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HANDEL / CHAMPIGNON-HAUSSE Auf deutschem Mist

aus DER SPIEGEL 43/1968

Aus Kellern, Bunkern und dunklen Gewächshäusern nahm Albert Roos, 27, drei Dutzend Vollzugsmeldungen entgegen. Dann diktierte er einen Rundbrief; »Die Champignon-Zentrale West eröffnet am 1. November 1968.«

Der Chef der Erzeugergroßmarkt eGmbH Krefeld rüstet in seinen 9000 Quadratmeter großen Gemüsehallen zur ersten konzentrierten Absatzkampagne deutscher Champignon-Betriebe. Im Bunde mit 32 niederrheinischen Züchtern will er in Warenhäusern, Obst- und Gemüseläden den Kampf mit der ausländischen Pilz-Konkurrenz aufnehmen.

Denn die fremden Lieferanten aus Formosa, Frankreich und Japan profitieren am meisten davon, daß Champignons auf dem deutschen Mittagstisch zum Standardgemüse werden. Schon jetzt ist die Bundesrepublik der größte Champignon-Importeur der Welt. 1967 kauften Bundesbürger aus dem Ausland 31 359 Tonnen konservierte und 3106 Tonnen frische Champignons. Deutsche Züchter brachten es nur auf einen Marktanteil von 30,3 Prozent, 15 000 Tonnen.

Der Champignon-Konsum wächst ungestüm. 1948 aßen nur Sammler diese Pilze, der Pro-Kopf-Verbrauch in der Statistik betrug Null. 1955 stieg er auf 60 Gramm, und 1967 verzehrte jeder Bundesbürger 630 Gramm.

Deutschlands Züchter, während des Krieges zur Untätigkeit verdammt, konnten erst nach der Währungsreform in Kellern, Bunkern und ehemaligen Luftschutzräumen neu anfangen. Aus Pferdemist formten sie Hügelbeete, von denen dreimal im Jahr geerntet wurde.

Erst spät hatten die deutschen Pilzzüchter Geld genug, um ihre Betriebe modernisieren zu können. Altmeister Wilhelm Hunte aus dem hannoverschen Ahlern zum Beispiel verlagerte seine Zucht in vollklimatisierte Kulturhäuser, die heute drei Millionen Mark wert sind. In Huntes Champignon-Fabrik werden Kisten auf einer Bandstraße vollmechanisch mit Dung gefüllt und mit Champignon-Brut besetzt. Gabelstapler befördern sie dann zu den einzelnen Reifungsstationen. Hunte: »Allein der Maschinenaufwand kostete mich 250 000 Mark.«

Die ersten Investitionen waren kaum verdient, da stoppte die Bundesregierung den Expansionsdrang der Branche. Mitte 1959 liberalisierte sie in einem Alleingang alle Champignon-Importe und löste damit eine Schwemme aus.

Geschäftstüchtige Taiwanesen organisierten den Nachschub für den deutschen Markt. Mit Tageslöhnen von 1,45 Mark konnten sie billig produzieren. Ergebnis: Allein in den Jahren 1963 und 1964 rollten 29 478 Tonnen Champignons aus Formosa in die Bundesrepublik.

Der Vorsitzende des Bundes Deutscher Champignonzüchter, Joseph Willeke, registrierte »die schwerste Krise aller Zeiten«. Die Zahl der deutschen Züchter sank von 260 auf 225. Ihr Marktanteil fiel von 70,6 Prozent (1959) auf 21,6 Prozent (1963).

Willekes Versuch, in Bonn Hilfe zu erhalten, schlug fehl. Der Branche blieb nichts anderes übrig, als sich selbst zu helfen: Die Züchter legten ihre Konservierungsanlagen still und konzentrierten sich auf den Verkauf frischer Champignons.

Überdies konnten sie nach vielen Versuchen ihre Anbaumethoden erheblich verbessern. Hatten sie früher dreimal im Jahr geerntet, so bringen sie es heute auf sechs Ernten. Geschickte Züchter rupfen von einem Quadratmeter Kistenfläche bis zu 90 Kilogramm.

Deutschlands größtes Pflanzenversandhaus, die Elmshorner Firma Horstmann u. Co., versendet sogar »Champignon-Zimmerkulturen« zum Preise von 6,30 Mark in durchsichtigen Kunststoffbeuteln. Horstmann-Slogan: »Bei Ankunft Beutel öffnen und wachsen lassen.«

Großmarkt-Chef Roos in Krefeld will seinen 32 Züchtern ersparen, daß durch stellenweises Überangebot die Preise zu tief fallen, und andererseits den Abnehmern regelmäßige Lieferungen garantieren.

Falls das Krefelder Experiment glückt, werden »weitere Champignon-Zentralen eingerichtet« (Verbands-Chef Willeke). Lediglich wenn deutsche Rennställe nicht mehr genügend Pferdemist liefern, wäre der Aufschwung der Pilz-Gärtner gefährdet.

Als Züchter Hunte zum Beispiel seinen Betrieb vergrößerte, fand er zunächst keinen potenten Dunglieferanten. Hunte überwand die Krise mit einer Investition, zu der ihn die Trainer der hannoverschen Rennbahn ermunterten: Der Pilzzüchter schaffte sich acht Pferde an und ist seitdem Rennstallbesitzer.

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