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Südwestafrika Auf eigene Faust

Ein Streik schwarzer Arbeiter bringt Südafrikas weißes Apartheids-Regime in Verlegenheit.
aus DER SPIEGEL 3/1972

In der südwestafrikanischen Hauptstadt Windhuk entluden weiße Schuf. jungen Eisenbahnwaggons. Weiße Studenten halfen beim Viehtoten in den Schlachthöfen. Weiße Hausfrauen in den Villen der feineren Wohngegenden mußten eigenhändig kochen und abwaschen. Weiße Schichtführer in den Kupfer- und Zinnbergwerken des Landes schufteten als Hilfsarbeiter.

Südwestafrikas Gesellschaftsordnung, die rund 95 000 Weißen auf Kosten von über einer halben Million Schwarzen ein Herrenleben ermöglicht, schien auf den Kopf gestellt.

Denn erstmals in der jüngsten Geschichte der ehemals deutschen Kolonie, die heute von Südafrika verwaltet wird. verweigerten schwarze Arbeiter den weißen Herren ihre Dienste: Etwa 12 000 Mitglieder des Ovambo-Stammes -- der fast die Hälfte der Gesamtbevölkerung stellt -- protestieren seit fast vier Wochen mit einem Streik gegen ihre Arbeitsbedingungen.

Es sind Bedingungen, die, so der Londoner »Guardian«, »in voller Absicht regelrechte Sklaventreiberei« bedeuten.

Ovambos. die außerhalb ihres im Norden Südwestafrikas gelegenen Stammlandes arbeiten wollen (etwa 50 000 pro Jahr), dürfen sich nicht selbst einen Broterwerb suchen. Sie waren bislang gezwungen, einen Vertrag mit einer zentralen »Gesellschaft für Eingeborenenarbeit« (Swanla) abzuschließen, die ihnen einen Arbeitsplatz zuweist.

Nur selten verdienen die Kontraktarbeiter mehr als ungefähr 175 Mark im Monat. Ovambo-Arbeitskräfte, die als Haushaltshilfen in die weißen Vorortsiedlungen der Hauptstadt vermittelt werden, müssen sich mit 100 Mark Monatslohn begnügen.

Während der meist achtzehnmonatigen Vertragsdauer dürfen die von der Swanla Angeheuerten ihre Familien daheim nicht besuchen; sie hausen in trostlosen Barackengettos. Wer seinen Arbeitsplatz wechselt oder vorzeitig verläßt, wird bestraft.

Dennoch schienen sich die Ovambos bisher mit ihrem Platz auf den untersten Stufen einer ungerechten Rassengesellschaft abgefunden zu haben. Während etwa eine andere bedeutende schwarze Bevölkerungsgruppe des Landes, der Stamm der Hereros -- der schon gegen die deutschen Kolonialherren rebelliert hatte -, seit langem ein unabhängiges Südwestafrika ("Namibia") fordert. hielt das Bauernvolk der Ovambos stets geduldig still.

Als Belohnung machte das Regime von Pretoria das Ovamboland, ein Gebiet von der dreifachen Größe Hessens, das an die portugiesische Kolonie Angola grenzt, zum ersten von elf für Südwestafrika geplanten »Bantustans« -- zu einem Eingeborenenreservat mit einem Pseudo-Parlament von Pretorias Gnaden.

Gehorsam lobten darob Ovambo-Häuptlinge das südafrikanische Konzept von der »getrennten Entwicklung der Rassen«. »In meinem

Land gibt es keine Ungerechtigkeit gegen den schwarzen Mann«; beteuerte im vergangenen Sommer der oberste Ovambo-»Minister« Ushona Shiimi gegenüber Auslandskorrespondenten. »Bei einer Volksabstimmung würden sich die Ovambos dafür entscheiden, unter südafrikanischem Schutz zu bleiben.«

Doch wenige Monate nach dem Tod ihres Chefs Shiimi veranstalteten die Ovambos »auf eigene Faust ein formloses, aber mutiges Plebiszit« ("Guardian").

Ermutigt wurden sie, so behauptet die Regierung, durch südwestafrikanische Geistliche. Der schwarze Bischof Dr. Auala und der Pastor Gowaseb forderten kürzlich in einem offenen Brief an Premier Vorster die Sicherung der Menschenrechte für die Schwarzen und die Abschaffung der Kontraktarbeit.

Mitte Dezember traten die ersten 6000 Ovambos im Barackenlager von Katutura bei Windhuk in den Hungerstreik und verbarrikadierten sich hinter den Mauern ihres Gettos, Sie forderten mehr Lohn und das Recht auf freie Arbeitswahl. Blitzschnell griff der Ausstand auf die Häfen von Walfischbai Lind Swakopmund und auf das riesige Bergwerksgebiet von Tsumeb über.

Ende Dezember erreichte die Protestwelle das letzte noch arbeitende Bergwerk des Landes -- die Diamantminen des anglo-amerikanischen Oppenheimer-Konzerns, Consolidated Diamond Mmes in Oranjemund, Südwestafrikas wichtigsten Devisenbringer. Die knapp 4000 Ovambo-Diamantenbuddler in Oranjemund arbeiteten zwar zunächst noch weiter, erklärten aber dem Minenmanager, daß sie mit den Streikenden sympathisierten -- obgleich Oppenheimers Ovambos weit mehr verdienen als ihre Stammesbrüder im übrigen Land.

Den »wirtschaftlichen Ruin« vor Augen ("The Sunday Times"), eilte daraufhin eine Abordnung besorgter südwestafrikanischer Geschäftsleute zu einer Unterredung mit Südafrikas Minister für Bantufragen. Botha, nach Pretoria.

Die Regierung Vorster fürchtete einen allgemeinen Aufstand der schwarzen Massen und versprach daher, sie wolle das Kontraktarbeiter-System Ende Januar eventuell verbessern.

Durch derlei vage Versprechen aber waren die Ovambos nicht zur Wiederaufnahme der Arbeit zu bewegen. Fast alle Streikenden sind inzwischen -- auf eigenen Wunsch -- in Sonderzügen und Bussen in ihr Stammland zurückgebracht worden. In den verwaisten Jobs verdienen sich derweil weiße Schulbuben ihr Taschengeld -- das Dreifache des Normallohnes für einen erwachsenen Ovambo-Arbeiter.

Bald wird freilich selbst dieses Arbeitskräftereservoir versiegen: In diesen Tagen gehen die Schulferien zu Ende.

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