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STIERKÄMPFER Auf Hochzeitsreise

aus DER SPIEGEL 1/1954

Der Stierkampf ist ein Ventil für unser tragisches Lebensgefühl. Das Empfinden der Gefahr und die Idee des Todes schweben darüber.

(Der spanische Schriftsteller Felipe Sassone.)

Corrida de toros in Lima! Die Arena der peruanischen Hauptstadt tobt und kocht wie im Delirium. Als Gast-Torero erwartet der spanische Stierkampf-Star Antonio Ordoñez in der Mitte der Kampfbahn den Angriff des Stiers. Im selbstgefälligen Spiel fächelt und flirtet der Matador mit der Muleta*).

Der »Toro« galoppiert durch das Rund der Arena, bremst mit den Vorderläufen ab, daß der Staub hochwirbelt, läßt sich durch das rote Tuch reizen und setzt dann schnaubend und dampfend zum Angriff an.

Tief im Sand schleift die Muleta. Tief am Boden hält auch der Toro die Schnauze, die kleinen, wütenden Augen nur auf das vor ihm hin und her gaukelnde Tuch gerichtet. Der Stier scheint im stürmenden Galopp Muleta und Torero zu überrennen.

Doch mit einer knappen Bewegung weicht Don Antonio den spitzen Hörnern und dem Tode auf Millimeter genau aus. Der Toro braust vorbei, wie es bereits das Lehrbuch des Stierkampfes von Ramirez de Harro aus dem 16. Jahrhundert berichtet: »Der Stier greift mit solcher Stoßkraft an, daß er sich während des Laufens nicht mehr fangen kann, und beim Zusammentreffen (mit dem Torero) schließt er die Augen. Das sind zwei große Fehler, seinen Absichten sehr hinderlich. Andererseits nützen sie demjenigen, der ihn erwartet, denn leicht kann man ausweichen. Obwohl der Stier die Täuschung erkennt, besitzt er zum Umkehren nicht genügend Wendigkeit, und bis er sich herumdreht, bleibt viel Spielraum für das, was man tun will.«

Wieder flirtet die Muleta mit dem Zorn des Toros, wieder schnauft der Bulle heran, und wieder läßt Don Antonio den gehörnten Tod an sich vorbeirasen. Auf den Tribünen brüllen die Fans des Stierkampfes, die Aficionados, ihr begeistertes, lang gezogenes »O - lé!«

Fünf solcher »pases de muleta« (Schritte mit der Muleta) sind nach den Gesetzen der Corrida Reglement. Fünfmal will das Volk den Tod heranbrausen sehen,

*) Die Muleta ist ein kleines, dunkelrotes Tuch, das an einem fünfzig Zentimeter langen Stock befestigt ist. Der Torero gebraucht sie in den letzten Phasen des Kampfes, um den Stier zu reizen und ihn möglichst nahe an sich herankommen zu lassen. Bei Beginn seines Kampfes benutzt er das weit größere, karmesinrote »Capa«, das dem Torero gestattet, den Stier viel weiter auf Distanz zu halten. und fünfmal mindestens soll der Torero mit ihm spielen. Erst dann hat der Matador die Muleta mit der linken Hand nach rechts zu halten, das Gewicht auf das linke Bein zu verlagern, den Degen in Augenhöhe zu heben, zu zielen, sich fast über den Kopf des Toro fallen zu lassen, um dann den Stahl bis zur Parierstange in das Blatt des Tieres zu schieben - wenn er nicht inzwischen bereits an den Hörnern des Ungetüms hängt.

Aber da geschieht das Einmalige! Don Antonio hat den Stier fünfmal an sich vorbeirasen lassen - da wendet er sich ab, zieht seinen Dreispitz und verläßt die Arena, ohne den Toro getötet zu haben. Auf den Tribünen schien die Welt zusammenzustürzen: Auf dem Höhepunkt der kultischen Handlung, denn das ist für die südlichen Völker der Stierkampf, hatte sich der höchstbezahlte aller »Matadore de toros« demonstrativ geweigert, den Stier zu töten.

Mit diesem Verhalten hatte der Torero Antonio Ordoñez den Bürgermeister von Lima auf die Hörner nehmen wollen. Erst im Oktober hatte der Stierkämpfer im heimatlichen Spanien die Schwester von Don Luiz Dominguin, einem anderen As der Toreros, geheiratet. Drei Tage hatte die Hochzeit gedauert, und Gäste waren hochangesehene spanische Regierungsbeamte, Künstler, Angehörige des Hochadels und Zigeuner gewesen. Dann hatte das junge Paar eine Woche in Einsamkeit verbracht und war schließlich auf Hochzeitsreise nach Südamerika gefahren.

In Lima wurde nun der hochzeitsreisende Don Antonio gedrängt, den Peruanern seine Kunst zu zeigen. Aber dieser Torero fordert und empfängt Gagen für einen Kampf, wie sie kaum Hollywooder Filmstars für die gesamten Dreharbeiten eines Films erhalten. Darüber hatten sich die braven Stadtväter von Lima so geärgert, daß sie von Don Antonio statt der üblichen fünf »pases de muleta« vierzig forderten: »Weil sein Ansehen so hoch ist und er so gut bezahlt wird.«

Der Hochzeiter wußte, daß niemand, selbst wenn er sich nicht in diesen außergewöhnlichen Umständen befindet, eine derartige psychische und physische Belastung durchzuhalten imstande ist. Ein durchschnittlicher Matador gibt, wenn das Publikum es verlangt und er mit der vorgeschriebenen Kampfzeit gut auskommt, drei, höchstens vier »pases de muleta« zu. Der große »göttliche« Manolete, der vor sechs Jahren von einem Stier geschlitzt wurde, zeigte dieses graziöse Schauspiel niemals mehr als achtmal.

Antonio Ordoñez nahm die Bedingung des Stadtrats von Lima ohne ein Zucken mit der Wimper an - und kassierte zunächst einmal seine Gage. Dem Stier aber ersparte er sein Schicksal.

Jetzt hat der Stadtrat von Lima den in Spanien vergötterten Torero zu einer Konventionalstrafe von 50 000 Dollar verdonnert. Weigert sich Don Antonio, die Buße zu zahlen, wird es ihm auf Lebenszeit verboten sein, in Peru nochmals Stiere womöglich nicht zu töten.

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