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BONN / USA-REISE Auf dem Zipfel

aus DER SPIEGEL 35/1967

Lyndon B. Johnson ließ seine Hunde holen. Die dackelähnlichen Beagles im Gefolge, spazierte Amerikas Präsident mit dem deutschen Kanzler Kurt Georg Kiesinger über die Rasenwege des Weißen Hauses -- mi Gleichschritt Seit an Seit, als wären sie alte Freunde.

Unten am Südost-Tor zeigten sich die imposanten Herren samt Tier-Eskorte dem harrenden Volk und schüttelten durchs Gitter Hände.

Dann ließen sich Gastgeber und Gast in der Washingtoner Mittagshitze des vorigen Mittwoch auf der überdachten Veranda im East Garden der Präsidentenresidenz nieder: der Texaner sichtlich von Kriegssorgen gebeugt, der Schwabe erkennbar ausgeruht nach dem Heimaturlaub im Schönbuch.

Kiesinger, im hellen Sommeranzug, räkelte sich lässig auf dem geblümten Sitzkissen des bequemen alten Gartenkorbstuhls und dozierte mit wedelnden Händen: »Amerika hat schwere Jahre vor sich -- Vietnam, die Rassentrage. In Ihrer Hand liegt es, ob Sie diese Probleme lösen und als wahrhaft großer Präsident in die Geschichte eingehen.«

Dolmetscher Weber saß arbeitslos abseits. Kiesinger sprach ohne Hilfe in fließendem Englisch. Johnson lauschte den Lehren des Deutschen.

Nach den Zweifeln und Zwisten, die seit Kiesingers Regierungsantritt wegen Atomsperrvertrag, US-Truppenabzug und Bundeswehrbudget das Bündnis zwischen den USA und der Bundesrepublik belastet hatten, schien das Amerika-Debüt des dritten Bonner Kanzlers plötzlich die alte Eintracht neu herbeizuzaubern.

Kiesinger kostete die Rolle aus, die er nach eigenem Drehbuch absolvierte. Er hatte sich vorgenommen,

> den Amerikanern deutsches Selbstbewußtsein zu demonstrieren, ohne wie de Gaulle in Antiamerikanismus zu verfallen,

> den Amerikanern ohne Scheu seine Meinung zu sagen, ohne wie Adenauer sie ständig mit Mißtrauen zu verfolgen,

> den Amerikanern feste Bündnistreue zu bekunden, ohne wie Erhard bedingungslose Ergebenheit zu schwören.

Kiesinger selbst pries seinen neuen Stil im Umgang mit der westlichen Weltmacht dem SPIEGEL im voraus: »Ich schätze Amerika richtiger ein als meine Vorgänger. Adenauer und Erhard haben Amerika immer nur so gesehen, wie sie es gern sehen wollten. Und wenn dann in Washington etwas anders lief, waren sie böse auf die Amerikaner.«

Um sich persönlich die nötige Distanz für ein derart verändertes Verhältnis zu sichern, brach er mit Besuchsriten, die sich unter Adenauer und Erhard eingebürgert hatten. Als Johnson ihn wie die Kanzlervorgänger zum kumpelhaften Cowboy-Jux auf seine Texasfarm hatte einladen wollen, hatte Kiesinger sofort abgewehrt: »Das passiert bei mir nicht. So etwas macht der Präsident nicht mit mir.«

Dem auf Abstand bedachten Kanzler half es, daß der -- durch Vietnamkrieg und Rassenkonflikt -- innen- wie außenpolitisch bedrängte Präsident derzeit zu nachgiebigem Taktieren gezwungen ist. Als Kiesinger am vorletzten Sonntagabend mit seiner (luftkranken) Ehefrau Marie-Luise an Bord der Lufthansa-Kursmaschine LH 402 (fast voll ausgebucht, 26 Kinder einschließlich Babys) in New York landete, machte ihm Washington-Botschafter Knappstein Erfolgsmeldung: Er habe weisungsgemäß mit dem US-Außenministerium ausgehandelt, daß

> Johnson das Thema Bundeswehrkürzung nur knapp anschneiden werde, wenn

> Kiesinger das Thema Atomsperrvertrag nicht im Detail aufzuwerfen gedenke.

Grund: In beiden Fällen sei die Lage noch lange nicht entscheidungsreif. Verabredung: Statt dessen wollten Präsident und Kanzler über die Grundfragen zwischen Ost und West und die Probleme im westlichen Bündnis beraten. --

Anderntags in Washington verhinderte Kiesinger, daß die Stillhaltevereinbarung am Ende doch noch in Gefahr geriet.

Außenminister Brandt hatte in letzter Minute den Bonner Abrüstungsbeauftragten Schnippenkötter aus dem Seeurlaub geholt und Montag nach Washington mitgebracht, nachdem Johnson seinen Abrüster Foster überraschend zu neuen Sperrvertragskontakten mit den Sowjets nach Genf entsandt hatte.

Alarmiert rief Präsidentenberater Bator beim deutschen Gesandten von Lilienfeld an: ob denn nun doch vom Kanzler eine große Debatte über Nonproliferation erwogen werde. Kiesinger entschied sofort, daß er das Konzept nicht ändern und den Sowjets kein Störmanöver erlauben wolle.

Die Abrede wurde eingehalten. Beim ersten Zwei-Stunden-Gespräch unter vier Augen, am Dienstagmittag in Johnsons Arbeitszimmer, beruhigte der Präsident den Kanzler: »In Genf beginnt jetzt erst eine ganz neue Konferenzrunde. Die Russen haben erkannt, daß Inder und Japaner jetzt stärkere Bedenken gegen den Sperrvertrag vortragen als die Deutschen.«

Der Kanzler wiederum beruhigte den Präsidenten: »Die Kampfkraft der Bundeswehr wird keinesfalls geschwächt, selbst wenn sich die Kopfzahl geringfügig vermindert.«

Von Verminderung weilte Johnson freilich überhaupt nichts hören, der »Druck der Mansfields« werde sonst unausweichlich zu weiteren US-Truppenabzügen in Deutschland führen.

Danach klagten sich Johnson und Kiesinger gegenseitig internes Leid. Dreimal erwähnte der Präsident besorgt, daß sein Popularitätszustand bei den jüngsten Meinungsumfragen wegen Vietnam auf 39 Prozent abgesunken sei, und dies ein Jahr vor den Wahlen. Der Kanzler erläuterte (ohne Namensnennung), wie es durch unautorisierte Aktion seines Verteidigungsministers Schröder zu der »Tatarenmeidung« gekommen sei, die Bundeswehr werde um 60 000 Mann verkleinert.

Noch mehr große Politik packte Johnson aus seinem Nähkörbchen aus. Detailliert im dramatischen Ablauf der ersten Junitage erzählte der Präsident, wie er die Israelis vergeblich beschworen habe, den Krieg gegen die Araber nicht anzufangen. Und er berichtete im einzelnen über die Gespräche mit Kossygin in Glassboro.

Kiesinger -- nach langen Jahren in der Stuttgarter Provinz erstmals wieder auf weltpolitischer Bühne -- ließ sich faszinieren: »Es zeigt sich doch, wie wichtig es ist, daß man solche Dinge weiß. Allein schon das macht diese Konsultationen nötig.«

Dann setzte der Kanzler selber zu höherer Politik an. Gemeinsam mit dem Präsidenten klagte er über de Gaulle: Beim letzten Bonn-Besuch des Generals habe man nahezu in keiner Frage übereingestimmt. Und dennoch könne man ihn nicht einfach ignorieren, wie die Amerikaner es neuerdings tun.

Kiesinger: »Wir Deutsche sitzen eben mit ihm in einem Boot. Denn es ist ein Unterschied, ob man auf dem Zipfel eines Kontinents zusammenlebt, dessen Masse von einer riesigen eurasischen Macht ausgefüllt Ist, oder anderswo.«

Der Kanzler bot sich als Makler an: »Ich habe ihm schon viele unangenehme Wahrheiten ins Gesicht gesagt, aber ich werde auch heute hier kein Wort sagen, daß de Gaulle nicht hören kann.«

Als der Kanzler begann, Politik und Mentalität des Franzosen verständnisvoll zu interpretieren -- so seine Sorge vor Verwässerung der EWG durch Beitritt neuer Länder -, gab Johnson zu, daß er selbst nicht wie die meisten seiner Berater den General für einen »kompletten Narren« halte,

* Auf einer Pressekonferenz im Rosengarten des Weißen Hauses; in der zweiten Reihe: Kanzleramts-Abteilungsleiter Osterheld, Abrüstungsbeauftragter Schnippenkötter, Parlamentarischer Staatssekretär Guttenberg, Bonns Washington-Botschafter Knappstein, Außenminister Rusk und Brandt. Bundespressechef von Hase. nur fürchte er, de Gaulle könnte in einer Kurzschluß-Aktion 1969 (dem ersten möglichen Austrittstermin) die Nato ganz verlassen.

Höchst zufrieden mit sich selbst, meditierte der Kanzler an diesem Tage nach dem Präsidentendinner bis spät in die Nacht im Blair House in Staats- und Familienrunde über Amerika und Amerikaner: »Ein eigenartiges Volk.«

Doch am nächsten Morgen kurz nach sechs ließ er plötzlich seinen gesamten Mitarbeiterstab aus tiefem Schlaf holen. Ihm war eingefallen, daß er noch keine endgültige Fassung für seine Rede vor dem National Press Club fertig hatte. Den Auftritt vor Washingtons Journalisten-Korps wollte er nun besonders gründlich vorbereiten.

Bis Sekretärin Hella Franke angekleidet war, mußte Kanzlerreferent Neusel, schlaftrunken .und im Pyjama, mitstenographieren, was sein Chef beim Rasieren herunterdiktierte. Dolmetscher Weber fand sich ein, um den Text portionsweise zu übersetzen. Alarmiertes Botschaftspersonal tippte auf vier Schreibmaschinen englisch ab.

Zum Schlußakt bei Lyndon Johnson fuhr der Frühaufsteher im Präsidenten-Cadillac über die Pennsylvania Avenue ins Weiße Haus. Zwischen Kommunique-Korrektur und Erfrischungstrunk (Johnson zu Kiesinger: »Darf ich Ihnen Eiswasser anbieten?« Kiesinger zu Johnson: »Nein, da unterscheiden wir uns wirklich von den Amerikanern, das mag ich nicht") hielt der Hausherr noch eine familiäre Einlage bereit.

Das Baby wurde herbeigeschafft. Aus hochrädrigem Kinderwagen zog die Präsidenten-Amme den schlafenden Patrick Lyndon hervor, Johnsons acht Wochen alten ersten Enkel, um ihn -- so hinterher Pressestaatssekretär von Hase -- »dem Herrn Bundeskanzler vorzustellen«.

Johnsons hartgesottener Außenminister Dean Rusk war zu familiärem Überschwang nicht aufgelegt. Tief verärgert über de Gaulles antiamerikanische Ausfälle der letzten Zeit, monierte er im deutschen Kommuniqué Entwurf die Formel, die Einigung Europas setze »die dauernde Freundschaft und Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Frankreich« voraus. Rusk wütend: »Eine große Nation wie unsere hat auch ihren Stolz.«

Gegen den Widerstand der Kanzleramts-Emissäre Guttenberg und Osterheld setzte Rusk die Entfernung des Namens Frankreich durch. Geänderte Fassung: »Freundschaft und Zusammenarbeit unter den Nationen Europas.« Rusk-Kollege Brandt stimmte zu. Beim Separatessen im State Department am letzten Mittwochnachmittag mokierte er sich über die leichtfüßige Arbeitsweise seines Kanzlers und des Präsidenten.

Brandt zu Rusk: »Clemenceau hat gesagt, der Krieg sei eine viel zu ernste Sache, um ihn den Generalen zu überlassen. Ich finde, Außenpolitik sollte man niemand außer den Außenministern überlassen. Kaum zu glauben, daß hier gestern und heute trotzdem nichts schiefgegangen ist.«

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