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8. MAI Auf höchstem Niveau

Der 40. Jahrestag der Kapitulation hat in den Parteien eine Art Mobilmachung bewirkt: Wie feiern, wenn vier Tage später in Nordrhein-Westfalen gewählt wird? *
aus DER SPIEGEL 7/1985

Was für ein Tag. Mit einer Feierstunde im Bundestag geht es los. Danach werden in der Kathedrale der Nation, dem Dom zu Köln, die Großen der Republik beim ökumenischen Gottesdienst würdig beieinandersitzen.

Delegationen aus Warschau, Minsk, Coventry und Lidice rollen über die Grenzen, Betriebsgruppen organisieren Unterschriftenaktionen, Gewerkschafter radeln in einer Stafette entlang der DDR-Grenze, in Berlin ist ein Gedenkgottesdienst für den Frieden angesetzt.

Schriftsteller aus Ost und West versammeln sich in Heidelberg, im rheinischen Stolberg gibt es einen historischen DGB-Jugendwettbewerb: »Leben nach der Stunde Null.« Minister gehen wieder zur Schule, sprechen im Unterricht als »Zeitzeugen« über den May-Day, den 8. Mai 1945, als die deutsche Armee bedingungslos kapitulierte.

Was leise und besinnlich vor sich gehen sollte, wird diesmal von den Parteien inszeniert wie ein großes Spektakel, vor allem für das Fernsehen - und mit Hakeleien hinter der Bühne.

Noch ehe es mit dem Gedenken losgeht, gibt es Unfrieden. Der rheinische Präses Gerhard Brandt wirft dem Kanzler vor, er wolle die Kirche zur »Kulisse

für eine staatliche Veranstaltung« machen. Auch der Katholik Bernd Marz, Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz, ist »nicht daran interessiert, daß der Gottesdienst zu einer politischen Demonstrationsschau für Kohl und Reagan« wird, etwa so, wie es Kohl beim versöhnlichen Händedruck mit Frankreichs Staatspräsident Mitterrand in Verdun vorgeführt hat.

Daß es zum 40. Jahrestag nicht nur um Versöhnung und Frieden geht, hängt mit einem wichtigen Termin vier Tage später zusammen: Am 12. Mai wird in Nordrhein-Westfalen ein neuer Landtag gewählt, und das Votum der über zwölf Millionen Wahlberechtigten wird bis nach Bonn wirken.

Verteidigt SPD-Spitzenmann Johannes Rau erfolgreich seine absolute Mehrheit, bleibt er für die Bundestagswahl 1987 als Kanzler-Kandidat erste Wahl. Die CDU kann im bevölkerungsreichsten Bundesland testen, ob mit Helmut Kohl noch Wahlen zu gewinnen sind.

Die Ausgangslage sieht für den Bundeskanzler auf dem Papier nicht rosig aus. 53 Prozent der NRW-Wähler glauben nach einer nicht veröffentlichten Infratest-Umfrage an die absolute Mehrheit für die SPD. Während vor der letzten Wahl im Mai 1980 nur 40 Prozent der CDU-Wähler den Sozis die besseren Wahlchancen einräumten, sind es jetzt 61 Prozent.

Der Kanzler hat, auch zur Aufbesserung seines Ansehens, schon den Weltwirtschaftsgipfel, der eigentlich im Sommer stattfinden sollte, vorverlegen lassen. Die Regierungschefs treffen sich vom 2. bis 4. Mai in Bonn. US-Präsident Ronald Reagan wird wohl danach noch bis zum 8. Mai bleiben - dem Tag, an dem »die ganze Welt auf Deutschland schauen wird« (Kohl).

Die Sozialdemokraten fürchten, das Treffen samt Gedenk-Rummel könne sich »wie Watte« (so ein SPD-Landesvorstandsmitglied) über ihren Wahlkampf legen. Sie haben sich deshalb zu Gipfel, Reagan-Besuch und 8. Mai eine Gegenstrategie ausgedacht.

In einem vertraulichen Papier hat die Düsseldorfer Staatskanzlei fast zwei Dutzend »Vorschläge und Alternativen« zum Jahrestag der Kapitulation ausgetüftelt. Die meisten Gedenk-Auftritte werden in NRW zelebriert, wo sich alle Parteien zudem noch auf einen wahlkampffreien Tag geeinigt haben.

Das Thema, das dabei insgeheim unterlegt wird, heißt: Rau gegen Kohl. Weil der Kanzler bereits am 21. April im KZ Bergen-Belsen einen Kranz niederlegt, soll Rau »etwa Ende April eventuell gemeinsam mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland und mit den beiden Kirchen eine jüdische Delegation empfangen«. Weitere »Elemente vor dem 8. Mai": Kranzniederlegung am Grabmal des Unbekannten Soldaten auf dem Friedhof Arlington in Washington und auf einem deutschen Soldatenfriedhof in der Sowjet-Union.

Wenn der Kanzler mit CDU-Oppositionsführer Bernhard Worms und sonstigem Gefolge in den Kölner Dom einziehe, müsse klargestellt sein, daß ebenso wie Worms auch die SPD-Landesregierung »an vorderster Stelle« mit dabei sei. In ganz Nordrhein-Westfalen soll geflaggt werden - »vollmast«. Falls Bonn nicht zuvorkommt, wollen die Sozialdemokraten am Vortag landesweit in den Tageszeitungen Anzeigen schalten. Abends dann, zur besten Sendezeit, soll Rau im Fernsehen zu den Bürgern sprechen.

Auch im Rundfunk soll der 8. Mai gewürdigt werden. Der Ministerpräsident hat den WDR-Intendanten schriftlich gebeten, gründlich über Trümmerfrauen und den Beginn der Demokratie zu informieren.

In den Schulen fällt der übliche Unterricht aus, statt dessen werden die Schüler über Frieden und Wiederaufbau belehrt. Prominentester Lehrer wird Kultusminister Hans Schwier sein. Er will Realschülern von seiner »Angst vor dem Sterben im Krieg berichten« und, wie froh er war, als alles vorbei war.

Alle Städte werden aufgerufen, Partnergemeinden einzuladen - auch die aus der DDR. Kohls Sprecher Peter Boenisch: »Ein SPD-SED-Projekt.«

Die Kritik aus Bonn zeigt, daß sich die CDU - trotz aller Show - mit dem Gedenktag schwerer tut als die Genossen. Generalsekretär Heiner Geißler steht mit seiner Ansicht, es bestehe kein Anlaß, den »Sieg des kommunistischen Sozialismus über den Faschismus zu feiern«, in der Union nicht allein. Fraktionschef Dregger assistiert: »Katastrophen kann man nicht feiern.«

Schon zum 20. Jahrestag, als die Nachbarn der Westdeutschen vor Freude trommelten und pfiffen, hielt sich die CDU zurück. Ein Deutscher, erklärte 1965 der ehemalige Moskau-Botschafter Hans Kroll, könne doch nicht »auf die eigene Niederlage trinken«. Er wisse »gar nicht«, mäkelte fünf Jahre später der ehemalige PG Kurt Georg Kiesinger, »was wir am Tag der Unterwerfung, äh, Kapitulation, zu feiern haben«.

Zum 30. Jahrestag der Kapitulation begnügte sich Bonn mit einer Gedenkstunde in der Schloßkirche der Universität. CDU-Außenpolitiker Alois Mertes, inzwischen Staatsminister im Auswärtigen _(Im September 1984 in Verdun. )

Amt, stellte seinerzeit klar: »Nicht der deutsche Staat, sondern die deutsche Wehrmacht kapitulierte 1945.« Das Auswärtige Amt verbot seinen Diplomaten »eine Teilnahme an Siegesfeierlichkeiten und den aus ihrem Anlaß veranstalteten Empfängen«.

In der Union gibt es bis heute keine einheitliche Linie. Der von Kohl angeregten Feierstunde im Parlament werden einige Dutzend CDU/CSU-Politiker fernbleiben, obwohl der 8. Mai mit dem Gast aus Washington auch als antisowjetische Demonstration gedacht ist. Vorsichtshalber gilt die Gedenkfeier nicht als Feierstunde des Bundestages, sondern im Bundestag - ohne Präsenzpflicht für die Abgeordneten.

Das zentrale Friedensfest der Sozialdemokraten wird in Nürnberg veranstaltet, auch deshalb, weil eine Kundgebung in Nordrhein-Westfalen als Wahlveranstaltung mißgedeutet und vom Fernsehen ignoriert werden könnte. Als Redner fest eingeplant: Rau und Brandt.

In der Frankenhalle treten am gleichen Abend Künstler aus acht Ländern unter dem Motto: »Gemeinsame Erinnerungen - gemeinsame Verantwortung für die Zukunft« auf. Die Veranstaltung soll, sagt SPD-Bundesgeschäftsführer Glotz, »auf höchstem Niveau« stattfinden. Udo Lindenberg singt auch.

Im September 1984 in Verdun.

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