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FERNSEH-GERÄTE Auf Halde

aus DER SPIEGEL 48/1960

Mit drei Millionen Broschüren, einem Sonderetat von 500 000 Mark und Anzeigen in Tageszeitungen mit 15 Millionen Exemplaren Gesamtauflage ist die westdeutsche Fernsehwirtschaft seit kurzem bestrebt, den unbefriedigenden Verkauf neuer Geräte anzukurbeln und eine aufkommende Furcht vor dem Weihnachtsgeschäft zu bannen. Die Pamphlete und Inserate hämmern der Kundschaft ein: »Zögern Sie den Fernsehkauf nicht länger hinaus; Sie können mit jedem der jetzt erworbenen Geräte auch das zweite und jedes weitere Programm empfangen.«

Die Großhersteller der Gucklochkästen verstärken auch ihre Firmen-Verkaufswerbung. Die Deutsche Philips GmbH beispielsweise placierte nicht nur ganzseitige Anzeigen in rund 25 Millionen Zeitungsexemplaren. Sie ließ außerdem eine Million knallgelber Plakate an die Litfaßsäulen kleben, auf denen eindringlich versichert wird:

Im Januar oder Februar 1961 werden die gleichen Geräte angeboten, die Sie Jetzt auch kaufen können ... Also kaufen Sie heute in Ruhe.

Die Branche sah sich zu solchem außerplanmäßigen Reklameaufwand genötigt, nachdem die Verkaufszahlen der vergangenen Monate um zehn bis 40 Prozent hinter ihren Erwartungen und Voranschlägen zurückgeblieben waren. Die Industrie muß daher befürchten, daß sich ihre ohnehin »relativ hohen Lagerbestände« ("Handelsblatt") bald zu Fernseh-Halden türmen könnten.

Ihre Marktforscher brauchten keine tiefgründigen Untersuchungen anzustellen: Die Absatz-Verlangsamung ist eindeutig in dem unerquicklichen Streit um das Zweite Fernsehprogramm begründet. Hans Klaus Oppe, Geschäftsführer des Verbandes der Radio- und Fernseh-Einzelhändler, konstatierte:

»Der Streit hat zu einer totalen Verwirrung der Käufer geführt. Der Bund will das Zweite Programm ab 1. Januar 1961 ausstrahlen, die Länder wollen das unterbinden und sprechen gleichzeitig von einem dritten und vierten Programm. Die Käufer wissen nicht, was los ist, und ziehen ihre Konsequenzen: Sie stellen die beabsichtigten Gerätekäufe zurück.«

Die Enttäuschung der Flimmerbranche darüber ist um so schmerzlicher, als Bundeskanzler Adenauer mit seinen Fernsehplänen zunächst außerordentlich verkaufsfördernd gewirkt hat. Die neuen Fernsehkästen wurden zügig abgesetzt, denn die Tatsache, daß die Industrie bis Ende 1961 nicht alle alten Empfänger für das Zweite Programm »umrüsten« kann (SPIEGEL 37/1960), löste einen Run auf die neuen TV-Empfänger aus.

Die Industrie forcierte deshalb ihre Produktion. Waren im Jahre 1959 rund 1 898 000 Stück hergestellt worden, so sollten es 1960 2 200 000 Geräte sein.

Je mehr sich indes der Streit zwischen Bund und Ländern zuspitzte, desto größere Zurückhaltung legten sich die Käufer auf. Als schließlich die sozialdemokratisch regierten Länder Niedersachsen und Hessen sowie die Stadtstaaten Hamburg und Bremen die von Bonn gegründete Deutschland-Fernsehen GmbH beim Bundesverfassungsgericht verklagten und eine Einstweilige Anordnung gegen die Ausstrahlung eines Zweiten Programms beantragten*, ging die Nachfrage auf einen Schlag stark zurück. Einander widersprechende Meldungen über den Termin, an dein das Zweite Programm beginnen werde, verstärkten die Verwirrung. Meldete zum Beispiel die »Deutsche Zeitung« am 31. Oktober, es stehe nunmehr »fest, daß das Zweite Programm am 1. Januar über die Bildschirme flimmern wird«, so berichtete zwei Tage später »Die Welt« selbst »Regierungskreise in Bonn« rechneten nicht mehr mit dem Beginn der Sendungen zum Jahresanfang 1961.

Beim Einzelhandel schlug sich diese Ungewißheit in rückläufigen Verkaufsziffern nieder. Obwohl die Geräteherstellung auf vollen Touren lief und über den Produktionsziffern des Vorjahres lag, sackten laut Statistik des Bundespostministeriums die Neuanmeldungen von Fernsehgeräten im dritten Quartal 1960 sogar unter die des Jahres 1959 ab. Die Anmeldungen betrugen

- im Juli 1960 44 291 (Juli 1959: 58 282),

- im August 1960 66 931 (August 1959: 67 433) und

- im September 1960 101 250 (September 1959: 102 036).

Speziell für den westdeutschen Binnenmarkt wurden im Monat Juli etwa 130 000 Geräte hergestellt, im September aber nur rund 100 000 Geräte bei der Post angemeldet (in der Fernsehbranche rechnet man, daß es rund zwei Monate dauert, bis die neuen Geräte in den Ladengeschäften stehen). Erst der Oktober übertraf das Vorjahrsergebnis.

Die Fernsehwirtschaft rechnet nach in England gemachten Erfahrungen damit, sechs bis acht Millionen Geräte in der Bundesrepublik absetzen zu können. Da bisher erst etwa 4,6 Millionen Apparate verkauft sind, ist der tatsächliche Bedarf noch bei weitem nicht gedeckt. Der Programm-Wirrwarr schreckt jedoch ebenso die Erstkäufer ab - die das Gefühl haben, solange nur ein Programm gesendet wird, sei das Fernsehen nur eine halbe Sache - wie Besitzer von mittlerweile veralteten Empfängern (insbesondere jener mit kleinem Bildschirm oder dem unförmigen, rückwärts herausragenden Röhrenteil) und die »notorischen Erneuerer«, die alle längst zum Kauf entschlossen sind.

Die Kauflust der Alt-Fernseher litt außer unter dem Fernsehstreit auch unter der sich abzeichnenden Gewißheit, daß bei TV-Geräten während der letzten Jahre wohl die größte Werteinbuße unter allen Artikeln der gehobenen Konsumsphäre zu verzeichnen war.

Nach einem Schätzungsmodus nämlich, der deutsche Wertarbeit voraufgegangener Jahre nicht gerade hoch veranschlagt, setzen die Elektrofachleute und -händler jeweils in München Taxpreise für Altgeräte fest, die von der Händlerschaft bei Inzahlungnahme angewendet werden sollen. Dieser Abwertungstabelle entsprechend werden gegenwärtig für Fernsehgeräte der Produktionsjahre bis einschließlich 1958 im Durchschnitt nicht mehr als fünf bis zwölf Prozent des Neuwerts vergütet.

Nach den Münchner Schätzungstabellen, die der Franzis-Verlag den Händlern zustellt, wird

- für ein Telefunken-Gerät Fe 12/43 St, Baujahr 1956/57 und Anschaffungspreis 898 Mark, ein Taxpreis von 81 Mark,

- für ein Telefunken-Gerät Fe 12/43 Sf, Baujahr 1956/57 und Anschaffungspreis 1318 Mark, ein Taxpreis von 119 Mark,

- für ein Philips-Gerät Typ R Krefeld, Baujahr 1954/55 und Anschaffungspreis 698 Mark, ein Taxpreis von 35 Mark,

- für ein Philips-Gerät Typ Michelangelo, Baujahr 1957/58 und Anschaffungspreis 1695 Mark, ein Taxpreis von 204 Mark

angegeben. Obwohl einzelne Händler sich nicht an diese Schätzungen halten, sondern zwischen 50 und 100 Mark mehr vergüten, bleibt der Anrechnungswert der Altgeräte beim Neukauf abschreckend niedrig.

Der Fernsehstreit zwischen Bonn und den Ländern hat schließlich auch das Umrüstungsgeschäft der Fernsehindustrie außerordentlich stark in Mitleidenschaft gezogen. Trotz intensiver Werbung und mahnender Hinweise darauf, daß, wer nicht schnell kommt, unter Umständen Monate oder ein ganzes Jahr lang des Zweiten Programms nicht teilhaftig werden kann, haben sich nur wenige Alt-Fernseher um die notwendigen Zusatzgeräte bemüht.

Die Einzelhändler disponieren daher mit größter Vorsicht. Ihre Bestellungen bei der Industrie gehen meist über Musterexemplare, die sie ins Schaufenster stellen, nicht hinaus. Der Vorsitzende der Fachgruppe Radio- und Fernseheinzelhandel, Heinz Müller in Düsseldorf: »Auf dem Gebiet Tuner-, Konverter- und Antennenverkauf ist überhaupt nichts los.«

Mit dem Aufklärungsfeldzug, der ihre größte gemeinschaftliche Werbeaktion seit Aufnahme der Fernsehgeräte-Produktion einschließt, wollen Fernsehindustrie und -einzelhandel das Absatztempo in den letzten Wochen des Jahres doch noch der für 1960 veranschlagten, höheren Produktion anpassen. Anders als gegen Ende des vergangenen Jahres will man sich auch streng gegen unangemessene Rabattverkäufe an die Kundschaft zur Wehr setzen, mit denen der Handel 1959 die Lager schneller räumen konnte.

Nur der angespannten Marktlage verdanken es die Käufer, daß die Industrie bisher noch nicht gewagt hat, eine Lohnsteigerung um 8.5 Prozent und die Verteuerung der Materialkosten um fünf bis sieben Prozent auf die Preise aufzuschlagen.

Eine ursprünglich schon für das kommende Wintergeschäft anvisierte Preiserhöhung um etwa sechs bis -zehn Prozent haben sich die Fernsehgeräte-Hersteller für die Zeit nach der Hannoverschen Frühjahrsmesse aufgespart. Nicht zuletzt mit freimütigen Hinweisen auf diese angeblich unvermeidliche Preiserhöhung hofft man in der Branche, das Geschäft während der kommenden Wochen zu beleben.

* Am 28. November 1960 verhandelt das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe über den Antrag Niedersachsens, Hessens, Bremens und Hamburgs, der bundeseigenen Fernsehgesellschaft die Ausstrahlung eine zweiten Programms durch Einstweilige Anordnung zu verbieten.

TV-Handelsfunktionär Oppe

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