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SPD Auf der Bahre

aus DER SPIEGEL 45/1968

Im Frühjahr 1945 vertrieb ihn die Rote Armee, jetzt vertreibt ihn »der »Rote Jochen«. SPD-MdB Reinhold Rehs, 67, seit März letzten Jahres Präsident des Bundes der Vertriebenen (BdV), hat sich durch rechte Politik um die Gunst seines linken Kieler Parteichefs Joachim ("Roter Jochen") Steffen und damit auch um seinen Wahlkreis gebracht.

Zweimal kürten die Genossen Im holsteinischen Bundestagswahlkreis 5

landesfürst steffen und seine vorstandsgenossen wollen es rehs nun heimzahlen, daß er

>auf dem Nürnberger SPD-Parteitag Mitte März demonstrativ den Saal Verließ, nachdem Willy Brandt die »Anerkennung beziehungsweise Respektierung der Oder-Neiße-Linie bis zur friedensvertraglichen Regelung« gefordert hatte;

* nach dem Nürnberger Parteitag eine BdV-Entschließung billigte, wonach der Wähler sich fragen müsse, »ob er einer Partei seine Stimme geben kann, die gewaltsam geschaffene Unrechtstatbestände anerkennt und respektiert«;

* auf dem »Gesamtdeutschen Vorparlament« zum Tag der Heimat in der Berliner Kongreßhalle Anfang Mai eine Rede hielt, die so war, »daß die NPD fast in Versuchung geraten wäre, Herrn Rehs die Ehrenmitgliedschaft in der NPD anzutragen« (so der hessische NPD-Landtagsabgeordnete und Vorparlamentarier Werner Fischer).

Die Rechtsstandpunkte des Reinhold Rehs mißfielen den Roten im schwarzbraunen Schleswig-Holstein so sehr, daß ihn Vorstandsmitglieder seines Parteibezirks aufforderten, sich nach einem anderen Wahlkreis umzusehen.

Unmut bei seinem Parteichef Steffen erregte der Berufsvertriebene auch, wenn er als Mitglied des Auswärtigen Bundestagsausschusses »das Wissen und die Erfahrungen der Heimatvertriebenen in die politische Gesamtbeurteilung« (Rehs) einbrachte; oder wenn er sich »den Mut« attestierte, »den Kommunisten die Wahrheit über ihre eigene Unwahrheit zu sagen, weil sie das eher respektieren als ein ängstliches Schweigen und Verwischen«.

Mutig wehrte Rehs, der im Dritten Reich Stahlhelmer, Sozialdemokraten und Juden verteidigt hatte, auch alle Angriffe gegen seinen Vertriebenen-Bund ab. Auf kritische Fragen nach der Anzahl der Vertriebenen, die noch aktiv für ihr Recht auf Heimat eintreten, stellte er die Gegenfrage: »Wieviel Aktive hat denn die evangelische Kirche, die sich aktiv zum Protestantismus bekennen?« Er selbst erklärte zunehmendes Desinteresse der Vertriebenen mit einem Goethe-Zitat: »Begeisterung ist keine Heringsware« die man einpökelt auf einige Jahre.«

Solche Erkenntnisse des FlUchtlingsfunktionärs fanden in seinem Wahlkreis ebensowenig Anklang wie die Rehs-Beteuerung: »Das Absinken der NPD ist wesentlich mit darauf zurückzuführen, daß der BdV eine ganz feste Haltung gegen Extremismus von rechts und links eingenommen hat.« Die Holsteiner Genossen wollen nun den Neumünsteraner Stadtrat Walter Tiemann, 42, der im schleswigholsteinischen Landtag sitzt und der Neumünsteraner Tiergarten-Vereinigung vorsteht, in den Bundestag schicken.

Dagegen erhob SPD-Schatzmeister Alfred Nau im Auftrage des SPD-Bundesvorstands Einspruch. Schriftlich ließ er die Genossen wissen, daß »aus bestimmten Gründen« auf eine Kandidatur von Reinhold Rehs Wert gelegt werden müsse.

Seinen Wert für die Partei schätzt der gelernte Rechtsanwalt Rehs, der 1948 »nach einer sehr intensiven persönlichen und politischen Inventur« in die SPD eingetreten war, außerordentlich hoch ein: »Es »gibt in der Bundesrepublik zehneinhalb Millionen Vertriebene und drei Millionen Zonenflüchtlinge. Das sind also rund neun Millionen Wählerstimmen.«

Von diesen Zahlen beeindruckt, machten die Unionsparteien dem Vertriebenen-Chef deutliche Avancen. Das CSU-Organ »Bayern-Kurier« sicherte ihm »jederzeit die Unterstützung der Union« zu. Ein offizielles CDU/CSU-Angebot, den vertriebenen Roten auf eine schwarze Landesliste zu setzen, würde Rehs jedoch »freundlich dankend ablehnen«.

Zudem gaben ihm schon die ersten Gespräche mit Genossen des Parteivorstandes in Bonn »Anlaß zu der Annahme, daß sie alles ihnen Mögliche tun werden, um eine angemessene Lösung zu finden« -- einen guten Platz auf einer anderen Landesliste.

Kommt Rehs wieder in den Bundestag, so möchte er sein Mandat keinesfalls länger als zwei Jahre ausüben. Mit 70 Jahren will er sich aus der Politik zurückziehen, denn »ich habe nicht die Absicht, mich auf der Bahre aus dem Bundestag tragen zu lassen«.

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