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BEHÖRDEN / VORNAMEN Auf Fremdes verzichten

aus DER SPIEGEL 35/1968

Der Knabe war erst vier Monate alt und schon populär. Sein Posteingang trug die Anschrift: »An das Baby ohne Vornamen in Burghausen/Oberbayern.«

Er war vornamenslos, weil der Standesbeamte Hermann Stumpf die Rufnamen nicht aktenkundig machen wollte, die sich die Eltern Gunter und Inge Kuhn ausgedacht hatten: Rune Torsten Ake. Stumpf, der Sepp oder Pepperl vorgeschlagen hatte, fand Ake »für Oberbayern reichlich komisch«.

Ein Hamburger Standesbeamter verwehrte es Eheleuten, den Filius auf US-Art Art zu nennen ("Sie können ja auswandern"); ein Lübecker Kollege entschied, den Jungennamen Meik gäbe es nicht, und schrieb Mike in das Geburtenregister.

Auch andernorts bestimmen letztlich nicht Eltern, sondern Standesbeamte und Gerichte, worauf Kinder von klein auf hören sollen. Dabei berufen sie sich auf Dienstanweisungen, die selbst der Bundesgerichtshof als rechtlich unverbindlich deklarierte.

Denn seit die Bundesregierung den NS-Erlaß von 1938 aufhob, wonach »Kinder deutscher Staatsangehöriger ... grundsätzlich nur deutsche Vornamen erhalten« sollten, beschneidet kein Gesetz mehr die freie Namenswahl. Allerdings -- bis 1958 hieß es noch in der Dienstanweisung für die Standesbeamten, nichtdeutsche Vornamen seien in der Regel nur zugelassen, wenn ein besonderer Grund vorliege. Und wo sie können, mißbrauchen Standesbeamte auch heute noch die Unkenntnis der Antragsteller und reden ahnungslosen Eheleuten nichtdeutsche Rufnamen aus.

Dabei hilft ihnen, daß sich Gerichte gern berufen fühlen, Richtlinien aufzustellen, wo Gesetze fehlen -- häufig mit vieldeutigen Begriffen durch vage umschriebene Generalklauseln.

»Die Wahl der Vornamen«, postulierte der Bundesgerichtshof 1959, »ist nur beschränkt durch die Grenzen, die sich daraus ergeben, daß die Namensgebung die allgemeine Sitte und Ordnung nicht verletzen darf.« Was Ordnung ist, bestimmt der Oberinspektor vom Standesamt, den Maßstab für die Namensfreiheit setzen Geschmack und Horizont des mittleren Beamten. Das reichte hin, Eltern davon abzubringen, die Tochter »Traktora« zu nennen, und hinderte 1964 eine Nato-bedienstete Französin, deren erstes Kind zwei Jahre zuvor in Lindau als »Souvenir« ins Geburtenregister einging, ihr zweites Andenken als »Deuxième Souvenir« zu verbuchen.

Beamtetem Ordnungssinn entspricht es aber auch, dem Namen eine soziale Funktion beizumessen: Er soll eindeutig Aufschluß über das Geschlecht geben. Ausnahme: Auch Jungen dürfen »Maria« genannt werden.

Willkommener Anlaß, Deutschtum zu praktizieren, bietet sich immer dann, wenn ausländische Jungennamen in Deutschland als Mädchennamen gelten oder umgekehrt. Eltern in München sollten 1959 ihre Tochter Kai Beatrice Alexandra nicht Kai rufen, weil das nach deutschem Sprachgefühl ein Männername sei. Zwei Jahre prozessierten die Eltern, verwiesen auf England, wo Mädchen Kai heißen, und verloren den Rechtsstreit. »Die Gepflogenheiten in anderen Ländern«, begründete das Landgericht München I, »sind ... nicht maßgebend.«

In Münster gab das Oberverwaltungsgericht einem Standesbeamten recht, der »Kristin« nicht als weiblich gelten ließ. Begründung: Auch die bekannte Romanfigur Kristin Lavranstochter der Norwegerin Sigrid Undset »hat es nicht vermocht, den Namen in Deutschland ... so bekannt werden zu lassen, daß er erkennbar als Bezeichnung einer weiblichen Person angesehen würde«. Wie allerdings ein Name in Deutschland bekannt werden soll, wenn ihn hierzulande keiner tragen darf, konnte das Gericht auch in letzter Instanz nicht sagen.

Nur Wasserzieher/Linnartz wissen in diesem Dilemma Rat: In ihrer Vornamensammlung »Hans und Grete«, die sich laut Geleitwort zur vierzehnten Auflage selbst zum »zuverlässigen Führer für Eltern ... und Standesbeamte« ernennt und in jedem Standesamt ausliegt, offenbart der Herausgeber seinen Grund »für Mühe und Sorgfalt": Zahl und Formen deutschstämmiger Vornamen »sind so mannigfach und schön, daß wir für Knaben und Mädchen auf fremde .., verzichten könnten«.

Manfred Caminneci, Besitzer einer Forstbaumschule in Schladern/Sieg, italienischer Abkunft, wollte, daß sein Sohn Pier Andrea Oscar heiße. Der in Italien weitverbreitete Männername Andrea ("Der Männliche") entsprach alter Familientradition. Doch der Standesbeamte in Waldbröl lehnte ab: Andrea sei nur für Mädchen zulässig. Amtsrichter Hans Froitzheim aus Bonn beschloß das Gegenteil und argumentierte politisch: »Italien gehört ... der EWG an. Die nationalen Grenzen verlieren ... an Bedeutung ... Entscheidend ist daher heute nicht mehr das örtliche Bewußtsein in Hintertupfingen, sondern das allgemeine Bewußtsein in der EWG.«

Für das Bonner Landgericht als zweite Instanz lag Hintertupfingen schließlich doch wieder näher als die EWG: Andrea wurde untersagt.

Ein Ende des amtlichen Übermuts ist nicht abzusehen. Seit 1. Juli dürfen sich Standesbeamte nach einer neuen Dienstanweisung ausrichten. Bei Zweifeln über das Geschlecht eines Vornamens, heißt es da, »ist zu verlangen, daß dem Kinde ein weiterer, den Zweifel ausschließender Vorname beigelegt wird«. Reglementiert wurde auch, in Paragraph 266 Absatz 4, daß bei »Geburten in Bergwerken ... als Geburtsort der Ort der Schachteinfahrt einzutragen« sei.

Die alte Dienstanweisung hielt die Beamten noch an, bei Namenseintragungen »jede Engherzigkeit zu vermeiden«. Der Passus ist jetzt gestrichen.

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