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MEDIZIN-STUDIUM Auf die Pelle

Mit einem Trick versuchten die Ländergesundheitsminister, die von ihnen in die ärztliche Vorprüfung eingebauten Fehler auszubügeln. Der wichtigste Punkt blieb allerdings ungeklärt.
aus DER SPIEGEL 21/1981

Man werde, so hatte Gesundheitsministerin Antje Huber in Bonn protestierenden Studenten versprochen, das Thema nun grundsätzlich angehen. Was ihre Amtskollegen aus den Bundesländern am Mittwoch vergangener Woche in vierstündiger Beratung ausknobelten, klang nicht danach. Teilnehmer sprachen von einem »gerade noch tragbaren Willkür-Akt«.

Sieben Wochen nach dem Debakel mit den medizinischen Vorprüfungen, bei denen im März 56,2 Prozent der Kandidaten durchgefallen waren (1980: 19,1 Prozent), korrigierten die Gesundheitsminister das Resultat mit einem Trick: 31 Fragen wurden als richtig beantwortet angerechnet.

Schalmeienklänge für einen Großteil der 2644 Medizin-Studenten: Sie haben das gefürchtete Physikum bestanden, obwohl sie nach geltender Prüfungsordnung eigentlich durchgefallen sind.

Der Fragebogen, so begründeten die Länderminister ihr Geschenk, sei erheblich schwieriger und fintenreicher zusammengestellt worden als in den Vorjahren. Von den Prüfern als einfach eingestufte Fragen konnten selbst Fachleute nicht auf Anhieb lösen. Der Testbogen von 1981 verstoße deshalb gegen den Grundsatz der Gleichheit.

Mit ihrer Kritik an den Multiplechoice-Fragebögen, bei denen jeweils eine von mehreren möglichen Antworten angekreuzt werden muß, rüffelten die Länderminister auch sich selbst. Denn sie führen zusammen mit dem Bund die Aufsicht über das Mainzer Institut für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen (IMPP), wo rund 70 haupt- und 130 nebenamtliche Experten formulieren, was die zukünftigen Ärzte zur Verzweiflung treiben kann. »Beim IMPP«, bekennt der nordrhein-westfälische SPD-Sozialminister Friedhelm Farthmann, »haben wir die Zügel zu locker in der Hand gehabt.«

Doch es waren gerade die Politiker, die auf knappe Studienplätze und das angeblich zu flache Niveau der Mediziner-Ausbildung blickten und deshalb mit wachsendem Wohlwollen verfolgten, wie die Mainzer die Klausur systematisch erschwerten.

Konnten sich die Studenten im Frühjahr 1980 noch darauf verlassen, daß 40 Prozent aller Prüfungsfragen bereits in den Testbögen vergangener Jahre enthalten waren, sich stures Auswendiglernen mithin lohnte, betrug im März 1981 der Anteil an Alt-Fragen nur noch 21 Prozent. Auch die Mischung leichter und kniffliger Fragen änderte sich zum Nachteil der Hochschüler. Zudem reichte es bis vor zwei Jahren aus, die Hälfte aller Fragen einwandfrei zu lösen, jetzt müssen 60 Prozent der Antworten richtig sein.

»Die exorbitant hohe Durchfallquote« (Bundeskanzler Helmut Schmidt) machte den an den Universitäten bislang unauffälligen Ärzte-Nachwuchs mobil. »Auf die Dauer hilft nur Power«, reimte die Hamburger Fachschaft auf einem in 10 000facher Auflage verbreiteten Flugblatt.

Am Donnerstag vorletzter Woche nahmen 8000 angehende Mediziner die Losung »Rückt der Huber auf die Pelle« (Transparent-Text) so wörtlich, daß Ministerin Antje Huber ihren Bonner Amtssitz nur unter Polizeischutz verlassen konnte.

Von der Gesundheitsministerin fühlen sich die Arzt-Anwärter verraten, weil sie sich gegen die Wiedereinführung der »18-Prozent-Gleitklausel« sperrt. Diese Klausel, die 1978 entfiel, ermöglichte es jedem Prüfling, der die erforderliche Punktzahl nicht geschafft hatte, dennoch zu bestehen, wenn er nicht mehr als 18 Prozent unter dem Bundesdurchschnitt lag.

Die Ministerin befürwortet statt dessen eine Zehn-Prozent-Klausel. Einen Beschluß über die strittige Frage vertagten die Minister in der vorigen Woche vorerst.

Über soviel Zuwendung können sich Auszubildende anderer Fachrichtungen nur wundern. Bei Zahntechniker-Prüfungen etwa sind Durchfallquoten von 60 Prozent nicht selten. Das freilich ist für die Länderminister kein Thema.

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