eine schlagkräftige Flotte kleiner, raketenbestückter Korvetten, und die Saudi-Armee hat 250 M-60-Tanks, modernste Panzerabwehr-Lenkwaffen, »Hawk«-Raketen und radargesteuerte Artilleriegeschütze. Trotzdem ist die 60 000 Mann starke Berufsarmee mit einer Analphabetenrate von etwa 60 Prozent nicht in der Lage, die hochkomplizierten Waffensysteme ohne ausländische Hilfe zu handhaben.

Französische und britische Techniker, amerikanische Soldaten und etwa 9000 zivile US-Spezialisten trainieren die saudischen Streitkräfte und weisen sie in den Gebrauch der Waffen ein.

Viele der aus Wüstendörfern rekrutierten Soldaten halten es bei der Armee sowieso nicht lange aus. »Sie haben«, so ein amerikanischer Instruktionsoffizier? »Sehnsucht nach ihrem blauen Himmel und ihrer freien Behausung.«

Obendrein haben die Saudis mit ihren Soldaten erhebliche Disziplinprobleme: Viele Soldaten sind ungehorsam und lassen es bewußt auf einen unehrenhaften Ausschluß aus der Armee ankommen, weil sie sich im Privatleben bessere Chancen ausrechnen können.

Dabei erhält schon ein einfacher Saudi-Rekrut, selbst ein durch Uniformwinkel gekennzeichneter Analphabet, mehr Geld als alle seine Berufskollegen in anderen Armeen -- monatlich rund 2000 Mark netto.

Das Personalproblem will die saudische Regierung jetzt lösen, indem alle 18- bis 35jährigen Männer künftig eingezogen werden sollen. In den nächsten zwei Jahren wollen die Saudis ihre Streitkräfte auf 100 000 Soldaten, bis 1985 sogar auf 300 000 erhöhen.

Mit amerikanischer Unterstützung werden bereits die Unterkünfte für die neuen Armeen erstellt, Flugplätze und Straßen betoniert und mitten in der menschenleeren Wüste neue Militärstützpunkte aus dem Boden gestampft.

Jede der fünf neuen Militärbasen, die sich an den Grenzen zum Irak und zum Südjemen befinden, soll bis zu 150 000 Soldaten und 150 Kampfflugzeuge beherbergen können. Nach den Vorstellungen saudischer Militärplaner könnten im Ernstfall komplette Armeen mit Transportflugzeugen von einem Militärstützpunkt zum nächsten transportiert werden -- eine hochmobile Streitmacht, die ständig zwischen Krisengebieten hin- und herpendelt.

Bei soviel Aktivität bleibt ausländisches Lob nicht aus. »Saudi-Arabien ist auf dem Wege zu einer bedeutenden Militärmacht«, bescheinigt der französische Flottenchef des Indikgeschwaders? Vizeadmiral Maler, den saudischen Rüstungsanstrengungen, und selbst Israels Ex-Generalstabschef Gur nennt den Aufbau der saudischen Armee »sensationell«.

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