Zur Ausgabe
Artikel 55 / 110
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

FRANKREICH Auf den Hintern

Mit großer Hast wies Paris einen islamischen Eiferer aus - die Radikalisierung muslimischer Einwanderer aber schreitet weiter voran.
Von Romain Leick
aus DER SPIEGEL 18/2004

Der Mann wirkt wie die perfekte Karikatur eines Islamisten: bärtig, stets in seinen Burnus gehüllt, umgeben von 2 Ehefrauen und 16 Kindern, sanft im Ton, aber unerbittlich in der Sache. Abdelkader Bouziane, ein obskurer Prediger aus Vénissieux bei Lyon, errang vorige Woche schlagartig Berühmtheit - binnen Stunden wurde er in Frankreich zur Symbolfigur.

Im lokalen Monatsblatt »Lyon Mag« hatte Bouziane, 52, Ansichten geäußert, die normalerweise als grotesk hätten verlacht werden können. Diesmal aber lösten sie eine Welle nationaler Empörung aus und machten seinen Fall zum Politikum: »Seine Frau zu schlagen ist nach dem Koran erlaubt«, erklärte der fromme Imam, »aber nur unter bestimmten Bedingungen, vor allem wenn die Frau ihren Mann betrügt.«

Immerhin plädierte er für eine humane Züchtigung: »Der Mann hat nicht das Recht, überallhin zu schlagen. Er soll nicht ins Gesicht schlagen, sondern tiefer zielen, auf die Beine, den Bauch oder den Hintern. Dann kann er fest zuschlagen, um seiner Frau Angst einzujagen, damit sie nicht wieder anfängt.«

Auch zur Vielweiberei hatte Bouziane präzise Vorstellungen. »Ein Muslim kann mehrere Frauen haben, aber Achtung, nicht mehr als vier. Und es gibt Bedingungen. Erstens muss er genug Geld haben, um alle seine Frauen zu unterhalten. Zweitens muss er sexuell stark sein, um alle seine Frauen beehren zu können.«

In seiner französischen Umgebung erkannte der aus Algerien stammende Imam dagegen »viele Sünden«, denn die westlichen Gesellschaften seien weit von Gott entfernt. Auch Musik sei eine Sünde, denn sie verführe zum Laster. »Der Sex ist eine große Gefahr, die den Westen verdirbt und die Muslime bedroht.«

Das war mehr, als die Republik vertrug. Kaum hatten sich die Worte des Korangelehrten verbreitet, verfügte Innenminister Dominique de Villepin seine Ausweisung. Bouziane wurde vergangenen Mittwoch nach Algier abgeschoben, wo die Polizei ihn bei seiner Ankunft am Flughafen sofort festnahm. Seine Frauen und die 16 Kinder, von denen 14 die französische Staatsangehörigkeit besitzen, blieben zurück.

Die Hast, mit der Villepin dem Prediger den Mund stopfte, schien rechtlich bedenklich. Bouziane, der Ende 1979 nach Frankreich gekommen war, hatte eine gültige Aufenthaltsgenehmigung, mit der Justiz in Berührung gekommen war er nie. Politisch oder religiös motivierte Gewalt, Attentate und Bomben lehnte er ausdrücklich ab. Seine Anhänger ermahnte Bouziane, die französischen Gesetze zu respektieren, selbst wenn sie im Widerspruch zum Koran stünden.

In der Ausweisungsverfügung berief sich das Innenministerium dennoch auf »absolute Dringlichkeit«, eine Prozedur, die den sofortigen Vollzug möglich macht. Normalerweise hätten die Behörden mindestens 48 Stunden abwarten müssen, denn Bouzianes Anwalt beantragte eine einstweilige Verfügung gegen die Abschiebung, die das Verwaltungsgericht in Lyon am Freitag auch erließ - zu spät.

Bouziane habe mit seinen Reden die Menschenwürde verletzt, rechtfertigte de Villepin sein Vorgehen. Zudem besaß die Polizei, die in Frankreich über einen eigenen Nachrichtendienst ("Renseignements généraux") verfügt, offenbar Erkenntnisse, dass der Imam Kontakte mit islamistischen Organisationen unterhielt, die terroristische Aktionen billigten. Auch habe er eine Fatwa erlassen, in der er zum »Krieg gegen die amerikanischen Interessen in Frankreich« aufgerufen habe. Beweise legte das Ministerium freilich nicht vor.

Die Härte der Regierung ist Zeichen für ein tiefes Unbehagen. Denn die Nation droht immer mehr in ethnische und religiöse Subkulturen zu zerfallen, die Frankreichs sozialen Zusammenhalt und die innere Sicherheit gefährden. Figuren wie der Imam aus Vénissieux, der 23 Jahre lang unbehelligt predigen konnte, sind der lebende Beweis dafür, dass die Integration der muslimischen Einwanderer weitgehend misslungen ist.

In Frankreich lehren nach amtlichen Schätzungen 1000 bis 1500 Imame, von denen weniger als zehn Prozent die französische Staatsangehörigkeit besitzen. Die meisten kommen aus Marokko und Algerien. Des Französischen oft nur unzulänglich mächtig, häufig ohne nachweisbare theologische Ausbildung, legen sie den Islam nach eigenem Gutdünken aus. Und ihre Predigten werden zunehmend radikaler; fundamentalistische Bewegungen wie die Salafija, die eine Rückkehr zum »reinen« Islam fordern, gewinnen rasch an Einfluss. In den vergangenen zehn Monaten ließ die Regierung ein Dutzend Imame ausweisen, die eine »Gefahr für die öffentliche Ordnung« darstellten.

Der erst vor kurzem geschaffene Rat der Muslime in Frankreich aber scheint hilflos. Dabei wäre es seine Aufgabe, die Ausbildung und Überwachung der offiziell zugelassenen Imame zu gewährleisten. Ratsvorsitzender Dalil Boubakeur, Rektor der Großen Moschee in Paris, bemühte sich prompt, die Affäre um Bouziane herunterzuspielen: »Ein isolierter Fall, der in keiner Weise repräsentativ ist für den Islam der Muslime in Frankreich.« Die Hexenjagd auf ungebildete und ignorante Imame nähre nur eine unerträgliche Islamophobie.

In Vénissieux, vor der Moschee des ausgewiesenen Imam Bouziane, verstehen die Gläubigen nicht, wieso die Politiker gerade an ihrem Prediger ein Exempel statuieren wollten. »Warum er?«, fragt eine unverschleierte Frau, »er verkündete doch nur das Wort des Propheten.« Und ein junger Bärtiger zürnt: »Bis jetzt waren wir brav, von nun an werden wir böse.«

ROMAIN LEICK

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 55 / 110
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.