Zur Ausgabe
Artikel 7 / 48

JAHRHUNDERTWEIN Auf die Strümpfe helfen

aus DER SPIEGEL 11/1960

Mit einer ungewöhnlichen Offerte wurden einige in Fragen des Weinbaus und Weinhandels versierte Herren in der vorletzten Woche bei Bundesernährungsminister Werner Schwarz vorstellig: Abgesandte des Präsidenten des Deutschen Weinbauverbands, Richard Graf Matuschka-Greiffenclau, und mit ihnen der Geschäftsführer des Deutschen Weinhandelsverbands, Dr. Heinrich Fahrnschon.

Entgegen der sonstigen Übung verdienter Agrarier, billige Einfuhren auch dann zu bremsen, wenn der heimische Markt knapp beschickt ist, baten Weinhändler Fahrnschon und Matuschkas Weinbaufunktionäre namens ihrer Verbände um Einfuhren von 250 000 Hektoliter ausländischen Konsumweins.

Dieses in der Geschichte der westdeutschen Ernährungswirtschaft außergewöhnliche Einfuhrbegehren muß um so mehr überraschen, als die Weinbauern an Rhein, Main und Mosel niemals mehr heimische Trauben durch ihre Keltern gequetscht haben als in den vergangenen beiden Jahren. So berichtet der Deutsche Weinbauverband, daß die Ernte des vorletzten Jahres rund 4,8 Millionen Hektoliter und die des letzten Jahres 4,3 Millionen Hektoliter erbracht haben. Das entspricht zusammen einem Ertrag von vier normalen Jahrgängen. Im Jahre 1957 konnten beispielsweise nur 2,3 Millionen Hektoliter abgefüllt werden.

Selbst wenn man berücksichtigt, daß die Qualität des Jahrgangs 1958 keineswegs den Erwartungen der deutschen Weintrinker entsprach und ihm nach Schätzungen der Weinhändler rund zwölf Prozent Zuckerwasser zugesetzt werden mußten, fiel die Ernte zur Zufriedenheit der Winzer aus.

Trotz dieser Rekordernte haperte es in den vergangenen Monaten mit dem Weinangebot. So gab der Weinbauverband Ende Februar die Meldung aus: »Obwohl in zwei aufeinanderfolgenden Jahren die seit Anfang dieses Jahrhunderts mengenmäßig größten Weinernten in der Bundesrepublik eingebracht wurden ... und die Importkontingente ständig aufgestockt wurden, klagt der deutsche Weinhandel darüber, daß angeblich nicht genügend preiswerte Trinkweine zur Verfügung ständen.«

Welchen Weg die 58er Rekordernte genommen haben mag, darüber mochten weder Weinbauchef Matuschka noch Weinhändler Fahrnschon erschöpfend Aufschluß geben. Weinbauverband und Weinhändler-Vereinigung ergingen sich jeweils in düsteren Andeutungen über den Verbleib der Millionen Hektoliter. Dabei vermutet jeder, der andere habe den Wein zu spekulativen Zwecken dem Konsum entzogen und in seinen Kellereien verschwinden lassen.

Diese gegenseitigen Verdächtigungen erhalten insofern Gewicht, als nach der Übereinstimmenden Meinung beider Interessenverbände die Zunahme des westdeutschen Weinkonsums von acht Litern pro Kopf der Bevölkerung im Jahre 1958 auf 10,5 Liter im vergangenen Jahr nicht ausgereicht haben kann, das enorme Angebot zu vertilgen.

In der Tat erscheint die Hortungstheorie um so einleuchtender, als die 58er Weine bei knapp mittlerer Qualität zu Beginn des vergangenen Jahres mit kräftigen Abschlägen gehandelt wurden. Konsumweine des Jahrgangs 1958 wurden im Winter vergangenen Jahres im Einzelhandel bis zu 98 Pfennig je Flasche herunter notiert. Die Winzer des traditionellen Konsumwein -Gebiets der Oberhaardt (Pfalz) beispielsweise erhielten für den Jahrgang 1958 50 bis 60 Pfennig pro Liter. Allerdings wog der beträchtliche Ernteertrag von 120 Hektoliter pro Hektar gegenüber einer normalen Ausbeute von 70 Hektoliter den Preisabschlag nahezu völlig auf.

Obwohl die Gesamteinnahmen sich trotz der mäßigen Qualitäten durchaus im Rahmen hielten, trachteten Händler und Winzer höhere Gewinne aus den wohlgefüllten Fässern zu schlagen.

Dabei kam ihnen jenes mildtätige Gesetz aus dem Jahre 1930 entgegen, das, deutsches Weingesetz genannt, den Winzern »gestattet, Wein aus Erzeugnissen verschiedener Herkunft oder verschiedener Jahre herzustellen«. Des weiteren heißt es in diesem Gesetz, daß dem Wein eines bestimmten Jahrgangs bis zu einem Drittel Wein eines anderen Jahrgangs beigemischt werden kann, ohne daß es deklariert oder in der Jahresbezeichnung vermerkt werden muß.

Da nun der Wein des Jahrgangs 1957 im Gegensatz zu seinem wohlfeilen Nachfolger noch immer zu Liebhaberpreisen verkauft wird, lag es nahe, sich der Paragraphen des Weingesetzes zu erinnern und zwei Teile des teuren 57er Getränks mit einem Teil 58er Wein zu verschneiden. So konnte man statt 50 Pfennig pro Liter 58er Wein bis zu 1,30 Mark je Liter erlösen. Die Rendite der Winzer kletterte ebenso, wie die Qualität des 57er Weines und das Angebot des 58er Weines sanken. Als sich dann die Herbstsonne des Jahres 1959 über die Weinhänge senkte, war es mittlerweile auch Branchenunkundigen klar, daß ein Jahrhundertwein an den Rebstöcken hing. Die Freude über dieses Ereignis raubte Händlern und Winzern allerdings nicht den schlau berechnenden Erwerbssinn. An Rhein und Mosel entsann man sich augenblicklich der Möglichkeit, auch den als Jahrhundertwein bereits vorverkauften Jahrgang 1959 mit dem von der Sonne schlechter bedachten Jahrgang 1958 ein bißchen zu strecken.

Als ausreichende Handhabe für dieses Vorgehen erschien Fahrnschon der Hinweis auf den hohen Alkoholgehalt und die beträchtliche Milde des 59er Weines, Eigenschaften, die einem Jahrhundertwein nicht gut anstehen, da die fehlende Säure die Haltbarkeit herabsetzt und den Charakter des Weins mindert. Daher sei es zu begrüßen, so erklärte Fahrnschon, »dem 59er, der zum großen Teil effektiv zu wenig Säure hat, etwas auf die Strümpfe zu helfen«.

Obwohl nun bislang noch sehr zweifelhaft ist, ob ein Großteil des letzten Weinjahrgangs einer solchen Auffrischung bedarf, verschwanden in den vergangenen Monaten auch jene Millionen Hektoliter der 58er Ernte, die noch nicht mit dem Jahrgang 1957 verschnitten worden waren.

So warf Matuschka-Greiffenclau den Händlern vor, sie hätten seit dem vergangenen Sommer 1,9 Millionen Hektoliter des Jahrgangs 1958 »zu äußerst niedrigen Preisen« von den Winzern erhalten, den sie bis heute zurückgehalten hätten. Die Händler argwöhnen ihrerseits, Matuschkas organisierte Winzer hielten ebenfalls noch etwa eine Million Hektoliter des Jahrgangs 1958 in ihren Kellergewölben versteckt, um damit den 59er Sonnenwein zu versauern.

Bei dieser Lage der Dinge erschien es beiden Seiten vorteilhaft, den Streit beizulegen und statt dessen die Angebotslücke vorerst mit billigen ausländischen Weißweinen aufzufüllen. Bundesernährungsminister Werner Schwarz hat denn auch während der vergangenen Wochen Einfuhren von insgesamt 250 000 Hektoliter ausländischen Weißweins ausgeschrieben.

Diese Weine sollen den Durst der westdeutschen Konsumenten so lange stillen, bis der Jahrhundertwein des Jahrgangs 1959, nachdem ihm durch kräftige Zusätze des Weinjahrgangs 1958 der nötige Halt verliehen worden ist, zu hohen Preisen auf dem Markt erscheint.

Weinbauer Matuschka-Greiffenclau

Ein Jahrgang verschwand

Zur Ausgabe
Artikel 7 / 48
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.