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SKANDINAVIEN Auf Gegenkurs

Ein sowjetischer Marschflugkörper flog über norwegisches Territorium nach Finnland und stürzte ab. *
aus DER SPIEGEL 2/1985

In seiner Neujahrsbotschaft äußerte sich Finnlands Staatspräsident Mauno Koivisto ausführlich zu einem Problem, das seinen Landsleuten zu jenem Zeitpunkt nicht gerade auf den Nägeln zu brennen schien.

Die im Norden Europas vorgesehene Stationierung einer großen Anzahl von Marschflugkörpern, so mahnte der Staatschef des neutralen Landes, beeinträchtige die Sicherheit der skandinavischen Länder auf eine neue Weise. In den bevorstehenden Gesprächen zwischen den USA und der Sowjet-Union über Rüstungskontrolle müsse deshalb »ein Verbot aller Marschflugkörper mit großer Reichweite« angestrebt werden.

Was der finnische Präsident bei dieser Passage offensichtlich im Sinn hatte, offenbarte das norwegische Verteidigungsministerium am 2. Januar. Danach war am 28. Dezember 1984 ein sowjetischer Marschflugkörper aus Richtung Barents-See in den norwegischen Luftraum eingedrungen und hatte, von Nato-Radar-Stationen verfolgt, den nördlichsten, an die Sowjet-Union angrenzenden Zipfel des Landes überflogen (siehe Karte).

In einer kleinen norwegischen Siedlung im Pasvik-Tal hätten die Häuser gewackelt, so berichteten Bürger, als das

etwa zehn Meter lange Cruise Missile kurz nach 11.30 Uhr über ihre Köpfe hinweggedonnert und in Richtung finnische Grenze verschwunden sei.

Über dem finnischen Inari-See sei der Radar-Kontakt mit dem Flugkörper abgebrochen. Auf Funkbefehl oder weil der Treibstoff ausgegangen war, habe sich das Objekt durch Absturz selbst zerstört.

Damit war zum ersten Mal das Territorium der Nato, der Norwegen als Mitglied angehört, durch ein sowjetisches Cruise Missile überflogen worden. Während Norwegen, dessen Luftabwehr von der Verteidigungsallianz überaus gelobt wurde, einen offiziellen Protest in Moskau vortrug, hielten sich die Finnen mit Rücksicht auf den mächtigen Nachbarn im Osten zurück.

Finnische Grenztruppen suchten in Winter-Dunkelheit und eisiger Kälte nach den Überresten eines für Helsinki immer noch »unbekannten Flugobjekts«. Oberstleutnant Olli Toivonen, stellvertretender Kommandeur der finnischen Grenztruppen in Lappland, kündigte an, er werde seine Soldaten mit Hubschraubern und Schneemobilen so lange suchen lassen, »bis etwas gefunden wird oder der Zwischenfall auf andere Weise geklärt wurde«.

Das norwegische Verteidigungsministerium hingegen ist sich seiner Sache ziemlich sicher und identifizierte die fliegende Bombe als einen sowjetischen Marschflugkörper älteren Typs, der von einem U-Boot gestartet werden und einen nuklearen oder konventionellen Sprengkopf mit einer Tonne Gewicht etwa 400 Kilometer weit transportieren kann. Der Eindringling vom 28. Dezember sei freilich eine Übungsbombe ohne Sprengkopf gewesen, die möglicherweise als Drohne, als fliegende Zielscheibe für Luftabwehrmanöver, gedient habe.

Die Angaben der Militärs in Oslo konnten deshalb so präzise sein, weil die Radar-Überwachung in der Nähe des Nordkaps besonders intensiv ist. Nur etwa 100 Kilometer östlich jenes Punktes, an dem die Grenzen der Sowjet-Union, Norwegens und Finnlands zusammentreffen, liegt der eisfreie Sowjethafen Murmansk auf der Halbinsel Kola, wo die Sowjet-Union einen großen Teil ihrer militärischen Macht konzentriert hat. Hier hat die sowjetische Nordmeer-Flotte ihr Hauptquartier, hier sind zwei Drittel der strategischen U-Boote der Sowjet-Union sowie taktische und strategische Luftwaffen-Verbände stationiert.

In der angrenzenden Barents-See testet die Sowjet-Union auch ihre neueste Generation von Marschflugkörpern, die es an Präzision und Reichweite mit den amerikanischen Cruise Missiles aufnehmen soll.

Diese fliegenden US-Bomben sollen mit Unterschallgeschwindigkeit die sowjetische Radarabwehr unterfliegen und mit Hilfe eines komplizierten Navigationssystems auf Schleichwegen und im Schutze der Geländekonturen ihre Sprengköpfe über Tausende von Kilometern präzise ins Ziel bringen.

Ihre U-Boot-Version dieses Waffensystems erproben die Sowjets üblicherweise im Meer vor Murmansk. Die Projektile werden in nordöstlicher Richtung abgefeuert und landen irgendwo auf dem polaren Packeis oder entlang der unbesiedelten arktischen Nordküste der Sowjet-Union.

Doch der Irrflugkörper des Jahresendes befand sich genau auf Gegenkurs. Er verließ die Barents-See in Richtung Südwest und gelangte so über norwegisches Territorium nach Finnland. Anders als die amerikanischen Marschflugkörper, die ihr Ziel in Baumwipfelhöhe erreichen sollen, flog das sowjetische Projektil so hoch - Helsinki sprach offiziell von »mehreren Kilometern Höhe« -, daß es von den Radargeräten beider Länder leicht erfaßt werden konnte.

Nato-Experten in Oslo und im Brüsseler Hauptquartier schließen deshalb eine sowjetische Provokation oder einen bewußten Test der Nato-Abwehreinrichtungen im hohen Norden aus. General Frederick Bull-Hansen, Chef des norwegischen Verteidigungsstabes, bewertete den Vorgang als unbeabsichtigten Zwischenfall - auch wenn sich Moskau erst Ende vergangener Woche sowohl bei den Norwegern als auch bei den Finnen für das »fliegende Objekt« entschuldigte.

Als weiteres Indiz für das Fehlen böser Absicht bei den Sowjets wird in der Nato-Zentrale der Zeitpunkt des Zwischenfalls gewertet. Wenige Tage vor dem Wiederbeginn offizieller Gespräche zwischen US-Außenminister George Shultz und seinem sowjetischen Kollegen Andrej Gromyko über Rüstungskontrolle in Genf (siehe Seite 84) könne Moskau nicht an einer Verschärfung der Spannungen gelegen sein.

Daß auch die USA gegenwärtig kein Interesse daran haben, den Vorfall hochzuspielen, zeigt die Reaktion in Washington, dessen regierende Konservative sonst einer polemischen Konfrontation mit Moskau nur ungern aus dem Wege gehen. Ein Sprecher des Pentagons erklärte mit ungewohnter Milde, es habe sich wohl nicht um eine beabsichtigte Provokation, sondern um einen Fehler im Steuerungssystem des Flugkörpers gehandelt: Hatte die Hot-Line, die Telex-Verbindung zwischen den USA und der Sowjet-Union für den Notfall, funktioniert? Die Leitung führt über Finnland.

[Grafiktext]

Kilometer Route des sowjetischen Flugkörpers Barents-See NORWEGEN Murmansk Pasvik-Tal Inari-See Halbinsel Kola SCHWEDEN FINN-LAND SOWJET-UNION Weißes Meer

[GrafiktextEnde]

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